US-Fondsmanager Vilar: Das Phantom der Oper - DER SPIEGEL
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US-Fondsmanager Vilar Das Phantom der Oper

Die illustre Karriere des New Yorker Spekulanten Alberto Vilar, der als Mäzen der Metropolitan Opera zum Szene-Star wurde, hat ein rüdes Ende gefunden. Der Ex-Milliardär soll Gelder veruntreut haben. Nun sitzt er in U-Haft und kann nicht mal die Kaution aufbringen.
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New York - Schon sein Name klingt nach Cash plus Kultur. Alberto William Vilar, Exilkubaner, Milliardär, Opernfreund, Mäzen. In der New Yorker Metropolitan Opera hatte er seinen eigenen, reservierten Sitzplatz: Nummer A-101, erste Reihe, am linken Gang. Meist kam der 64-Jährige allein, am liebsten zu Wagner und Verdi oder wenn eine wuchtige Zeffirelli-Inszenierung auf dem Programm stand. Die Met benannte ihren gesamten ersten Rang nach dem spendablen Gönner, der mit dem Geld nur so um sich warf. "Vilar Grand Tier" stand da an die Wand, in 30 Zentimeter hohen Lettern. Im Opernrestaurant zierte sein Name sogar die Speisekarte.

Vilar selbst landete kürzlich, des Millionenbetrugs angeklagt, in einem weniger feinen Metropolitan - dem Metropolitan Correctional Center, dem Untersuchungsgefängnis in Downtown Manhattan. Die New Yorker Oper hat ihr Vilar-Schild bereits abmontiert und neue Menüs gedruckt.

Der Mann mit dem Midas-Finger

Der steile Sturz Vilars - der aus dem Gefängnis heraus seine Unschuld beteuert - ist mehr als die Geschichte eines Spekulanten, dem die Justiz vorwirft, das Vermögen seiner Investoren als "privaten Sparstrumpf" missbraucht zu haben. Die "Vilar-Tragödie", wie der Gesellschaftschronist David Patrick Columbia in seinem "New York Social Diary" schreibt, ist auch ein Lehrstück über die Society zwischen Park Avenue und Central Park West - eine Parabel von Geld, Hochmut und falschen Freunden.

Vilar war der Inbegriff des New Yorker Geld- und Opernadels. Er galt als größter Förderer der Met, zählte den Tenor Placido Domingo und den Dirigenten Lorin Maazel zu seinen Freunden. Und er galt als Meisterspekulant: Seine Investmentfirma Amerindo Investment Advisors managte zur Blütezeit acht Milliarden Dollar. Vilar hielt in einem 1000-Quadratmeter-Palast nahe des uno-Gebäudes Hof, mit Mamorfluren, güldenen Sofas, echter Kunst, einer Fassaden-Reproduktion des Salzburger Mozarteums und einem Konzertsaal mit 70 Plätzen, dessen Fertigstellung allerdings wegen des Verfahrens nun auf Eis liegt. "Der Mann mit dem Midas-Finger", staunte der britische Autor John-Paul Flintoff, als der Vilar einmal besuchte.

Doch all das, glaubt die Staatsanwaltschaft zumindest, sei am Ende nur noch eine Fata Morgana gewesen, ein Spiegeltrick. Und Vilar nur ein Phantom seines Images - einer, der nicht mal seine Haushälterin bezahlen konnte.

Der falsche Alberto

Nichts ist bewiesen, doch der Ruf ist längst ruiniert: Einsam und ausgemergelt trat der gefallene Liebling der Snobiety vorige Woche vor den Untersuchungsrichter. Nur seine Anwältin und ein paar Jugendfreunde standen ihm bei. Und als diese selbst die von zehn auf vier Millionen Dollar reduzierte Kaution nicht abdecken konnten, schickte der Richter den Angeklagten prompt zurück in die Zelle.

So trist endet sie, die illustre Karriere des Alberto William Vilar, der in Wahrheit ganz ordinär Albert heißt. "Ich bin ein kubanischer Flüchtling", sagte er gerne, doch dieses Kredo, das ihm auf Manhattans Cocktailpartys eine besondere Aura verlieh, war wohl eher sinnbildlich gemeint. Ja, sein Vater war einst aus Kuba in die USA gekommen. Aber "Al" selbst war in Jersey geboren und wuchs dort auch auf - und ein paar Jahre in Puerto Rico.

Nach dem College arbeitete Vilar zunächst als Fondsmanager. Dann machte er sich mit Gary Tanaka, einem Absolventen des Massachusetts Institutes for Technology, selbständig und gründete Anfang der achtziger Jahre Amerindo.

