US-Immobilien Bustour ins Krisengebiet
Wenn der Traum vom Glück vorbei ist, erkennt man das zunächst am Rasen. In guten Zeiten strahlt er in sattem Grün. Jetzt aber ist er an vielen Stellen bleich, fleckig, oft sogar schon gelb und strohig. Denn die die guten Zeiten sind vorbei in Stockton, der Provinzstadt eineinhalb Stunden östlich von San Francisco.
Stockton ist jene Stadt, die der US-Hypothekenkrise ein Gesicht gegeben hat. Jener Ort, den die Einheimischen zynisch "Ground Zero" nennen, weil er einen traurigen Rekord hält: Nirgendwo sonst in den USA wurden in den vergangenen drei Monaten so viele Privat-Immobilien zwangsversteigert. Jedes 25. Haus ist betroffen. 9066 Anträge gab es allein von April bis Juni.
Cesar Dias sieht allerdings nicht so aus, als ob ihn das sonderlich mitnimmt. Der untersetzte Immobilienmakler thront hinter einem großen, dunklen Schreibtisch und spult routiniert die Geschichte vom Aufstieg und Fall der ehemaligen Goldgräberstadt ab. Erzählt von den Häuserpreisen, die in den vergangenen Jahren immer neue Höchstwerte markierten, von den neuen Wohngegenden, die kilometerweit um den eigentlichen Stadtkern herum erschlossen wurden. Heime für die Pendler, denen die Häuser in und um San Francisco und im Silicon Valley zu teuer waren. Und die bereit waren, für ein Domizil mit zwei Garagenplätzen und drei bis vier Zimmern Mondpreise zu zahlen.
"Wir haben schon lange gewusst, dass die Blase irgendwann platzt. Seit acht bis zehn Jahren war hier kein Haus mehr für unter 100.000 Dollar zu bekommen", sagt Dias. Im Gegenteil: "Kurz vor dem Beginn der Krise gab es kaum eine Immobilie für weniger als 500.000, 600.000 oder 700.000 Dollar." Häuser, für die es jetzt keine Käufer mehr gibt, obwohl sie nur noch die Hälfte kosten sollen.
Und das ist ein Problem. Auch für Dias, denn als Makler lebt er nun einmal davon, dass er Häuser verkauft. Doch der kleine, dunkelhaarige Mann, der seine gestickten Initialen am Hemdsärmel trägt, hat eine Lösung gefunden. Die machte ihn weit über Stockton hinaus bekannt. "RepoHomeTours" heißt sie und ist so naheliegend wie pragmatisch: Unter diesem Namen bietet Dias mit seinem Partner Carlos Rodriguez Bustouren an, auf denen er kaufwillige Interessenten durch leerstehende Häuser führt.
Und so stehen an diesem Samstag wieder einmal drei schwarze Busse bereit auf dem Innenhof eines schmucklosen Bürogebäudes nördlich von Stocktons Innenstadt. Sie haben verspiegelte Scheiben und sind mit bunten Schriftzügen versehen. Darauf prangen lachende Menschen. Im Innenraum strahlen plüschige Sitze, goldene Lämpchen und geraffte Vorhänge Behaglichkeit aus. Die freilich passt nicht ganz zum Anlass.
An diesem ersten Samstag im August haben sich nur drei wirkliche Interessenten auf den Parkplatz verirrt. Ein Pärchen aus New York ist dabei und eine Sozialarbeiterin aus Stockton. Es ist kurz nach zehn und das Thermometer zeigt 30 Grad an. "Es ist heiß heute und nächste Woche fängt die Schule wieder an. Da haben die Leute anderes zu tun", begründet Dias die geringe Zahl der Neugierigen. Es soll Wochenenden gegeben haben, da ist er mit allen drei Bussen unterwegs gewesen.
Vielleicht aber hängt es auch mit dem Stadtteil zusammen, der heute das Ziel der Tour ist. 20 Minuten lang geht es über den Highway nach Spanos Park - eine der besseren Ecken der zersiedelten Stadt. Capri, Granada, Monaco oder Paloma heißen die Modell-Häuser. Aus dem Boden gestampft wurden sie in den vergangenen zwei Jahren. An den Bänken in den dazugehörigen Parks sind noch nicht einmal alle Verpackungen entfernt. Es sieht so aus, als ob die Arbeit nur für eine kurze Pause unterbrochen worden wäre.
