Lohnspiegel der Böckler-Stiftung Knapp die Hälfte der Beschäftigten bekommt Urlaubsgeld
Urlauber am Nordstrand von Norderney: Wer tarifgebunden arbeitet, hat gute Chancen auf Urlaubsgeld
Foto: Hauke-Christian Dittrich / dpaDer Juni ist der Monat, in dem viele Betriebe Urlaubsgeld auszahlen. Allerdings kann sich nur weniger als die Hälfte der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in der Privatwirtschaft über diese Sonderzahlung freuen. Ihr Anteil ist in diesem Jahr auf 47 Prozent nur leicht gestiegen, wie aus einer Auswertung des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung hervorgeht. 2022 waren es noch 46 Prozent.
Die Frage, wer Urlaubsgeld erhält, ist laut WSI von verschiedenen Faktoren abhängig. So erhalten besonders Beschäftigte in tarifgebundenen Unternehmen (74 Prozent) diese Zahlung. In Unternehmen ohne Tarifvertrag sind es den Angaben zufolge nur 35 Prozent. Die regionalen Unterschiede sind ebenfalls groß: In Ostdeutschland (34 Prozent) wird nach wie vor deutlich seltener Urlaubsgeld gezahlt als in Westdeutschland (49 Prozent). Und im Westen ist das Urlaubsgeld in vielen Branchen immer noch höher.
Für die Analyse wurden die Angaben von fast 60.000 Beschäftigten aus dem Zeitraum von Anfang Mai 2022 bis Ende April 2023 ausgewertet. Die Daten beruhen auf dem WSI-Onlineportal Lohnspiegel.de – einer kontinuierlichen Onlineumfrage unter Erwerbstätigen in Deutschland. Sie ist nicht repräsentativ, erlaubt laut WSI aber aufgrund der hohen Fallzahlen detaillierte Einblicke in die tatsächlich gezahlten Vergütungen und die Häufigkeit von Sonderzahlungen. Nicht berücksichtigt wurden Beschäftigte des öffentlichen Dienstes, bei denen das Urlaubs- und Weihnachtsgeld seit der Tarifreform des Jahres 2005 in einer einzigen Jahressonderzahlung zusammengefasst wird.
Zahlung für den Alltag statt für die Fernreise gebraucht
Ein weiterer wichtiger Faktor ist laut WSI die Größe des Unternehmens: Je größer, desto eher gibt es Urlaubsgeld. Vermutlich auch, weil in großen Firmen häufiger Tarifverträge gelten. Auch zwischen den Geschlechtern stellt das Institut deutliche Unterschiede fest: Während die Hälfte aller Männer (50 Prozent) in Betrieben arbeiten, die ein Urlaubsgeld zahlen, erhalten nur 41 Prozent der Frauen eine entsprechende Sonderzahlung.
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Auch ein hohes monatliches Einkommens erhöht die Chancen auf Urlaubsgeld. Geringverdiener mit einem Bruttomonatslohn von unter 2300 Euro erhalten es nur zu 38 Prozent, in den darüberliegenden Entgeltgruppen ist es fast die Hälfte.
Das kann sozialpolitisch schwierig sein. »Ursprünglich war das seit den Sechzigerjahren in vielen Branchen eingeführte tarifvertragliche Urlaubsgeld dafür gedacht, um mehr Beschäftigten einen Jahresurlaub zu ermöglichen«, sagt der Leiter des WSI-Tarifarchivs, Thorsten Schulten. »Aktuell dürfte das Urlaubsgeld hingegen bei vielen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern eher ein willkommener Puffer sein, um die hohen Belastungen durch die stark gestiegenen Lebenshaltungskosten zu tragen.« Dass die Beschäftigten im Niedriglohnsektor beim Urlaubsgeld »einmal mehr zu den Verlierern gehören«, so Schulten, sei angesichts dessen umso schlimmer.
Die Höhe des tarifvertraglich vereinbarten Urlaubsgeldes fällt je nach Branche sehr unterschiedlich aus: Zwischen 180 und 2686 Euro bekommen Beschäftigte in der mittleren Vergütungsgruppe dieses Jahr als tarifliches Urlaubsgeld. Am wenigsten Urlaubsgeld bekommen Beschäftigte in der Landwirtschaft und im Hotel- und Gaststättengewerbe. Die höchsten Zahlungen erhalten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer unter anderem in der Holz- und Kunststoffverarbeitung, in der Papier verarbeitenden Industrie, in der Metallindustrie, in der Druckindustrie, im Kfz-Gewerbe, im Versicherungsgewerbe, im Einzelhandel, im Bauhauptgewerbe und in der Chemischen Industrie.
Gegenüber dem Vorjahr hat sich das tarifliche Urlaubsgeld in 8 von 22 der hier untersuchten Branchen erhöht. In der Eisen- und Stahlindustrie gibt es kein gesondertes tarifliches Urlaubsgeld, da es mit dem Weihnachtsgeld zu einer einheitlichen Jahressonderzahlung zusammengefasst wird. Auch im Bankgewerbe und in einigen Branchentarifverträgen der Energiewirtschaft gibt es kein tarifliches Urlaubsgeld.