Windows 7: Microsoft kämpft um die IT-Herrschaft - DER SPIEGEL
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Windows 7: Das bessere Vista

Foto: A2800 epa George Frey/ dpa

Windows 7 Microsoft kämpft um die IT-Herrschaft

Windows 7 markiert eine Zäsur. Microsofts neueste Plattform, die jetzt in den Handel kommt, ist das vielleicht letzte Betriebssystem für eine Computernutzung, wie wir sie kennen. Es könnte einen neuen, epischen Kampf zwischen Microsoft, Google und Apple einläuten.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Microsoft

Windows 7

Hamburg - In einem aktuellen Werbevideo  nennt   sein Betriebssystem Windows den "Herzschlag des Unternehmens". Über sphärische Keyboardklänge hinweg zählt eine Frauenstimme bis sieben - dazu blitzen, synchron zu einem basslastigen Puls, die bisherigen Versionen des Betriebssystems auf. Seinen Höhepunkt erreicht das Video bei der bislang neusten Version , die ab diesem Donnerstag in den Läden steht: Der Sound schwillt an, der Puls rast, adrenalingeladene Männerschreie und lobende Zitate aus der Fachpresse verschmelzen zu einem pompösen PR-Crescendo.

Dann, plötzlich, wird es wieder still. Nur das Herz pumpt weiter in langsamen, dumpfen Schlägen.

Das gut einminütige Video ist, wenn man so will, eine verdichtete Darstellung der Evolution, die Microsoft durchlebt hat. Es zeigt, wie der Konzern, getrieben durch sein Kerngeschäftsfeld Betriebssysteme, zum größten Tech-Unternehmen der Welt wurde. Wie er die eigene Vormacht in den vergangenen Jahren aufs Spiel setzte (die gefloppte sechste Version Windows Vista wird nur einen Lidschlag lang im Video eingeblendet). Wie er auf einen Bilanzschub durch Windows 7 hofft. Und wie er in eine Zeit nach dem Windows-7-Tamtam blickt, in der sich vieles ändern wird.

Denn einerseits attestieren Experten Windows 7 durchaus gute Erfolgschancen. Die Rezensionen des Betriebssystems in der Fachpresse sind gut. Bis Ende 2010 könnten nach Berechnungen des Marktforschungsunternehmens IDC weltweit bis zu 177 Millionen Lizenzen abgesetzt werden. Die an Vertrieb und Produktion der Software beteiligten Unternehmen sollen durch Windows 7 bis 2010 mehr als 320 Milliarden Dollar erwirtschaften. Großunternehmen wie BMW, E.on, Axinom und Computacenter sind bereits auf das System umgestiegen oder haben diesen Schritt werbewirksam angekündigt.

Drohende Herzrhythmusstörungen

Apple

Google

Andererseits aber prognostiziert mancher Branchenkenner, dass der Start von Windows 7 den Beginn einer neuen Ära markiert. Die Konkurrenzverhältnisse im Computermarkt verschärfen sich zusehends. Die über 90-prozentige Marktabdeckung, die der Konzern mit seinen verschiedenen Betriebssystemversionen im PC-Markt erreicht, könnte bald wegbröckeln. Ein neuer epischer Kampf um die Vorherrschaft in der künftigen Computerindustrie bahnt sich an: ein Kampf zwischen Microsoft,  ,   und anderen Playern um die sogenannte Wolke.

Cloud Computing

Gemeint ist das sogenannte . Nutzer verlagern ihre Daten und Programme zusehends auf zentrale Server, die sie über verschiedene, oft mobile Endgeräte ansteuern können. Rechnerleistung wird so ins Internet ausgelagert, Nutzer können immer komplexere Aufgaben über ganz verschiedene Kleingeräte hinweg bearbeiten. Sie können etwa einen Text auf dem Heim-PC zu schreiben beginnen und unterwegs daran weiterarbeiten, oder ein anderer Nutzer an einem anderen Rechner tut dies. Dieser Trend aber, schreibt der "Economist" in seiner aktuellen Ausgabe, verschiebt nicht nur Microsofts Gravitätszentrum - sondern generell die Art und Weise, wie im Computersektor Wettbewerb geführt wird.