Banken lassen den Rasen grün anstreichen
In monotoner Gleichförmigkeit reihen sich die Immobilien nebeneinander. Nur durch die Farbe der Autos davor kann man sie unterscheiden. Daneben ein paar Quadratmeter genau abgezirkelter Rasen. Wobei einige Grasflächen dringen Wasser brauchen. "Manche Banken lassen den Rasen inzwischen sogar grün anmalen, damit es besser aussieht und niemand merkt, dass das Haus nicht mehr bewohnt ist", sagt Carlos Rodriguez und lacht in sich hinein.
Er ist heute nur der Fahrer. Meistens bleibt er draußen in der Sonne stehen und raucht. Dias und zwei oder drei seiner Mitarbeiter lotsen derweil die wenigen Gäste im Zehnminutentakt durch die Häuser. Dabei machen sie auf Besonderheiten aufmerksam und leiern Baudaten, Preise und Finanzierungsmöglichkeiten herunter. Auch die traurigen Überbleibsel aus dem Leben der Vorbesitzer, wie Reste von Geschirr oder eine Kinderautorennbahn, stören dabei nicht: Sie werden geflissentlich übersehen oder wohlwollend kommentiert: "In dem Zimmer können sich Kinder absolut wohlfühlen."
Das Tempo scheint den Wünschen der Gäste zu entsprechen: Zielstrebig läuft Elsa aus New York die Ecken jedes Hauses ab, prüft die Anordnung der Zimmer, rüttelt an Türen und Schubladen, um deren Zustand zu prüfen und klopft die Arbeitsplatten der Küchen ab, um eventuelle Schwachstellen zu finden. Die großzügig bemessenen, mit Teppich ausgelegten Badezimmer entlocken der kleinen, flinken Frau leise Begeisterungsschreie. Ungeduldig winkt sie immer wieder ihren Mann Jesus heran. Der kommt kaum hinterher.
234.900, 239.000 oder 262.500 Dollar kosten die Häuser jetzt. Vor anderthalb Jahren musste man noch mindestens 450.000 Dollar zahlen. Allein im vergangenen Vierteljahr aber sind die Preise um 37 Prozent eingestürzt. Ein Ende ist nicht abzusehen. "Vor einem Jahr haben wir kein einziges Haus mehr verkaufen können", sagt Dias. Inzwischen sind es immerhin wieder sechs bis acht, manchmal sogar zehn Stück im Monat. Das ist immer noch weit weg von den guten Zeiten. In den Boomjahren kam der Makler mit den Aufträgen kaum hinterher.
Die inzwischen populäre Bustour war deshalb quasi Rettung in letzter Not: "Die Menschen haben eine gewisse Scheu davor, zwangsversteigerte Häuser zu kaufen. Wir haben ihnen gezeigt, dass es dafür absolut keinen Grund gibt", sagt Dias. Dass diese Scheu vielleicht auch etwas damit zu tun haben könnte, dass man keinen Profit aus dem Unglück anderer Leute machen will, lässt er nicht gelten. "Der Markt ist, wie er ist", beschreibt Dias sein Geschäft.
Inzwischen gibt es die "RepoHomeTour" nicht nur in Stockton, sondern überall da, wo der Traum aufgehört hat zu funktionieren: In San Diego, Pasadena, Orange County, nicht mehr nur in Kalifornien, sondern auch in Texas, Orlando und anderen Staaten. In insgesamt 15 Regionen sind Dias und seine Leute aktiv. Er verkauft sein Konzept inzwischen für 20.000 Dollar der Bus ist inklusive.
Dabei weiß keiner, ob und wie lange Dias' Verkaufstour noch funktioniert. An diesem Samstag hat es sich wohl nicht gelohnt. Elsa und Jesus, das Paar aus New York, geben sich unentschlossen. Zwar hat Elsa bei zwei, drei Objekten viele Kreuzchen gemacht. "Aber man muss sich die Häuser ja auch leisten können", seufzt sie und lächelt etwas verlegen.
Noch scheint sie zu zögern. Auch wenn es Dias wahrscheinlich nicht gerne hört: In diesem Fall spielt die Zeit wahrscheinlich eher für das Paar.