Volkswagen-Aufsichtsratssitzung: Und es grollt und grollt und grollt - DER SPIEGEL
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VW-Aufsichtsratssitzung Und es grollt und grollt und grollt...

VW zerlegt sich selbst. Statt für Aufklärung in der Abgasaffäre zu sorgen, diskutiert das Management über Millionenboni und der Betriebsrat führt ein Vorstandsmitglied öffentlich vor. Am Freitag soll der Aufsichtsrat das Chaos ordnen.
VW-Werk in Wolfsburg
VW-Werk in Wolfsburg

VW-Werk in Wolfsburg

Foto: Rainer Jensen/ picture alliance / dpa
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Für VW ist es "die Dieselthematik". Für Anwälte in den USA "eines der dreistesten Verbrechen eines Unternehmens in der Geschichte". Seit im September vergangenen Jahres bekannt wurde, dass VW bei Abgastests systematisch betrogen hat, steckt der Konzern in einer existenzbedrohenden Lage. Doch statt Krisenbewältigung herrscht Chaos bei Europas größtem Autobauer. Wenn am Freitag der Aufsichtsrat zusammenkommt, bietet sich den Kontrolleuren ein desaströses Bild: unwürdige Diskussionen, unerledigte Probleme und viele offene Fragen.

Diesel-Motor im Werk Salzgitter

Diesel-Motor im Werk Salzgitter

Foto: Julian Stratenschulte/ dpa

Noch kein Rückrufplan für die USA

Bis zum Donnerstag dieser Woche muss VW sich mit der amerikanischen Umweltbehörde EPA auf eine technische Lösung für knapp 600.000 manipulierte Diesel einigen, sonst droht im Sommer ein Prozess. Auch ein Rückkauf betroffener Modelle scheint nicht ausgeschlossen.

Das Ultimatum geht auf den zuständigen Richter Charles Breyer im Bundesstaat Kalifornien zurück, der für hartes Durchgreifen bekannt ist. Kommt es zu einer Annäherung, wären die finanziellen Folgen des Dieselskandals absehbar und VW könnte die außergerichtliche Entschädigung der Autobesitzer und Anleger einleiten.

Für VW geht es um sehr viel Geld. In den USA sieht sich der Konzern mit Hunderten Zivilklagen wegen Vertragsbruchs, Betrugs und Verstößen gegen Umweltgesetze konfrontiert, die alle zu einem Mega-Verfahren gebündelt wurden. Darunter auch eine Zivilklage des US-Justizministeriums im Auftrag der EPA, die allein Strafen von mehr als 45 Milliarden Dollar fordert. Dass VW diese Summe tatsächlich zahlen muss, ist jedoch unwahrscheinlich. Sie gehört zur Strategie, um im Falle eines Vergleichs eine möglichst hohe Summe zu erzielen.

Software-Update für den VW Amarok

Software-Update für den VW Amarok

Foto: Julian Stratenschulte/ dpa

Fehlstart beim VW-Rückruf in Deutschland

Anfang Februar startete der Riesenrückruf von betroffenen VW-Modellen in Deutschland, der bis zum Jahresende abgeschlossen sein soll. Doch der Auftakt geriet zum Flop. Als erstes Modell erhielt das Nischenmodell Amarok ein Software-Update. Kurz danach schrieb die Fachzeitschrift "Auto Motor Sport" von Problemen bei der Nachbesserung, denn der Ausstoß der Stickoxide beim Pick-up-Modell blieb gleich, der Verbrauch hingegen war gestiegen.

Daraufhin stoppte das Kraftfahrtbundesamt den für die neunte Kalenderwoche geplanten Rückruf des VW Passat und forderte weitere Nachtests ein. Noch immer gibt es keine Freigabe durch das Kraftfahrt-Bundesamt. Durch die Verzögerungen beim Passat ist der Rückruf-Plan von VW hinfällig.

VW Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch

VW Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch

Foto: ODD ANDERSEN/ AFP

Peinliche Diskussion über Bonuszahlungen für den VW-Vorstand

Während erste Leiharbeiter das Unternehmen verlassen, VW-Mitarbeiter auf ihre Erfolgsbeteiligung verzichten müssen und Aktionäre bestenfalls nur eine minimale Dividende erwarten , kämpften die Vorstände in den vergangenen Wochen um ihre Millionenboni . Offenbar haben sich die Vorstände nun auf eine Kürzung ihrer erfolgsabhängigen Bonuszahlung verständigt, doch einem Teil der Aufsichtsräte geht das offenbar nicht weit genug wie das "Handelsblatt" berichtet.

Angesichts der Lage, die Ex-Finanzvorstand und neuer Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch selbst als "existenzbedrohende Krise" bezeichnete, erscheint die Diskussion der Manager nicht nur dem VW-Betriebsrat als unmoralisch. Die Entscheidung über die Bonuszahlungen soll in der Aufsichtsratssitzung am Freitag fallen.

VW-Chef Matthias Müller

VW-Chef Matthias Müller

Foto: Martial Trezzini/ picture alliance / dpa

Personaldiskussionen ohne Ende

Es gibt nur wenige Manager in der obersten Führungsetage von Volkswagen, die derzeit unumstritten sind.