Der Siegeszug der Wolke verändert den Computersektor auf zwei grundlegende Arten. Erstens verändert sich die Zusammensetzung der Endgeräte, die Verbraucher als Computer nutzen. Zweitens laufen Programme immer öfter im Browser, lösen sich von konkreten Betriebssystemen. In beiden Dimensionen muss Microsoft sein Kerngeschäft verteidigen. Bei genauer Betrachtung hat Microsoft in vielen Bereichen gute Chancen, die Vorherschafft zu verteidigen. Das bequeme Monopol des Tech-Riesen aber dürfte bald bröckeln.

Hart umkämpfter Endgerätemarkt

(Smartphones)

Auf dem Endgerätemarkt, in der Peripherie der Wolke, wird der gute alte PC in den kommenden Jahren drastisch an Bedeutung verlieren. Er wird zu einer Bauform verkommen, die, wenn überhaupt, nur noch in der Arbeitswelt flächendeckend vorkommt. Gefragt ist künftig immer stärker, was klein, mobil und billig ist: schlaue Handys, mit denen man im Internet surfen kann oder abgespeckte Laptops mit langen Akkulaufzeiten (Netbooks). Beide Endgerätesegmente wachsen rapide und Microsoft ist dabei längst nicht mehr der unangefochtene König der Betriebssysteme.

Vor allem im Bereich der Smartphones ist der Softwareriese stark ins Hintertreffen geraten - obwohl der Markt als immer bedeutsamer gilt. Das Marktforschungsunternehmen iSuppli schätzt, dass sich die Zahl mobiler Endgeräte bis 2012 verachtfachen wird. Das aktuelle Handybetriebssystem Windows Mobile 6.5 aber wurde von der Fachwelt weitgehend als rückständig eingestuft. Je länger Microsoft kein konkurrenzfähiges Produkt zustande bekommt, sichern sich Apple und Google, aber auch Nokia  , immer mehr Marktanteile.

Apple vertreibt mit dem iPhone High-End-Hardware und Betriebssystem aus einem Guss - und fährt mit diesem Produkt seit mehreren Quartalen Rekordergebnisse ein. Google drängt mit seinem kostenlosen Handybetriebssystem Android in den Handymarkt. Bis Ende 2009 sollen 18 Android-Mobiltelefone auf dem Markt sein, bis 2012 dürften Google-Handys laut einer Studie des IT-Marktforschungsunternehmens Gartner einen höheren Marktanteil haben als iPhones. Der weltgrößte Handyhersteller Nokia hat mit Symbian und Maemo gleich zwei Mobilfunk-Betriebssysteme am Start.

Im Segment der Netbooks dagegen ist Microsoft derzeit in einer starken Ausgangsposition. Mehr als 90 Prozent der Netbooks laufen aktuell mit Windows. Microsofts neuestes Betriebssystem soll diese Vorherrschaft festigen. Das neue Windows 7 ist, anders als der Vorgänger Vista, so ressourcenschonend, dass es auch auf den Mini-Laptops läuft. Strategisch gesehen ist das ein wichtiger Schritt nach vorne, denn der Netbook-Sektor boomt. Nach Gartner-Schätzungen liegt sein weltweiter Anteil am PC-Markt mittlerweile bei mehr als 18 Prozent.

Allerdings lässt schon der Strukturwandel im PC-Markt Microsofts Betriebssystemeinnahmen schrumpfen: Netbooks müssen vor allem billig sein, das drückt die Preise für Microsofts Betriebssystem. In den Quartalszahlen von Ende Juni zeichnete sich dieser Trend bereits deutlich ab. Die Client-Sparte (alle Windows-Systeme für Desktop- und Notebook-Rechner) verbuchte im Jahresvergleich einen Umsatzrückgang von rund 4,36 Milliarden auf 3,1 Milliarden Dollar. Der operative Gewinn sank von 3,25 Milliarden auf 2,16 Milliarden. Analysten nannten als Hauptgründe den generellen Absatzeinbruch am PC-Markt, aber eben auch den wachsenden Anteil der Netbook-Sparte.

