US-Konjunktur: Die Angst geht um - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

US-Konjunktur Die Angst geht um

Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

New York - Die US-Notenbank Fed hat Analysten zufolge eine deutliche Kehrtwende in der Beurteilung der Risiken für die US-Konjunktur vollzogen. Bis vor kurzem noch fürchtete die Fed Inflationsgefahren durch ein zu starkes Wachstum, jetzt warnt sie eindringlich vor einer zu starken Verlangsamung der Konjunktur.

Viele Analysten sind überrascht, dass die Federal Reserve Bank (Fed) in ihrer Stellungnahme im Anschluss an den Zinsbeschluss bereits eine baldige Zinssenkung in Aussicht stellte, und somit direkt von ihrer straffen geldpolitischen Haltung zu einer lockeren wechselte. Damit habe sie die so genannte neutrale Haltung übersprungen, bei der Inflation und Wirtschaftsabkühlung als gleich hohe Risiken bewertet werden.

Die in der Erklärung der Fed enthaltene klare Wende der Geldpolitik zeigt, wie schnell sich die Stimmung über die Wirtschaftslage in den USA verschlechtert hat. Elf Monate lang hatten die Währungshüter gewarnt, dass eine durch das Rekordwachstum der vergangenen zehn Jahre ausgelöste Inflation die größte Gefahr für die US-Wirtschaft ist. Am Dienstag erklärte sie dagegen, eine zu schnelle Konjunkturabkühlung sei nun ihre größte Sorge. Die hohen Ölpreise, das gesunkene Vertrauen der Verbraucher, schrumpfende Unternehmensgewinne sowie die Turbulenzen an den Finanzmärkten deuten der Fed zufolge auf eine weitere Abschwächung der Wirtschaft hin. Deshalb signalisierte die Fed Analysten zufolge eine baldige Zinssenkung.

"Ich glaube, die Erklärung signalisiert, dass die Risiken für eine Abschwächung der Wirtschaft sehr groß sind", sagte der Volkswirt Marc Wanshel von JP Morgan in New York. "Wo man auch hinschaut, sieht man Anzeichen einer sich abkühlenden Wirtschaft", sagte auch Greg Valliere, Chef von Schwab Washington Research. Auch die Aktienhändler an der Wall Street sahen in der Fed-Erklärung ihre Befürchtung bestätigt, dass ein abruptes Ende des Rekordwachstums der letzten Jahre zu großen Verlusten an den Aktienmärkten führen könnte.

Mit ihrer Aussage, sie werde die wirtschaftliche Situation genau im Auge behalten, hielt sich die Fed nach Ansicht einiger Analysten sogar die Möglichkeit offen, im Falle einer weiteren Verschlechterung der Wirtschaftsaussichten schon vor diesem Treffen die Zinsschraube zu lockern.

Auch die Politiker schalteten sich bereits in die Diskussion um ein mögliches Ende des US-Rekordwachstums ein. Der künftige US-Präsident George W. Bush und sein Vize Dick Cheney hatten bereits mehrfach vor der Möglichkeit einer Rezession gewarnt, also sogar vor einem Schrumpfen der Wirtschaft.

Cheney hatte am Dienstag gesagt, umfassende Steuersenkungen seien die beste Möglichkeit, um eine sich verlangsamende Wirtschaft zu stimulieren. Bush hatte in seiner Kampagne für die kommenden zehn Jahren Steuersenkungen von insgesamt 1,3 Billionen Dollar versprochen, die von seinen Gegnern zunächst als gefährliche Stimulierung der überhitzten Wirtschaft kritisiert worden waren.

Ein abruptes Ende des Rekordwachstums würde nach Analystenangaben auch das Erbe der Regierung Clinton überschatten, da die Demokraten das Rekordwachstum der letzten Jahre immer wieder als eine ihrer größten Leistungen angepriesen hatten. Finanzminister Lawrence Summers verteidigte das Wachstum nach der Fed-Entscheidung: "Von guter Wirtschaftspolitik gestützt, einschließlich Haushaltsdisziplin, offenen Märkten und Investitionen in Menschen, wächst die Wirtschaft weiter." Bill Clinton legte der Fed unterdessen nahe, eine Senkung der Zinsen zu erwägen, wenn die Wirtschaft sich zu schnell abkühlt.