Von 24 auf 600 Millionen Dollar

Vilars Erfolgsrezept: Er setzte alles auf Tech-Werte, bevor andere darauf kamen - Apple  , Microsoft  , Cisco  . Das ging lange gut. Die Biotech- und die Tech-Branche boomten. Vilar und Tanaka wurden zu Börsenikonen. Die Einlagen des Amerindo Technology Funds schwollen von 24 auf knapp 600 Millionen Dollar an, etwa durch kluge Investitionen in Ebay  , Amazon   und Priceline.com. Das Wirtschaftsblatt "Fortune" führte Vilar auf seiner Liste der 500 reichsten Männer der Welt.

Aber schon damals witterten einige Investoren Übles. Die Gewinne schienen ungleich verteilt, manche Klienten verdienten mehr als andere. Andere klagten, sie hätten oft Monate gebraucht, um ihre Gelder einzufordern.

Leere Versprechungen

In New York dagegen war Vilar nicht knauserig. Der Opernmäzen verpflichtete sich 1998 zu einer Spende von 20 Millionen Dollar an die Met. 5 Millionen versprach er der Carnegie Hall, 7 Millionen der Royal Opera in Covent Garden, 14 Millionen der Kirov-Oper in St. Petersburg. Auch managte Amerindo die US-Spendenaktion für die Salzburger Festspiele. So sein Geld auszugeben, prahlte Vilar, sei "ein emotionaler, kultureller und intellektueller Spaß".

Doch der Börsen-Crash von 2000 stürzte auch Amerindos Fonds in den Abgrund. Vilar begann, seinen Gläubigern Geld zu schulden, kam seinen Sponsorenversprechungen nicht mehr nach. Hotelrechnungen blieben unbezahlt, selbst Reinigungskosten und die Haushälterin. Freunde berichteten, Vilar spare sogar an Lebensmitteln. In der Opernwelt begannen die wildesten Gerüchte zu kursieren.

Im Jahr 2003 erholten sich die Amerindo-Fonds leicht. Im letzten Moment konnte Vilar die Zwangsversteigerung seiner Wohnung verhindern. Er schwor den Opernhäusern und diversen Unikliniken, denen er ebenfalls Millionen zugesagt hatte, zu zahlen. Doch es blieb bei den leeren Versprechungen. Anfang dieses Jahres stürzten Amerindos Werte endgültig ab. Und dann kam die Anklage.

Die Spitze des Eisbergs

Darin beschuldigt die Staatsanwaltschaft Vilar, von der 67-jährigen Millionärswitwe Lily Cates, deren Vermögen er seit zwei Jahrzehnten verwaltete, mindestens fünf Millionen Dollar gestohlen zu haben. Vilar habe die Gelder auf ausländischen Konten versteckt oder anderweitig genutzt, etwa als Spenden an seine Alma Mater in Pennsylvania - sowie zur Bezahlung eines privaten Spülmaschinen-Reparaturdienstes.

Dies sei nur "die Spitze des Eisbergs", sagte Staatsanwalt David Esseks. Vilar wurde auf dem Rückweg von einer Tagung in Las Vegas am Flughafen Newark verhaftet. Auch sein Partner Tanaka ist angeklagt, beiden drohen bis zu zehn Jahre Haft. Vilar, sagt seine Anwältin, habe nicht mal mehr 10.000 Dollar in der Bank. Die Steuerbehörde IRS belegte sein Penthouse mit einer 24-Millionen-Dollar-Pfandverschreibung wegen säumiger Steuern.

"In den Arsch getreten"

Amerindo existiert unterdessen zwar formell weiter, blutet aber aus. Die Börsenaufsicht SEC hat ihr eigenes Verfahren eingeleitet und einstweilen einen staatlichen Kontrolleur zur Überwachung der sterbenden Firma abgestellt.

Die feine Gesellschaft verlor keine Zeit, den Demontierten zu ächten. Die Met verstieß Vilar aus dem Aufsichtsrat. Beverly Sills, die Sopranistin und frühere Met-Vorsitzende, will ihn plötzlich nie gemocht haben: "Er hat seine Spendierfreude nicht gerade unter den Scheffel gestellt", sagte sie der "New York Times". "Das Board fand es abstoßend, dass er immer mehr Aufmerksamkeit wollte."

Immobilienmogul Donald Trump, selbst kein Hohepriester der Bescheidenheit, nennt Vilar einen "elenden Menschen und Drecksack". Wobei das eher persönliche Gründe hat: Vilar hatte vergeblich versucht, den Bau des Trump World Towers zu verhindern, einen 90-stöckigen Wolkenkratzer gegenüber seines Penthouses, der ihm einen Teil des schönen Skyline-Blicks verstellte. "Er war unbelehrbar und töricht", sagt Trump. "Am Ende wurde er in den Arsch getreten."

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