US-Handel mit Kuba: Hühnerbeine für Castros Regime - DER SPIEGEL
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US-Handel mit Kuba Hühnerbeine für Castros Regime

Hartleibig isoliert die Regierung von George W. Bush das sozialistische Kuba - doch die Wirtschaft macht Druck. Die US-Unternehmen ersehnen sich lukrative Exportgeschäfte - und hoffen auf Barack Obama als Türöffner.
Von Knut Henkel
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - In der schlimmsten Not wendet sich Kuba an seinen ärgsten Gegner. Nach den verheerenden Schäden durch die beiden Hurrikane "Gustav" und "Ike" sucht das Land die Hilfe der USA. Für 425 Millionen Dollar hat Kuba im ersten Halbjahr 2008 Lebensmittel in den USA geordert. Das erklärte Kubas oberster Compañero Fidel Castro jüngst in einer seiner Kolumnen in der Parteizeitung "Granma".

Gleichzeitig prognostizierte der 82-jährige Ex-Staatschef, dass die Warenströme aus den USA in diesem Jahr alle Rekorde brechen könnten. "Kuba müsse nach dem kolossalen Schlag gegen die eigene Landwirtschaft importieren".

Dabei hat die US-Regierung den Karibikstaat mit einem Handelsembargo belegt. Doch angesichts der "schlimmsten Katastrophe in Kubas Geschichte" und dem öffentlichen Druck in den USA hat die Administration in Washington widerwillig Exportlizenzen in Höhe von 250 Millionen Dollar für Lebensmittel und Baustoffe genehmigt.

Hühnerbeine für den Klassenfeind

Ausgerechnet die amerikanische Wirtschaft könnte zum eigentlichen Nutznießer der Nothilfe werden. Hinter den Kulissen betreiben US-Unternehmen seit Jahren Lobbyarbeit, um die sozialistische Insel beliefern zu können. Erste Erfolge verbuchte die US-Agrarlobby bereits 2000. Damals wurde ein Gesetz erlassen, dass kubanische Lebensmitteleinkäufe gegen Barzahlung erlaubte. Rund ein Jahr später - nachdem der Hurrikan "Michelle" im November 2001 die Insel verwüstete - orderte die kubanische Importgesellschaft Alimport die ersten Container mit Getreide, Soja und gefrorenen Hühnerbeinen beim Klassenfeind.

Die Folgen dieser zaghaften Lockerung führen US-Wirtschaftsbossen inzwischen deutlich vor Augen, welche Chancen das Nachbarland eigentlich bieten würde. Trotz der nach wie vor weitreichenden Beschränkungen sind die USA laut der jüngsten kubanischen Außenhandelsbilanz inzwischen zum fünftgrößten Handelspartner der Insel avanciert. Auf 582 Millionen Dollar beliefen sich demnach die kubanischen Importe aus den USA im Jahr 2007. Immerhin 35 der 50 US-Bundesstaaten liefern nach Kuba.

Agrarstaaten wie Nebraska, Iowa oder Illinois haben ganze Delegationen zur Internationalen Messe nach Havanna geschickt. Auch große US-Agrarkonzerne wie Cargill oder Archer Daniels Midland (ADM) sind am Kuba-Geschäft interessiert. New Yorks Agrarkommissar Patrick Hooker startete im April eine Charmeoffensive in Havanna, um für Steaks, Käsekuchen, Wein und andere Produkte aus seiner Heimat zu werben.

Lebendvieh, Wein und Softdrinks

Pedro Álvarez, der mächtige Chef der kubanischen Einfuhrgesellschaft Alimport, ordert vor allem Grundnahrungsmittel - Getreide, Reis, Bohnen und Geflügel. Aber auch Lebendvieh, Wein oder Softdrinks stehen auf seinem Einkaufszettel. Auf rund 1600 US-Produkte erstreckt sich die Warenpalette insgesamt.

