US-Konjunktur: Warten auf Greenspan - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

US-Konjunktur Warten auf Greenspan

71 Prozent der Amerikaner rechnen inzwischen mit einer Rezession. Ganz egal, wie stark US-Notenbankchef Alan Greenspan heute abend die Zinsen senken wird: Amerikas Wirtschaft ist noch nicht über den Berg.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

New York - Abwartend verharren Dow Jones und Nasdaq leicht über ihren Schlussständen vom Vortag: Bevor Greenspan nicht gesprochen hat, tut sich nichts. Und egal, wie die Federal Reserve sich entscheiden wird: Zufrieden sein wird niemand. Denn nur ein größerer Zinsschritt von 75 Basispunkten würde die Aktienmärkte beflügeln.

Dann jedoch schlüge die Stunde der Greenspan-Kritiker. Dann müsste der wahrscheinlich mächtigste Mann der Welt sich dem Vorwurf aussetzen, den kränkelnden Aktienmärkten willfährig zu Hilfe zu eilen. Diesen Eindruck möchte er jedoch auf keinen Fall erwecken: "Greenspans Hauptaugenmerk gilt nicht den Finanzmärkten, sondern dem Verbrauchervertrauen", urteilt John Van Belle, Fondsmanager bei Prudential International.

Amerikas Verbraucher sind allerdings in einem Stimmungstief: 55 Prozent haben bereits große Ausgaben wie ein neues Auto oder eine Urlaubsreise verschoben oder sogar gestrichen, 69 Prozent wollen dies in den nächsten Monaten tun, ergab eine Umfrage des US-Magazins "Newsweek". Ökonomen sprechen vom "umgekehrten Wohlstandseffekt"; weil die Aktienmärkte fallen - und damit auch das Buchvermögen der Anleger -, fühlen diese sich weniger reich und geben auch weniger Geld aus.

Die Gefühlslage der Konsumenten ist wichtiger als alles andere: Zwei Drittel der wirtschaftlichen Entwicklung ist in den USA vom Verbraucherverhalten abhängig. Zudem könnte eine Zinssenkung um 75 Basispunkte vom Markt auch als Panikreaktion betrachtet werden, weil dies ein Hinweis auf eine stärker als erwartete wirtschaftliche Abschwächung in den USA wäre. "Ein zu schlechtes Bild der US-Konjunktur könnte auch das Gegenteil des Gewünschten herbeiführen und den kurzfristigen Kursverfall beschleunigen", sagte Robert Suckel, Analyst bei SES Research.

Insgesamt wird ein niedrigeres Zinsniveau sich positiv auf die Konjunktur auswirken - egal, wie groß der Zinsschritt ausfallen wird. Dann werden sich wohl auch die Börsen nachhaltig erholen. "Das dauert aber in der Regel mindestens ein halbes Jahr", so Suckel. Im übrigen wird die heutige Zinssenkung nicht die letzte gewesen sein. DG-Bank-Analyst Volker Borghoff rechnet mit einem weiteren Zinsschritt um 50 Basispunkte im Mai. "Dann wird die Schwächephase in den USA voraussichtlich im vierten Quartal überwunden sein", vermutet er.

Seit Anfang des Jahres hat die amerikanische Notenbank angesichts der US-Konjunkturdelle die Zinsen bereits zwei Mal gesenkt. Der Leitzins für die kurzfristige Geldbeschaffung der Privatbanken, die Federal Reserve Rate, liegt derzeit bei 5,5 Prozent. Seit dem letzten Zinsschritt Ende Januar brach die US-Technologiebörse Nasdaq um rund 30 Prozent ein. In Frankfurt verlor der Neue Markt im selben Zeitraum sogar knapp 39 Prozent seines Wertes.

Mit der heutigen Zinsentscheidung wird nach 20 Uhr gerechnet.