Wie Apple und Google die Fehde forcieren, Milliarden in die Wolke investieren und wie Microsoft die Zeit nach Windows plant

In den kommenden Jahren will vor allem Google kräftig im Netbook-Sektor mitmischen. Für nächstes Jahr hat der Suchmaschinenriese ein eigenes Betriebssystem unter dem Namen Chrome OS angekündigt. Konzernchef Eric Schmidt sagte, "Chrome Os" werde "ziemlich bald" auf den Markt kommen. Im Sommer hatte Google noch von einem Zeitplan bis Ende 2010 gesprochen - zunächst für einen Einsatz auf Netbooks, später auch für PCs.

Noch ist ungeklärt, wie schnell dieses Betriebssystem für Microsoft zum Risikofaktor wird. Zwar will Google es gratis vertreiben - und der Suchmaschinenriese wird, sofern er seiner bisherigen Strategie treu bleibt, noch stärker als Windows 7 den Trend forcieren, Daten und Programme in die Wolke auszulagern.

Um den Markt aber signifikant zu erschüttern, "müsste Google Services generieren, die nur über Chrome und nicht über den normalen Microsoft-Browser konsumiert werden können", sagt Gérard Richter, Leiter des Technologieressorts beim Unternehmensberater Oliver Wyman. Damit würden sie sich selbst von einem Großteil des Marktes ausschließen - entsprechend sei ein solcher Angriff unwahrscheinlich.

Apple kam Microsoft mit Neuankündigungen zuvor

Auch Apple gibt sich angesichts des Windows-7-Starts umtriebig. Zwei Tage vor Einführung des Betriebssystems stellte Microsofts Erzrivale auf seiner Bilanzpressekonferenz eine Reihe neuer iMacs und eine Maus mit iPhone-ähnlichem Multitouchpad vor. Mit der neuen Produktfamilie versucht Apple im Windschatten des Windows-7-Starts Anteile auf dem PC-Markt zu gewinnen. Denn der Start des neuen Betriebssystems läutet nach Einschätzung von Analysten einen neuen Kaufzyklus ein.

Viele Kunden werden sich in den kommenden Monaten neue Rechner kaufen - eine gute Gelegenheit auch für Apple, mit neuen Produkten zu punkten. Entsprechend kursiert in der Blogosphäre auch das Gerücht, Apple werde bald eine Groß-PR-Offensive starten, um Kunden beim Computer-Neukauf von Microsoft abzuwerben. Das Unternehmen selbst äußert sich dazu nicht

Auch auf dem Netbook-Markt könnte Apple Microsoft bald kräftig Marktanteile abtrotzen. Nach Vorstellung der Quartalsergebnisse sagte Tim Cook, operativer Chef des Unternehmens, diese Produkte basierten auf einer Hardware, die weit weniger mächtig sei als Nutzer sie sich wünschten. Apple beobachte den Netbook-Markt aber durchaus und habe auch "einige Ideen" dazu.

Wer wandert in die Wolke ab?

Die Umwälzungen auf dem Computersektor setzen Microsoft noch in anderer Hinsicht unter Druck. Nicht nur die Hardware entkoppelt sich ein Stück weit von konkreten Betriebssystemen, auch einzelne Anwendungen tun es zusehends. Dienste wie Textverarbeitung, Tabellenkalkulation oder Dateienverwaltung laufen zusehends autark im Browser. Microsoft hat diese Entwicklung in sein neues Betriebssystem Windows 7 aufgenommen - es ist deutlich stärker mit dem Internet verzahnt als Vista. Kontakte, Kalender oder E-Mails etwa können über Windows Live Service kostenfrei im Netz genutzt werden. Das nächste Paket der Office-Software, das Mitte 2010 auf den Markt kommt, wird ebenfalls viele Funktionen für die Wolke enthalten.

Experte Richter prognostiziert, dass diese Entwicklung Microsoft durchaus treffen wird - zumindest zunächst aber weniger bei den Großkunden. "Die durch Cloud Computing entstehende Zäsur betrifft insbesondere kleine und mittelständische Unternehmen sowie Start-ups", sagt er. "Sie ist vor allem für Web-Anwendungen geeignet, also eine Domäne, die vom Endgeräte-Betriebssystem weitgehend unabhängig ist."

Finanz- und Telekommunikationsdienstleister dagegen könnten ihre zentralen Infrastrukturen noch nicht ohne weiteres in die Wolke auslagern, da die Verfügung über Daten ein Kernbestandteil ihrer Wertschöpfung sei. "Diese Organisationen werden weiterhin Endgeräte mit entsprechenden Betriebssystemen nutzen, und hier hat Windows nach wie vor eine dominante Rolle", sagt Richter.

