FERNSEHEN »Unverzeihliches Eigentor«
Am Tag des heillosen Chaos holte Bayer Leverkusens Manager Reiner Calmund die Meinung seines engsten Geschäftspartners ein. Was er von einem Bildschirmboykott als Druckmittel halte, wollte das Fußball-Schwergewicht am Donnerstagabend von Dietmar Kuhnt wissen. Der Vorstandschef des Bayer-Sponsors RWE gab eine klare Antwort. Fußball müsse ein unantastbares Volksgut bleiben, forderte der Essener Konzernmanager.
Calmund, der volksnahe Strippenzieher, fühlte sich bestätigt. Freitag früh machte er den Verantwortlichen der Deutschen Fußball Liga (DFL) klar, was er von dem Ultimatum gegenüber seinem TV-Lizenzpartner KirchMedia hält: »Schon allein die Drohung ist ein unverzeihliches Eigentor.«
Bunte Bilder gab es am Sonnabend zwar dann reichlich vom vorletzten Spieltag der Saison. Das Image der Bundesliga aber hat unter dem Laientheater im Vorfeld mächtig gelitten. Statt ein effizientes Krisenmanagement zu betreiben, irrlichterte die DFL-Führung von einem Fettnapf in den nächsten. »Ich bin entsetzt über so wenig Fingerspitzengefühl gegenüber den Fans«, wetterte Bayern Münchens Boss Karl-Heinz Rummenigge.
Die Idee der Vereine, sich vom verkrusteten Deutschen Fußball-Bund zu lösen und als Marke zu etablieren, droht zu scheitern. Noch gut in Erinnerung ist der Reinfall, als sich DFL-Geschäftsführer Wilfried Straub die Verlegung der Sat.1-Fußballshow »ran« in die Abendstunden abhandeln ließ - die Quoten rauschten in den Keller, das Experiment musste nach wenigen Spieltagen abgebrochen werden.
Bislang, sagt Leverkusens Geschäftsführer Wolfgang Holzhäuser, »hat die DFL ihre Aufgabe als Dienstleister nicht erfüllt.« Schalkes Manager Rudi Assauer spottet: »Es hat sich nichts groß verändert, außer dass die DFL Kosten verursacht.«
Taktische Fehler werfen diverse Clubs auch dem DFL-Präsidenten Werner Hackmann vor. Der hatte kurz nach dem Insolvenzantrag von KirchMedia öffentlich versichert, die letzte Saisonrate über 100 Millionen Euro (fällig am 15. Mai) sei gesichert. Die Vereine mochte er damit kurzfristig beruhigen, den Gläubigerausschuss machte er stutzig.
Garantien konnte der Insolvenzverwalter nur für jene Spiele abgeben, die nach der Insolvenz übertragen werden - ebenjene 21 Millionen Euro, auf die sich DFL und Kirch am vergangenen Freitag vorläufig einigten.
Dass sich die DFL-Spitze, wie sie selbst behauptet, von einigen Clubs unter Druck setzen ließ, zeigt die unterschiedliche Interessenlage der 36 Profi-Vereine: hier die Großen, die sich aus den fetten Trögen der Champions League nähren und mit Adidas oder Telekom paktieren; dort die Kleinen, die bis zu zwei Drittel ihrer Einkünfte aus den nationalen TV-Verträgen beziehen. Erste Clubmanager drohen, »die Solidarität aufzukündigen« - die DFL, gerade mal 54 Wochen alt, steht vor der Zerreißprobe.
Einfacher werden die nächsten Monate nicht. Bislang hat mit der DFL nur der Medienhändler Herbert Kloiber über den Kauf der TV-Rechte verhandeln wollen. Diesen Montag reist DFL-Manager Straub zu einem zweiten Gespräch nach München.
Kloibers Angebot wird deutlich unter den 460 Millionen Euro liegen, die Kirch für die Saison 2003/04 garantiert hatte. Zudem denkt Kloiber nicht daran, den Ausputzer zu geben. »Am wohlsten« wäre ihm, sagt er, »wir könnten im August 2003 übernehmen«.
Andere Bieter gibt es in diesen Tagen nicht. Weder die Öffentlich-Rechtlichen noch private Unternehmen wie der Bertelsmann-Ableger Sportfive verhandeln derzeit. Michael Pfad, Mediendirektor der DFL, wappnet sich bereits seit voriger Woche für den »worst case«. Bis August will der ehemalige Premiere-Sportchef die Infrastruktur aufgebaut haben, die TV-Bilder aus den neun Stadien eines Spieltages selbst zu produzieren - quasi einen DFL-Kanal »mit eigenem Regiekonzept«.
Fragt sich nur noch, wer Pfad & Co. die teuren Bilder abkauft und sendet.
JÖRG KRAMER, MARCEL ROSENBACH