Machtwechsel beim Industrieriesen Wie krank ist Siemens?
Siemens-Turbine: Der Auftragseingang ist zuletzt eingebrochen
Foto: Matthias Rietschel/ AP1. Konventionelle Kraftwerke: Leichte Unruhe im Stammgeschäft
Der Bau von Gaskraftwerken und Turbinen ist das Brot-und-Butter-Geschäft von Siemens . Der Konzern ist technologisch führend und erlöst in dem Geschäftsfeld jährlich einen zweistelligen Milliardenbetrag. In keinem anderen großen Bereich erwirtschaften die Münchener eine derart hohe Marge. Zuletzt lag sie bei 15,1 Prozent.
Ganz so rund wie gewohnt lief es zuletzt indes nicht. Der Auftragseingang ist eingebrochen, Umsatz und Gewinn waren rückläufig. Konkurrenten wie Alstom machten es kaum besser, der wichtigste Wettbewerber General Electric holte auf dem Gebiet aber mehr Gewinn heraus: Die Marge lag zuletzt bei 19 Prozent.
Die Amerikaner profitieren auf dem Heimatmarkt am stärksten von der gestiegenen Nachfrage nach Gaskraftwerken. Diese haben der Schiefergasboom und verschärfte Umweltvorschriften für Kohlekraftwerke ausgelöst.
In Europa, wo Siemens stark ist, ist die Nachfrage nach den Anlagen dagegen schwach: Gas als Brennstoff ist viel teurer als in den USA, zudem ist der Börsenstrompreis gerade sehr niedrig. Auch in China ist es Siemens bisher nicht gelungen, nennenswerte Marktanteile zu gewinnen. Die Staatsführung setzt stark auf Gas, um langfristig die dreckigen Kohlekraftwerke zu ersetzen. Für Siemens soll nun ein chinesisches Gemeinschaftsunternehmen die Türen öffnen - dahinter verbirgt sich ein gewaltiges Gewinnpotenzial.
Erneuerbare Energien: Viel Mut zum Wind-Risiko
Siemens-Windrad: Bei Offshore-Anlagen geht der Konzern viel Risiko ein
Foto: Ocotillo Wind TurbineErneuerbare Energien - das bedeutet bei Siemens fast nur noch Wind. Die Margen lagen in den jüngsten Quartalen unter fünf Prozent - zuletzt waren es gerade einmal 1,6 Prozent.
Doch im Vergleich zu den Wettbewerbern steht Siemens damit gut da. Als "exzellent" bezeichnet gar Analyst Volker Stoll von der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) die Marge. Tatsächlich ist es in der Branche derzeit äußerst schwer, überhaupt Gewinne zu erzielen - wie der Blick auf die Konkurrenten wie Vestas , Gamesa oder Repower zeigt. General Electric weist für das Windgeschäft keine Zahlen aus, lässt aber durchblicken, dass das Geschäft ebenfalls profitabel sei.
Während Siemens im Geschäft mit Onshore-Windrädern ein eher kleiner Anbieter unter vielen ist, sind die Münchener bei Offshore Marktführer. Wie kein anderer Weltkonzern setzt Siemens auf das Thema Windkraft auf See. Dabei hat der Konzern zuletzt mehrfach große Aufträge an Land gezogen - etwa in Großbritannien, Dänemark und Deutschland. Das Geschäft gilt wegen technischer Unwägbarkeiten als hoch riskant, gleichwohl als äußerst zukunftsträchtig. Siemens kann viel gewinnen und viel verlieren.
Vorerst nichts mehr zu gewinnen gibt es mit der Sonnenenergie, seit Siemens die verlustträchtige Solarthermie-Sparte abgestoßen hat. Die konkurrierende Fotovoltaik war am Markt nicht mehr zu schlagen.
Stromnetze: Siemens sucht den Gleichstrom-Anschluss
Offshore-Plattformen: Seit langem schreibt die Sparte hohe Verluste
Foto: SiemensDas Wort "Risiko" können auch die Mitarbeiter der Hochspannungs-Sparte Power Transmission vermutlich im Schlaf buchstabieren. Noch heute erinnert sie jeder Zwischenbericht daran, dass sie das Geschäft mit gigantischen Umpannungsplattformen für Offshore-Windräder vermurkst und damit wohl auch ihren alten Chef Peter Löscher auf dem Gewissen haben. Der Geschäftsbereich schreibt seit mehreren Quartalen hohe Verluste, weil die Plattformen nicht rechtzeitig fertig wurden.
Gebetsmühlenartig beschwört Siemens die guten Marktaussichten. Fast überall gebe es marode Stromtrassen, zahlreiche Länder verfügten bisher praktisch über gar kein Stromnetz. Allein - die Aufträge fallen spärlich aus, was wohl auch an der dürftigen Performance bei der Anbindung von Windkraftanlagen auf dem Meer zu tun hat.
"Siemens ist gemeinsam mit ABB führend", sagt Analyst Stoll immerhin. Allerdings: "Technologisch liegt ABB einen Tick weiter vorn." So haben die Schweizer zuletzt erstmals eine Sicherung für Gleichstrom-Hochspannungstrassen vorgestellt. Diese Technik könnte der Durchbruch für die gigantischen Elektrizitäts-Autobahnen bedeutet. Siemens muss in dem Bereich nun den Anschluss schaffen.
