meinung •VW nach Ferdinand Piëch Der König ist tot - wer braucht einen König?
Ferdinand Piëch (l.), Martin Winterkorn: Höchste Zeit für eine neue Zeit
Foto: DPAEs ist noch keine drei Wochen her, da schien Ferdinand Piëch unangreifbar. Das Wort des VW-Patriarchen galt als Befehl, selbst Andeutungen waren Gesetz. Mittlerweile jedoch entfalten selbst ausformulierte Ansagen keine Wirkung mehr. Schlimmer noch: Auf eine E-Mail, in der er seinen Unmut über die Bestellung von Louise Kiesling und Julia Kuhn-Piëch als Aufsichtsrätinnen zum Ausdruck brachte, antworteten die meisten Adressaten erst gar nicht. So harsch reagiert nur, wer etwas heimzuzahlen hat, wer oft gedemütigt wurde und in steter Angst vor dem Konzernlenker leben musste.
Wer soll nun das riesige Machtvakuum füllen, das sich nach Piëchs unrühmlichem Abtritt aufgetan hat? Berthold Huber, der ehemalige IG-Metall-Chef und bisher Vize im VW-Aufsichtsrat, wird für ein paar Monate aushelfen können. Doch bald muss eine tragfähige Lösung gefunden werden.
Winterkorns eiserner Griff um die Schalthebel
Womöglich soll es Hubers Interregnum Martin Winterkorn ermöglichen, geordnet die Nachfolge an der Konzernspitze zu regeln, um dann selbst die Macht im Aufsichtsrat zu übernehmen. Bislang jedenfalls galt er stets als Kronprinz Piëchs. Aus dem Machtkampf mit seinem langjährigen Förderer ist er als klarer Sieger hervorgegangen. Und nichts deutet darauf hin, dass Winterkorn freiwillig den eisernen Griff um die Schalthebel lockern wird - da steht er ganz in der Tradition seines Ziehvaters.
Tatsächlich jedoch sollte nach Piëch auch Martin Winterkorn gehen - und so den Weg frei machen für einen wirklichen Generationswechsel an der Konzernspitze. Dafür gibt es gute Gründe. Sein Alter zum Beispiel: Bei anderen Herstellern übernehmen Manager den Chefposten, die locker zehn Jahre jünger sind. Oder die Dauerbaustellen, die er seit Jahren nicht in den Griff bekommt - das angeschlagene US-Geschäft zählt dazu ebenso wie die die geringe Rendite der Kernmarke VW, die schleppende Verzahnung der Nutzfahrzeugtöchter MAN und Scania und das Endlosprojekt der Entwicklung eines Billigfahrzeugs.
Auch auf weiterreichende Fragen hat Winterkorn keine überzeugende Antwort parat: Wie sieht die Mobilität der Zukunft aus? Wo finden sich VW-Kunden in einer Gesellschaft, die sich allmählich vom Auto abwendet? Mit technischen Gimmicks und einem guten Finish werden sie kaum noch zu locken sein. Der Metallphysiker Winterkorn jedoch gilt eher als Qualitätsfanatiker denn als Visionär.
Kreativität auf einem Kasernenhof? Schwer denkbar
Wenig spricht dafür, dass andere im Konzern diese Zukunftsfragen beantworten können, solange Martin Winterkorn an der Spitze bleibt. Dazu wäre eine ganz andere Kultur notwendig als jene, die zurzeit im Volkswagenreich gepflegt wird. Loyalität gehört dazu und Identifikation mit dem Unternehmen, aber auch der Stil im Umgang mit den Mitarbeitern. Dass diese erst dann vollen Einsatz und Kreativität entfalten, wenn sie sich eingebunden fühlen, lernen moderne Manager schon in den ersten Semestern ihres Studiums.
Mit seinem autoritären Führungsstil hat Winterkorn - auch hier Piëch sehr ähnlich - die Firma geführt wie eine Kaserne. Für die Manager in der mittleren Führungsebener ist das Wort des Vorgesetzten Gesetz. Wer ausschert, riskiert seine Karriere. Kreativität und Eigeninitiative aber verkümmern, wenn die Mitarbeiter das Risiko fürchten, den Zorn der Oberen auf sich zu ziehen.
Eine Weile lang war dieses System der Garant für eine beispiellose Erfolgsgeschichte - weil der Konzernherr Piëch und sein Adlatus Winterkorn genau wussten, was sie wollten. Und weil es Winterkorn gelungen war, die gesamte Belegschaft auf ein gemeinsames Ziel einzuschwören: der größte Automobilkonzern der Welt zu werden.
Doch jetzt, nachdem das unauflöslich scheinende Duo zerbrochen ist, dürften die Zweifel wachsen, ob es sich lohnt, statt dem Willen Piëchs jetzt alles dem Willen Winterkorns unterzuordnen. Die Welle der Skepsis könnte am Ende auch die einfachen Arbeiter erfassen, die bislang Nutznießer der bisherigen VW-Führungskultur sind. Spätestens dann, wenn auch Winterkorn gezwungen sein wird, ihre Privilegien zu streichen, weil VW saniert werden muss.