  • Zum Kreis der Kritisierten gehört Volkswagen-Chef Matthias Müller. US-Anwälte wollen ihn wegen der Abgasaffäre persönlich zur Rechenschaft ziehen. Ihm wird unter anderem vorgeworfen, langjähriger "Leutnant" von VW-Chef Martin Winterkorn gewesen zu sein. Zudem sei in seiner Zeit als Porsche-Chef der Cayenne Diesel herausgebracht worden, der mit dem 3.0-Liter-Motor in den USA vom Abgasskandal betroffen ist. Entweder sei Müller Mitwisser gewesen oder habe die Vergehen ignoriert, so die Vorwürfe. Auch Audi-Chef Rupert Stadler ist unter den Beklagten. Jetzt berichtet  das "Handelsblatt" zudem, dass Audi die Schummelsoftware entwickelt haben soll.
  • Die Ernennung von Einkaufschef Francisco Javier Garcia Sanz zum Aufklärer in der "Dieselthematik" führte regelrecht zu Entsetzen bei Branchenkennern: "Da hat man den Bock zum Gärtner gemacht", so ein Ex-Automanager, der ungenannt bleiben will. Denn Sanz, dienstältester Vorstand bei VW, war in der Vergangenheit selbst in mehrere Affären verstrickt - unter anderem in einen Sponsoringskandal beim VW-Werksclub Vfl Wolfsburg. VW-Manager hatten offenbar die Fortsetzung eines Sponsorings für den Fußballklub verlangt, um im Gegenzug die Pflege von Computersystemen weiterhin an T-Systems zu vergeben.
  • Kurz nach der Ernennung von Hans Dieter Pötsch zum Aufsichtsratschef übten Investoren heftige Kritik an dem 65-Jährigen. Pötsch, von 2003 bis 2015 Finanzvorstand bei VW, wechselte ohne Karenzzeit in die Position des Chefaufsehers. Eine Farce, so die Kritiker, denn nun müsste ausgerechnet Pötsch prüfen, ob der Ex-Vorstand, dem er selbst angehörte, für den finanziellen Schaden des Abgasskandals mithaftbar gemacht werden kann.
VW-Markenchef Herbert Diess und Betriebsratschef Bernd Osterloh

VW-Markenchef Herbert Diess und Betriebsratschef Bernd Osterloh

Foto: Peter Steffen/ picture alliance / dpa

Streit mit dem Betriebsrat

Zwischen dem Betriebsratschef Bernd Osterloh und dem Chef der Marke VW Herbert Diess ist ein Streit über die Sicherung von Arbeitsplätzen entbrannt. Die Arbeitnehmervertreter verlangten vom Vorstand der Kernmarke Volkswagen Vertragsverhandlungen über einen "Zukunftspakt" für die kommenden Jahre. "Darin wollen wir feste Produkt-, Stückzahl- und Investitionszusagen für die nächsten Jahre festschreiben", schrieb der Betriebsrat an die Belegschaft.

Osterloh fürchtet, dass das Management angesichts der Abgasaffäre den Renditedruck verschärft und die Lage ausnutzt, um Stellen abzubauen. "So haben wir den Eindruck, dass der Diesel-Skandal hinterrücks dazu genutzt werden soll, personelle Einschnitte vorzunehmen, die bis vor wenigen Monaten kein Thema waren", heißt es in dem Brief, den auch die Betriebsratschefs aus Emden, Hannover, Kassel, Salzgitter, Braunschweig und Sachsen unterschrieben haben. Osterloh entzog dem Markenchef öffentlich das Vertrauen.

Verhandeln will Osterloh den "Zukunftspakt" nicht mit Diess, sondern mit Konzernchef Matthias Müller und Personalvorstand Karlheinz Blessing. Beide erklärten schnell ihre Zusage. Diess kann an den Gesprächen teilnehmen, doch damit ist er degradiert.

VW-Chef Martin Winterkorn

VW-Chef Martin Winterkorn

Foto: Markus Schreiber/ AP/dpa

Gesucht: Die kriminellen Strippenzieher

Der VW-Aufsichtsrat hat im Herbst vergangenen Jahres die US-Anwaltskanzlei Jones Day damit beauftragt, die Hintergründe und Verantwortlichen des Abgasskandals zu ermitteln. Bis Ende des Monats soll ein erster Zwischenbericht vorgelegt werden. Nach Informationen der Nachrichtenagentur dpa kann der geheime Bericht bislang keine endgültige Gewissheit über den Ursprung der illegalen Abgassoftware liefern. Der Verstoß lasse sich nur auf einige Entwicklungsabteilungen und den dort Beschäftigten eingrenzen.

Auch Ex-VW-Chef Martin Winterkorn soll demnach keine Mitschuld angelastet werden können - trotz der brisanten Wochenendpost. Demnach hätte der VW-Chef bereits im Frühling 2014 - also eineinhalb Jahre vor dem Dieselskandal - von den Manipulationen Kenntnis haben können. In seiner Post befand sich nämlich ein Hinweis, dass es beim Abgasverhalten des betroffenen Motors EA 189 Ungereimtheiten gab. "Ob und inwieweit Herr Winterkorn von dieser Notiz damals Kenntnis genommen hat, ist nicht dokumentiert", heißt es dazu in einer Stellungnahme von VW.

Dass ausgerechnet der als technikverliebt geltende Martin Winterkorn von der Schummelei nichts gewusst haben soll, lässt Branchenbeobachter staunen. So hielten führende Ingenieure auf dem weltweit renommierten Motorensymposium in Wien im Jahr 2008 einen Vortrag über den Skandalmotor. In dem Beitrag, der auch schriftlich veröffentlicht wurde, feiern sich die Verantwortlichen für die Entwicklung der neuen Technik: "Noch bis vor Kurzem für unmöglich gehaltene Wirkungsgrade und Langzeitstabilitätswerte, besonders für das NOx-Nachbehandlungssystem, wurden (....) erzielt." Wie es zu dem Wunderwerk kam interessierte offenbar niemanden im VW-Vorstand - oder doch?