Flugsicherheit Windräder verwirren Flieger - und Energieunternehmen
Windenergie vs Flugsicherheit: 208 Windparks sind derzeit "blockiert"
Foto: Karl-Josef Hildenbrand/ picture alliance / dpaFrankfurt - Die Pachtverträge für das Grundstück waren schon unterzeichnet, zwei Gutachten zur Windgeschwindigkeit ließen eine gute Ausbeute erwarten. Auf einem freien Feld im Norden der Stadt Frankfurt am Main wollte der kommunale Energieversorger Mainova zusammen mit einer Spezialfirma noch in diesem Jahr vier große Windräder aufstellen lassen - ausreichend für bis zu acht Megawatt ökologisch korrekte Energie.
Die Mainova-Leute waren ihrer Sache sicher. Schließlich hatte die Genehmigungsbehörde, das Regierungspräsidium in Darmstadt, bereits im September 2011 schon mal unverbindlich seine Zustimmung signalisiert: Gegen das Projekt bestünden "nach derzeitigem Sachstand" keine Bedenken, mailte das zuständige Dezernat der Behörde damals nach Frankfurt.
Doch das änderte sich, als die Mainova und ihr Partner den Genehmigungsantrag dann im Spätsommer 2012 auch offiziell einreichten. Nun meldete sich die Deutsche Flugsicherung (DFS), die nach Darstellung der Mainova in den informellen Anfragen zuvor noch nichts gegen die Windräder einzuwenden gehabt habe. Doch die DFS betreibt knapp 11,5 Kilometer von den geplanten Rotoren entfernt ein UKW-Drehfunkfeuer, das von Verkehrsflugzeugen zur Navigation genutzt wird. Die Piloten peilen solche Funkfeuer an, um ihre Position festzustellen und ihren Kurs festzulegen.
Durch die unregelmäßigen Bewegungen der geplanten Riesen-Rotoren mit immerhin rund 90 Metern Durchmesser könnten die Funkstrahlen abgelenkt werden und die Flieger auf falsche, möglicherweise gefährliche Routen geraten, befürchtet die DFS. Deshalb zieht das Bundesaufsichtsamt für Flugsicherung auf Empfehlung der DFS inzwischen bis zu 15 Kilometer große "Schutzzonen" rund um die Funkfeuer. Den Windpark im Frankfurter Norden, teilte das Regierungspräsidium in Darmstadt der Mainova deshalb mit, könne nun leider doch nicht genehmigt werden.
Aus der Windkraft in Südhessen?
Eine ähnliche Abfuhr holen sich Windparkplaner seit einigen Monaten in vielen Teilen der Republik. Denn die DFS betreibt nach Angaben ihres Chefs Klaus-Dieter Scheurle derzeit fast 170 Funkanlagen in ganz Deutschland. 58 davon sind besonders sensible UKW-Drehfunkfeuer für die Navigation, in deren Nähe Windräder allenfalls noch nach strenger Einzelfallprüfung genehmigt werden sollen. Und dann gibt es noch Schutzzonen rund um militärische Radaranlagen, Richtfunkstrecken und Wetterradars des Deutschen Wetterdienstes.
Insgesamt 208 Windparks mit einer Gesamtleistung von fast 3350 Megawatt seien deshalb derzeit "blockiert", beklagt der Bundesverband Windenergie. Das entspricht der Leistung von zwei bis drei großen Atomkraftwerken. Energieversorger wie die Mainova, die aufgrund des Ausstiegs aus der Atomkraft massiv in erneuerbare Energien investieren wollen, halten die 15-Kilometer-Zonen für unangemessen groß. Schließlich sei Windkraft derzeit die mit Abstand effizienteste Öko-Energieform, argumentieren die Mainova-Leute. Und bis vor etwa zwei Jahren seien die Schutzzonen um DFS-Funkanlagen mit oft nur 3 bis 5 Kilometern auch noch deutlich kleiner gewesen.
In der Nähe von Luftverkehrsknoten, wie etwa dem Rhein-Main-Gebiet, könnten nach den neuen Vorgaben der DFS so gut wie keine Windkraftanlagen mehr gebaut werden, beklagt die Mainova. Von neun geplanten Windparks, mit denen die ortsnahe Stromversorgung des Ballungsraumes um Frankfurt gesichert werden sollte, lägen sieben in den 15-Kilometer-Zonen rund um Anlagen der Flugsicherung, rechnet das Unternehmen vor. Wenn die DFS bei ihrer harten Haltung bleibe, "wäre das gleichbedeutend mit dem Aus der Windkraft in Südhessen", beklagt Mainova-Vorstandschef Constantin Alsheimer.
Erste Erfolge der Energieversorger
Die DFS zeigt sich unbeeindruckt: "Die Sicherheit des Luftverkehrs muss vorgehen", sagte Fluglotsen-Chef Scheurle vergangene Woche im kleinen Kreis in Frankfurt. Die Vergrößerung der Schutzzonen auf 15 Kilometer habe sich die DFS nicht selbst ausgedacht, sondern es sei eine Empfehlung der internationalen Zivilflug-Organisation ICAO. Ohnehin sei das Problem gar nicht so groß, wie die Energieerzeuger behaupteten, meinte Scheurle: Von insgesamt rund 4400 Anträgen auf Windkraftanlagen seit 2004 habe die DFS bisher gerade mal 129 abgelehnt.
Doch diese Ablehnungen häuften sich eben gerade in letzter Zeit, weil die Schutzzonen erst jetzt so stark ausgeweitet würden, monieren die Windkraftnutzer. Dabei könne die Flugsicherung gar nicht schlüssig belegen, ob Windräder in größerer Entfernung wirklich für Störungen der Funknavigation verantwortlich seien. Die Mainova hat sich eine "Technische Stellungnahme" des Luftfahrt- und Militärunternehmens Cassidian anfertigen lassen, die das bezweifelt: Die Wirkung von mehr als 11 Kilometer entfernten Windrädern wie in Frankfurt sei "aufgrund der geringen Intensität kaum messtechnisch nachweisbar", heißt es in dem Papier.
Vereinzelt haben die Energieversorger mit ihren Protesten bereits erste Erfolge errungen. Das Verwaltungsgericht Hannover hat beispielsweise schon vor zwei Jahren den Bau eines von vier geplanten Windrädern erlaubt, die in der Nähe des DFS-Drehfunkfeuers "Leine" in Niedersachsen geplant sind (Aktenzeichen 4A 1052/10). Die Richter hielten sogar die Wirkung aller vier Windräder auf das Funkfeuer für noch tolerierbar. Rechtskräftig ist dieses Urteil allerdings noch nicht. Die DFS hat dagegen Berufung eingelegt.