Dabei sind die Regeln für den Handel noch immer streng und damit teuer. Exporteure müssen spezielle Lizenzen beim Finanzministerium beantragen, die kubanischen Importeure müssen die Ware bar und seit 2004 sogar vorab bezahlen. Außerdem darf das Geschäft nicht über US-Banken abgewickelt werden.

Trotzdem beläuft sich die Summe der US-Importe laut Álvarez seit November 2001 - damals traf die erste Lieferung Hühnerfleisch im Hafen von Havanna ein - auf drei Milliarden Dollar. Allein für 2008 rechnete der Alimport-Chef im August noch mit einem Volumen von mehr als 600 Millionen Dollar.

Mit "Gustav" und "Ike" ist der Importbedarf nun in schwindelerregende Höhen gestiegen. Aufgrund der geografischen Nähe, der daraus resultierende unschlagbar günstigen Transportkosten und des breiten Angebots hat Alvárez ohnehin ein Faible für die Gringos. Nur zu gut weiß der gewitzte Manager, dass jeder unterzeichnete Vertrag ein Nadelstich für die politisch Verantwortlichen in Washington ist. Denn für George W. Bush ist die Regierung in Havanna nach wie vor ein Unrechtsregime.

Und so lässt Álvarez kaum eine Gelegenheit verstreichen, um seinen Handelspartnern verlockende Angebote zu machen. Schon bei der Unterzeichnung eines weitreichenden Kooperationsabkommens mit dem Hafen von Houston erklärte er vor einigen Jahren mit breitem Lächeln: "Texas könnte mehr liefern als nur Lebensmittel. Auch an einer Kooperation bei der Erdölexploration ist Kuba interessiert."

Da würden US-Unternehmen nur zu gern einsteigen, denn rund neun Milliarden Barrel (159 Liter) Erdöl vermuten Fachleute in einer Meereszone südlich von Floridas Küste. Normalerweise werden für derlei Schätze sofort Risiko-Förderverträge geschlossen, aber die reichen Vorkommen liegen vor Kuba im Golf von Mexiko und da verbietet das Handelsembargo jedes Engagement. Den großen Reibach drohen nun andere zu machen - Spanier, Brasilianer, Inder und Chinesen haben erste Verträge abgeschlossen.

Unternehmen und Kubaner hoffen auf Obama

Wie sich die Geschäftsbeziehungen weiter entwickeln, wird vor allem am Ausgang der US-Präsidentschaftswahl hängen. Barack Obama könnte mehr ökonomische Rationalität und weniger politische Ideologie in die Kuba-Strategie der USA bringen. Der Präsidentschaftskandidat der Demokraten kann sich eine Lockerung des Handelsembargos vorstellen und würde sich - ein Novum in der jüngeren US-Geschichte - ohne Vorbedingungen mit dem kubanischen Staatschef Raúl Castro an einen Tisch setzen.

Für seinen republikanischen Gegenkandidaten John McCain wäre das undenkbar: Ohne radikale Reformen in Kuba werde das Embargo nicht zur Disposition gestellt, sagte McCain kürzlich.

Doch der Druck aus der Wirtschaft wird größer. Erst im Februar unterzeichneten rund hundert Abgeordnete des Kongresses einen Brief an Außenministerin Condoleezza Rice. Darin forderten sie eine umfassende Revision des US-Handelsembargos. Angesichts der Notlage in Kuba könnte diese Fraktion im Kongress noch an Gewicht gewonnen haben.

Längst haben sich die ersten US-Manager in Kuba orientiert. So sieht James T. Edmonds, Präsident der Hafenbetreibergesellschaft von Houston, großes Potential im Kreuzfahrtsektor. "Wenn es Änderungen an den bestehenden Gesetzen gibt, wird es einen Wettlauf zwischen den Unternehmen geben", sagt der Unternehmer.

Er hat schon vor Jahren die ersten Vorverträge unterzeichnet: "Wir wollen dann die ersten sein, die in das Geschäft einsteigen."