US-Buslinien Der Angriff der Discount-Drachen
New York - Die Chinesin steht an der offenen Bustür und macht eine einladende Handbewegung. Sie redet Englisch, sobald sie einen Weißen sieht: "Philadelphia, ten dollars, ten dollars." Es sind die einzigen Brocken, die sie kann. Mehr braucht sie auch nicht. Die Nicht-Chinesen, die so tief nach Chinatown vordringen, suchen alle nur das eine: die Haltestelle der billigsten Busse in den USA.
Busbahnhof ist ein zu edles Wort für den Bürgersteig im Schatten der Manhattan Bridge, an dem die Busse des Unternehmens Dragon Coach halten. Doch genau diesen Zweck erfüllt die vergessene Ecke, die in keinem Reiseführer erwähnt wird. Die Fahrkarten werden aus einer chinesischen Reinigung und einem Restaurant heraus verkauft. Alles hier ist chinesisch, nur wenige Schilder zweisprachig. Die Busse halten direkt vor der Reinigung. Hinter der Windschutzscheibe stehen die Ziele: Washington, Boston, Philadelphia, sogar Detroit.
Was Mitte der neunziger Jahre als Minibus-Transport für chinesische Kellner und Tellerwäscher begann, hat sich inzwischen zu einem alternativen Verkehrsnetz an der Ostküste entwickelt. Die Busse pendeln mehrmals täglich, oft sogar stündlich, zwischen den Chinatowns der Großstädte. Um Kosten zu sparen, verzichten sie auf Warteräume. Sie halten einfach an bestimmten Straßenecken.
Den Drachen reiten
Inzwischen gibt es ein halbes Dutzend Wettbewerber, die sich gegenseitig mit Dumpingpreisen bekämpfen. Fung Wah Bus bietet die Strecke New York-Boston und zurück für 25 Dollar an. Rivale Travel Pack, der seinen Fahrkartenschalter gleich um die Ecke in einer Videothek hat, macht es sogar für 20 Dollar.
Die meisten Passagiere sind immer noch chinesische Immigranten, doch zunehmend verbreitet sich die Kunde von den sagenhaft günstigen Preisen unter Studenten und anderen sparsamen Reisenden. Paul Sopher, ein 24-jähriger Student aus Philadelphia, fährt zum ersten Mal mit dem Dragon Coach. "Meine Freunde haben mir davon erzählt", sagt er. Für den zweistündigen Trip von Philadelphia nach New York und zurück zahlt er zehn Dollar. Die gleiche Strecke mit dem Greyhound würde knapp 40 Dollar kosten.
Bis hin zur Toilette hat der Dragon-Coach-Bus dieselbe Ausstattung wie ein Greyhound. Der einzige Unterschied ist, dass auf den Fernsehern statt eines Hollywood-Films eine kantonesische Seifenoper läuft. Und natürlich spricht der ganze Bus, inklusive Fahrer und Schaffner, chinesisch. Wer Fragen hat, kommt mit Englisch nicht sehr weit. Für die wenigen Nicht-Chinesen an Bord reicht das schon, sich wie in einer anderen Welt zu fühlen. "Es ist so surreal", kichert eine brünette Mittvierzigerin, als der Film anfängt. Ihr gefällt ihr "kleines Abenteuer", wie sie es nennt. Der Sohn einer Freundin hatte den Dragon Coach für sie im Internet gefunden.
Preiskampf mit Kung-Fu-Einlagen
Die ersten chinesischen Bus-Unternehmen wurden Mitte der Neunziger gegründet. Lange Zeit existierten sie friedlich nebeneinander. So hatte die Firma New Century ein Monopol auf der Strecke zwischen New York und Philadelphia. Eine einfache Fahrt im Mini-Bus kostete 15 Dollar.
Doch dann stieg Dragon Coach in den Markt ein, und die Preiskriege begannen. Dragon Coachs Mutterfirma Dragon Expressways ist eigentlich ein Reisebüro. Das Unternehmen organisiert Gruppenreisen für die Bewohner der New Yorker Chinatown. Weil aber das Geschäft nach den Terroranschlägen vom 11. September um 80 Prozent einbrach, suchte das Unternehmen nach einer anderen Einnahmequelle. Die Flotte von 15 Bussen sollte nicht ungenutzt herumstehen.
Im Juni 2002 startete Dragon daher den Linienbetrieb nach Philadelphia - mit einem Einstiegspreis von zehn Dollar für die einfache Fahrt. Der Platzhirsch New Century ließ die Kampfansage nicht unbeanwortet: Das Unternehmen leaste ebenfalls große Busse und konterte mit dem Fünf-Dollar-Ticket. Dragon zog nach. Monatelang beäugten sich die beiden Konkurrenten. Nicht immer blieb der Wettbewerb friedlich: Ende September flogen unter der Manhattan Bridge die Fäuste. Drei Mitarbeiter beider Unternehmen wurden verhaftet.
Lesen Sie im zweiten Teil, wie die beiden Streithähne das Busproblem lösten - und warum der Chef von Dragon Coach seine eigene Kundschaft nicht versteht..
"Chinesen gibt es überall"
Es war knallhart", sagt Kevin Ho, der für Dragons Liniengeschäft zuständig ist. Der 28-Jährige sitzt in New York in einem Großraumbüro mit zwei leeren Aquarien und einem goldenen Drachen an der Wand. Seine Visitenkarte überreicht er mit beiden Händen - wie es in China üblich ist. Er spricht Mandarin und Englisch, fühlt sich als Amerikaner. Die Sprache seiner Passagiere versteht auch er nicht. Das seien alles Immigranten aus der Provinz Fuchan.
Der Preiskampf erwies sich als ruinös. Schließlich trafen sich die Erzrivalen vergangene Woche und vereinbarten eine Preiserhöhung: Die Strecke New-York-Philadelphia und zurück kostete über Nacht zwanzig statt zehn Dollar. Damit sei man immer noch deutlich billiger als der Greyhound, aber mache wenigstens einen Gewinn, erklärt Ho. Der Preis für die Washington-New-York-Strecke wurde ebenfalls verdoppelt - von 15 auf 35 Dollar hin und zurück. Die Kunden müssen die willkürliche Verdoppelung des Preises schlucken, es gibt ja keine Alternative.
Im US-Gesamtmarkt sind die ethnischen Discount-Anbieter bisher nichts weiter als ein kurioses Phänomen. Mit ihren paar tausend Passagieren und einer Hand voll Strecken im Nordosten stellen sie keine ernste Herausforderung für den Marktführer Greyhound dar. Das sei auch gar nicht das Ziel, sagt Ho. Die Nische biete noch genug Raum zur Expansion. Derzeit untersuche man North Carolina, Georgia und Florida. "Chinesen gibt es überall", sagt er lächelnd.
Der Preis zählt
"Und Studenten auch, könnte man hinzufügen. Schon jetzt betrage der Anteil der "englischsprachigen Leute" auf manchen Strecken 30 Prozent, sagt Ho. Er hat deshalb einen ganzen Sack mit englischen Videos bestellt. Die will er demnächst an die Busfahrer verteilen. Auch die rudimentäre Website mit der Möglichkeit, online zu buchen, ist an die College-Zielgruppe gerichtet.
Doch das schlagende Argument bleiben die Preise. "Wir wollten einfach billig nach Philadelphia", sagt Katie Bender, eine 22-jährige Schauspielstudentin von der New York University, die mit ihrem Freund unterwegs ist. Sie ist über den Internet-Suchdienst Google auf Dragon gestoßen. Die beiden sind begeistert von ihrer Entdeckung: "Das machen wir definitiv öfter."