US-Farmer Es gibt Mais, Baby
New York - Jedes Frühjahr gibt das US-Landwirtschaftsministerium (USDA) eine dröge Statistik namens "Prospective Plantings" heraus, die die Wall Street bisher wenig interessierte. Darin werden die Anbaumengen der Farmen fürs laufende Jahr geschätzt: Weizen, Mais, Sojabohnen, Baumwolle, Reis. "Die Lektüre ist im Prinzip so spannend, wie Mais beim Wachsen zuzugucken", wie selbst das "Wall Street Journal" findet.
Trotzdem warteten diesmal nicht nur die lange krisengeschüttelten Farmer sehnsüchtig auf den USDA-Report, sondern auch die Wall Street. 2007 gilt für den geschundenen "Farm Belt" als wichtigste Anbausaison seit langem. Und Middle America atmete hörbar auf, als die Zahlen zum Wochenende publik wurden, denn sie waren sensationell: Amerikas Farmer pflanzen so viel Mais an wie seit dem zweiten Weltkrieg nicht mehr. Die US-Argarkrise scheint vorbei - dank Biokraftstoff.
Umgerechnet 36,6 Millionen Hektar Mais, der Rohstoff für Bioethanol, werden amerikanische Farmer der USDA-Prognose zufolge dieses Jahr anbauen - die größte Menge "seit 1944", damals waren es 38,6 Millionen Hektar. Im Vergleich zu 2006 beträgt das Plus 15 Prozent und damit weit mehr, als selbst Optimisten erwartet hatten. Auch die Regierung hatte ursprünglich nur mit knapp 35 Millionen Hektar gerechnet.
"Wie werden Amerika revitalisieren"
Die amerikanische Provinz profitiert vom neuen Umweltbewusstsein. Schon jetzt liegen die USA in der Bioethanol-Produktion mit 17 Milliarden Liter im Jahr in etwa gleichauf mit Brasilien. Die Nachfrage nach alternativem Kraftstoff verheißt weiten Landstrichen nun weiteren Aufschwung. Rekord-Anbauzahlen für Mais werden für 2007 in den Agrar-Bundesstaaten Illinois, Idaho, Minnesota und North Dakota erwartet, ebenso in Kalifornien. Louisiana, bis heute von der Hurrikan-Saison 2005 mitgenommen, wird seine Maisproduktion mehr als verdoppeln.
Hoffnung keimt also nicht nur im "Maisgürtel", dem halbmondförmigen Staatenstrich im Mittleren Westen, südlich der Großen Seen. "Wir werden das ganze ländliche Amerika revitalisieren", sagte Bio-Farmer Read Smith, der Co-Vorsitzende der Interessengruppe 25x25 Alliance für erneuerbare Energien, der "New York Times". "Wir werden das Sperrholz von unseren Fenstern reißen. Wir werden eine neue 700-Milliarden-Dollar-Industrie schaffen."
Der Boom ist jetzt schon spürbar. Derzeit gibt es nach Angaben des US- Industrieverbands RFA 97 Ethanol-Fabriken in 21 Bundesstaaten, doppelt so viele wie 1999. Weitere 33 Anlagen sind im Bau. Die meisten davon befinden sich im "Farm Belt", in Bezirken, die nach der Depression ausbluteten. Rund die Hälfte ist im Privatbesitz örtlicher Farmer, Kleinbankiers und anderer ökoengagierter Bürger. Wo einst viele Häuser mit Brettern zugenagelt waren, gärt eine Renaissance. "Millionen Farmer und Bewohner kleiner Gemeinden sehen neue Jobs und neuen Wohlstand", sagt RFA-Präsident Bob Dinneen.
Mehr Mais, weniger Öl
Überall die gleichen Berichte: Farmer pflanzen mehr Mais an als in Generationen, investieren in Saatgut und Dünger, kaufen neue Geräte, setzen alles auf die Ethanol-Karte. "Dieses Jahr werden wir von Wand zu Wand Mais pflanzen", prahlt Farmer Webb Bozeman aus Mississippi. "Mais ist profitabel." Die 25x25 Alliance hofft, bis 2025 ein Viertel des US-Energiebedarfs via Landwirtschaft zu decken. "Halte den Farmern Geld vor die Nase", resümiert Citigroup-Analyst David Driscoll nüchtern, "und sie greifen zu."
Präsident George W. Bush, der den US-Benzinverbrauch über die nächsten zehn Jahre mittels Alternativbrennstoffen um 20 Prozent reduzieren will, propagiert schon den nächsten Schritt: Ethanol aus Zellulose (pflanzlichen Reststoffen). Dazu tapste er neulich im weißen Kittel durch das Labor einer dänischen Firma in North Carolina und appellierte an die Farmer: "Pflanzt an, was ihr nur anpflanzen könnt, denn dann sind wir weniger abhängig vom Öl."
Doch der Boom hat auch seine Kehrseite. Die Maispreise, an den Terminbörsen zuletzt auf Rekordhöhen, sackten zum Wochenende dramatisch ab: Mais-Futures fielen am Chicago Board of Trade um 20 Cents auf 3,74 Dollar - der höchste erlaubte Minuswert, weshalb der Handel dort vorübergehend angehalten wurde.
Und der Tiefpunkt ist nach Expertenmeinung noch nicht erreicht. Der USDA-Bericht, prophezeit Citigroup-Analyst Driscoll, "bahnt die Wiederauffüllung der leeren Mais-Inventare an und eine folgliche Preisreduzierung für den Herbst 2007".
Und dann gäbe es noch die größte unbekannte Variable: das Wetter. "Der Schlüssel zu allem ist das Wetter", weiß Analyst Darin Newsom. Die Vorhersage für den Midwest: ein kühler, feuchter Frühling und ein heißer, trockener Sommer - miserabel für den Maisanbau.