Unternehmens-Software Unterhaltsames Hauen und Stechen
Hamburg - Der für seine ebenso polterigen wie überraschenden Auftritte bekannte Ellison hatte vergangene Woche ein Übernahmeangebot für das Softwarehaus PeopleSoft abgegeben. Hintergrund ist, dass Oracles kleiner Mitbewerber unlängst verkündet hatte, den Softwareanbieter J. D. Edwards schlucken zu wollen. Damit würde aus zwei kleineren Fischen ein größerer - offenbar groß genug, um Oracle auf den Plan zu rufen. PeopleSoft -Chef Craig Conway hat das Angebot Ellisons bereits empört abgelehnt.
Plötzlich kursieren in der Branche alle möglichen Planspiele. Erneut gibt es etwa Spekulationen, dass einer der größeren Anbieter der Branche den angeschlagenen CRM-Spezialisten Siebel Systems übernehmen könnte. Der Hersteller von Software zum Kundenbeziehungsmanagement hat im ersten Quartal 2003 erschreckende 30 Prozent seines Umsatzes eingebüßt. "Siebel könnte alleine nicht mehr lebensfähig sein", schreibt etwa der Marktforscher Precursor Group in einer von "Wall Street Journal" (WSJ) zitierten neuen Studie.
Das taktische PR-Geplänkel, mit dem solche Übernahmen in der Regel verbunden sind, könnte interessant werden - zumal die beteiligten Herren in herzlicher Feindschaft miteinander verbunden sind. Conway und Siebel sind ehemalige Oracle-Mitarbeiter. Beide haben in der Vergangenheit kaum einen Hehl daraus gemacht, dass sie ihren Ex-Chef für einen megalomanischen Irren halten. Conway zum Beispiel skizziert Ellison als einen üblen Misanthropen, für den es nur zwei Arten von Menschen mit Lebensberechtigung gibt: "Leute, die Codes schreiben, und Leute, die verkaufen." Tom Siebel spart ebenfalls nicht mit Gift und Galle. Als Ellison kürzlich orakelte, der Untergang des Silicon Valley sei nah, bemerkte Siebel: "Vielleicht hat er eine Sitzung mit seinem Therapeuten verpasst."
Was machen die Platzhirsche?
International Business Machines (IBM) überdenkt nach dem Oracle-Gebot offenbar seine bisherige Strategie. Sollte die Offerte erfolgreich sein, so werde IBM noch engere Allianzen eingehen müssen, fasst das "WSJ" in seiner Dienstagausgabe die Überlegungen eines Analysten zusammen. Dabei gehe es insbesondere um die Kooperation mit SAP, die IBM bereits jetzt einen Jahresumsatz von mehr als einer Milliarde Dollar beschere.
Die Idee, IBM könne als "weißer Ritter" gegen Oracle antreten und PeopleSoft übernehmen, halten die meisten Branchenkenner allerdings für überzogen. Denn der Konzern würde damit wohl mit ihm kooperierende Softwarehersteller wie SAP vor den Kopf stoßen. Anders sieht es bei Microsoft aus. Das Unternehmen aus Redmond versucht seit einiger Zeit, in den Markt für Unternehmenssoftware vorzudringen und hat in jüngerer Vergangenheit die Softwareanbieter Great Plains und Navision gekauft. Bisher gibt es allerdings keine Informationen, die nahe legen, dass Microsoft selbst eine Offerte für PeopleSoft oder einen anderen Anbieter erwägt.
Einige Analysten hielten das Gebot von Oracle für PeopleSoft sogar für eine Reaktion auf den Wettbewerb mit IBM, schreibt das "WSJ". Auf diesem Weg wolle Oracle Terrain im Segment Anwendersoftware gewinnen und den schrumpfenden Marktanteil im Bereich Datenbanken wettmachen, so das Argument. Laut der Unternehmensberatung Gartner/Dataquest hat IBM Oracle vergangenes Jahr erstmals beim Umsatz mit Datenbanken überrundet. IBM hält nun einen Anteil von 36 Prozent dieses Marktes, während Oracle auf 34 Prozent abgeglitten ist.
Thomas Hillenbrand