Kampf um Serverparks und Software-Suites

Gleichzeitig entsteht durch Cloud Computing für Konzerne wie Microsoft, Apple, Google oder auch IBM   und Amazon   ein neues, lukratives Geschäftsfeld. Tausende Dienstleister entwickeln Endgeräte-unabhängige Anwendungen, die großen Player schaffen nun möglichst fette Wolken, um kreative Programmierer zu binden. Das manifestiert sich erstens im Bau riesiger Serverparks. Google etwa betreibt Analysten zufolge gut drei Dutzend Datencenter mit rund zwei Millionen Servern; Microsoft soll mehrere Milliarden Dollar in eigene Rechenzentren investiert haben; Apple lässt in North Carolina einen Serverpark im Wert von geschätzt einer Milliarde Dollar bauen.

Zweitens bauen die Tech-Riesen auch Online-Vertriebsplattformen für Entwickler auf, um möglichst viel wolkenfähige Software im eigenen Angebot zu bündeln. Microsoft hat mit der Plattform Azure ein solches internetbasiertes Angebot am Start. Google bietet unterschiedliche Online-Anwendungen an, darunter auch Bürosoftware. Das Online-Versandhaus Amazon ist dazu übergegangen, die Vermietung von Rechnerkapazitäten zu einem zweiten Standbein zu machen, und auch IBM und SAP   bieten ihren Unternehmenskunden längst an, Software via Web zu nutzen.

Windows 8 soll 2012 kommen - und danach?

So stark die Umwälzungen auf dem Computermarkt auch sind - Microsoft scheint fest daran zu glauben, dass das Herz des Unternehmens noch eine Weile stabil schlägt. Nach Aussage von Acer-Aufsichtsratschef J.T. Wang bereitet der Softwareriese bereits ein neues Betriebssystem für Firmenkunden vor. Und laut einer konzerninternen Roadmap, die kürzlich in Branchenblogs für Wirbel sorgte, strebt Microsoft zudem die Veröffentlichung von Windows 8 im Jahr 2012 an. Details zu dem System sind bislang kaum bekannt.

Auch Oliver-Wyman-Spezialist Richter erwartet, dass Windows trotz verschärfter Konkurrenzverhältnisse noch eine Weile weiterleben wird - und allmählich seine Anbindung an die Wolke verbessert. "Die Cloud wird nicht in einem 'Big Bang' auf den Systemen Einzug halten, sondern schleichend integriert werden in Windows 8, 9 oder 10", sagt er. Den Siegeszug der Wolke erwartet er 2013/14. In diesem Zeitrahmen werde Microsoft "sein Gravitätszentrum anpassen".

Den Tod aller Betriebssysteme bedeutet diese Entwicklung nach Ansicht von Experten ohnehin nicht. Sie müssten noch immer recht leistungsfähig sein, sagt Thomas Liskamm, IT-Analyst bei der Commerzbank. Sie dürften eine Art Brückenfunktion einnehmen, die die in der Wolke verstreuten Daten und Anwendungen auf verschiedenen Endgeräten so miteinander verknüpfen, dass der Nutzer von diesen Übergängen idealerweise nichts mitbekommt.

Ein solches System bietet sowohl für Microsoft als auch für die Konkurrenz gute Chancen. Und der Softwareriese hat für diese mittlere Zukunft offenbar schon Ideen: Bereits im vergangenen Jahr bestätigte das Unternehmen die Existenz eines Forschungsprojekts mit dem Namen Midori. Der Windows-Nachfolger ist als Plattform-übergreifendes virtuelles System gedacht. Eine Architektur, die bei Bedarf Tausende PCs zu Mega-Rechnern vernetzen können soll. Es wäre kein Betriebssystem im eigentlichen Sinne mehr, sondern fast ein Ersatz dafür - ein bloßer Mittler zwischen den lokal oder per Netz zur Verfügung gestellten Daten und der jeweiligen Maschine.

Anders als Windows wäre Midori nicht an eine bestimmte technische Architektur gebunden. Es wäre ein Betriebssystem für die vernetzte Welt.