Medizintechnik: Aushängeschild mit Fragezeichen
Computertomograph: Erfolg mit einfachen Geräten für Schwellenländer
Foto: Siemens AGMedizintechnikchef Hermann Requardt hat das einstige Siemens-Sorgenkind zur Vorzeigesparte verwandelt: Die Marge des Bereichs lag zuletzt bei 14,8 Prozent und damit deutlich über der Konzernvorgabe von zwölf Prozent. Ein Sechstel des Siemens-Konzernumsatzes stammt aus der Medizintechnik. Siemens-Tomographen und Ultraschallanlagen finden sich in Krankenhäusern weltweit - ebenso wie Diagnostikgeräte in Labors. Auch Hörgeräte haben die Münchener im Programm.
Die Hauptwettbewerber von Siemens in Bereich medizinische Bildgebung heißen General Electric (GE), Philips und Hitachi , im Bereich Diagnostik zählen die Pharmafirmen Roche und Abbott zu den Konkurrenten. Zwar war die Healthcare-Sparte des großen Rivalen GE im zweiten Quartal noch etwas profitabler - die Gewinnmarge lag bei 16,2 Prozent. Doch insgesamt gilt Siemens Healthcare-Bereich als durchaus gesund.
In den vergangenen Jahren hat Siemens stärker auf einfachere Produkte gesetzt. Das hat sich bezahlt gemacht: Vor allem in Schwellenländern wie China konnte Siemens so Marktanteile gewinnen.
Einige Risiken hält die Sparte aber bereit. In vielen Industrieländern geraten die Gesundheitssysteme an ihre finanziellen Grenzen - deshalb müssen Krankenhäuser und öffentliche Gesundheitseinrichtungen sparen. Das erhöht die Risiken im Medizintechnik-Geschäft. Auch in den USA "gibt es große politische Unsicherheiten bezüglich möglicher Einsparmaßnahmen im Gesundheitssektor", sagt Commerzbank-Analyst Ingo-Martin Schachel.
Industriesparte: Sparprogramm kostet Marge
Software für Fertigungsanlagen: Der Konzern spürt die konjunkturelle Eintrübung
Foto: SiemensRund ein Viertel des Konzernumsatzes stammt bei Siemens nach wie vor aus dem klassischen Industriesparte. Siemens bietet hier einen ganzen Bauchladen an Produkten an - von kompletten Industrieanlagen über Antriebstechnik, Automatisierungssysteme für Fabrikanlagen, Elektromotoren in allen Größen bis hin zu spezieller Steuerungssoftware. Das Geschäft ist international: Je ein Viertel des Spartenumsatzes macht Siemens in Deutschland, im Rest Europas, in Asien und in Amerika.
Doch gerade in diesem Bereich bekommt Siemens die weltweite konjunkturelle Eintrübung zu spüren - wie auch die Konkurrenten ABB, Emerson Electric, Schneider Electric und General Electric. Industriekunden halten sich mit der Modernisierung ihrer Anlagen zurück - das zeigt sich auch in den Siemens-Zahlen. Zuletzt stagnierte der Auftragseingang der Sparte, der Umsatz ging um zwei Prozent zurück - und das Ergebnis brach im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um ein Drittel ein. Trotzdem liefert der Bereich noch eine Ergebnismarge von 10,2 Prozent.
Doch zuletzt schwächelte die Industriesparte bei der Performance etwas. Seit dem Start des Siemens-Sparprogramms hinke die Marge des Bereichs hinter den Wettbewerbern her, meinen Branchenkenner.
Infrastruktursparte: Schlusslicht mit vielen Baustellen
Hochgeschwindigkeitszüge: Probleme verhindern die pünktliche Auslieferung
Foto: SiemensDiese Sparte entstand auf Betreiben von Ex-Siemens-Chef Löscher, Kritiker bezeichnen sie schon als Resterampe. Hier fasst Siemens sein komplettes Infrastrukturgeschäft für Städte zusammen. Dazu zählen etwa ICE-Züge, die Gebäudetechnik, der Betrieb von herkömmlichen Stromnetzen oder die Energieautomatisierung - also etwa Anwendungen für das künftige intelligentere Stromnetz namens Smart Grid.
Etwas mehr als 20 Prozent des Konzernumsatzes stammen aus dieser Sparte. Doch Bereichschef Roland Busch hat derzeit viele Baustellen. Zwar stieg der Auftragseingang zuletzt wieder, doch der Umsatz der Sparte ist im ersten Halbjahr des Geschäftsjahrs 2012/2013 um ein Prozent zurückgegangen. Die Marge war zuletzt sogar negativ.
Probleme gibt es auch in der Produktion von Hochgeschwindigkeitszügen: Siemens kann seine ICE-Züge an die Deutsche Bahn derzeit nicht ausliefern, auch bei den Eurostar-Zügen kommt es zu Verzögerungen.
Konkurrenten wie Alstom , ABB oder Bombardier stehen da etwas besser da. So kommt etwa Alstoms Transportsparte derzeit auf eine Marge von 5,3 Prozent, die Auftragsiingänge stiegen jüngst um 13 Prozent. Bombardier kam im ersten Quartal - bei nicht ganz vergleichbarer Basis - auf eine Marge von 6,7 Prozent.