US-Notenbank: Das große Zittern - DER SPIEGEL
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US-Notenbank Das große Zittern

Flutet US-Notenbankchef Alan Greenspan zum Abschluss der Zinssenkungs-Serie den Markt noch einmal mit frischem Geld? Schon leichte Zweifel sorgen für Rückschläge an der Börse.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - Zwei Tage lang beraten die Mitglieder des Offenmarkt-Ausschusses der US-Notenbank. Der Markt geht fest davon aus, dass Alan Greenspan zum Abschluss der zweitägigen Konferenz am Mittwochabend (20.15 Uhr MESZ) eine Zinssenkung verkünden wird. Doch dies reicht der Börse nicht: Die Märkte haben sich auf weitere massive Rückendeckung durch die Notenbank eingeschworen, so dass ein kleiner Zinsschritt bereits als Enttäuschung gewertet würde.

Entsprechend groß ist die Nervosität an den Märkten, zumal die Wirtschaftslage den jüngsten Kursaufschwung kaum rechtfertigt. Ebenso wichtig wie eine Zinssenkung wird am Mittwoch daher auch die Einschätzung der Notenbanker sein, was die konjunkturelle Entwicklung angeht.

Seit Januar 2001 hat die US-Notenbank die Leitzinsen zwölf Mal gesenkt und die Zinsen von 6,5 auf 1,25 Prozent gedrückt: Die 13. Zinssenkung dürfte nach Ansicht von Beobachtern die letzte sein. Gewinnt die Konjunktur im Herbst wie erhofft an Fahrt, könnte die Notenbank die Zinsen dann wieder schrittweise erhöhen.

Eine Zinssenkung um 25 Basispunkte ist am Markt eingepreist. Eine knappe Mehrheit der Volkswirte rechnet sogar damit, dass die Fed die Zinsen um 50 Basispunkte auf 0,75 Prozent senkt. Die USA hätten dann ebenso wie Japan und die Schweiz bei den Leitzinsen eine Null vor dem Komma. In beiden Fällen würden die Zinsen auf das tiefste Niveau seit 1958 sinken.

"Ausrufezeichen" zum Abschluss

Argumente für einen großen Zinsschritt: Die Konjunktur läuft trotz einiger Hoffnungszeichen weiterhin schleppend. Alan Greenspan könnte zum Abschluss der Zinssenkungsserie noch einmal ein Ausrufezeichen setzen und die Märkte überraschen, bevor das Pulver der Notenbank vollends verbraucht ist. In der vergangenen Woche war die "Washington Post" dieser Argumentation gefolgt und hatte eine Zinssenkung um 50 Basispunkte prophezeit. Die US-Notenbank wolle damit "ein klares Ende des Zinssenkungszyklus" signalisieren.

Doch nur einen Tag später zitierte das "Wall Street Journal" Vertreter der US-Notenbank mit den Worten, auch eine Senkung um 25 Basispunkte sei möglich. "Wir vermuten, die Fed möchte nicht, dass der Markt die 50 vollständig einpreist, weil sonst die tatsächliche Senkung ohne große Reaktionen bliebe", sagte Stephen Stanley, Volkswirt bei RBC Greenwich Capital Markets. Andere Marktteilnehmer werteten die unterschiedlichen Aussagen als Zeichen, dass innerhalb der Notenbank noch über das Ausmaß der Zinssenkung debattiert werde.

Nervosität am Markt sehr hoch

Nach den kräftigen Kursaufschlägen der vergangenen Wochen sorgen derlei Debatten für große Unsicherheit. Dow Jones   und Nasdaq Composite   gaben bereits zu Wochenbeginn deutlich nach, und der Dax   folgte auf den Fuß.

Die Marktteilnehmer haben auch allen Grund, nervös zu sein. Der deutliche Aufschwung an den US-Börsen wurde zuletzt hauptsächlich von hoher Liquidität und niedrigen Zinsen getrieben. Die Geldmenge M3 wächst in den Vereinigten Staaten seit Jahren deutlich schneller als das Bruttosozialprodukt.

Eine derart expansive Geldpolitik ist nicht ohne Risiko. Zins- und Steuersenkungen treiben zwar die Anleger zurück in den Markt, doch müssen nun auch bessere Unternehmens- und Konjunkturdaten folgen, um den Kursaufschwung zu untermauern.

EZB dürfte noch einmal nachziehen

Greenspan selbst hatte kürzlich gesagt, die Fed habe die Möglichkeit zu einer weiteren Zinssenkung. Die Versicherung gegen ein anhaltend schwaches Wachstum sei günstig im Vergleich zu den Kosten, die eine Fortsetzung der Konjunkturflaute mit sich bringen würde. Das Risiko der "japanischen Krankheit" Deflation, also einer Abwärtsspirale aus sinkenden Preisen, zurückgehender Nachfrage und geringerer Wirtschaftsleistung, sieht Greenspan jedoch für die USA als gering an.

Nach einer Umfrage der Nachrichtenagentur Reuters unter Anleihenhändlern rechnet inzwischen die Mehrheit der Befragten mit einer Zinssenkung um 50 Basispunkte. Der Rendite-Abstand zur Euro-Zone - dort liegt der Leitzins nach der jüngsten Zinssenkung bei 2,0 Prozent - würde sich dann wieder auf 1,25 Prozent vergrößern.

Doch Beobachter gehen davon aus, dass die EZB die Zinsen in Euroland noch einmal senken wird. Auch Eugenio Domingo Solans, Direktoriumsmitglied der Europäischen Zentralbank (EZB), hatte die Möglichkeit einer weiteren Zinssenkung bekräftigt. "Unsere Aufgabe ist es, Preisstabilität zu gewährleisten. Aber natürlich ist Wirtschaftswachstum extrem wichtig", sagte Solans. Im Falle einer kräftigen Zinssenkung der US-Notenbank könnte ein wieder anziehender Euro das Wirtschaftswachstum in der Eurozone gefährden, befürchten Beobachter.