US-Schokoriese Hershey: Stunk im Reich des Süßen - DER SPIEGEL
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US-Schokoriese Hershey Stunk im Reich des Süßen

Bittere Stimmung bei Hershey: Die Gewinne des größten Schokoladenherstellers Amerikas schmelzen, die Gründerfamilie verdirbt der Konzernspitze den Appetit, die Konkurrenz frisst sich satt. Wird das Traditionsunternehmen bald selbst geschluckt?
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

New York - Der Ort Hershey in Pennsylvania ist ein Paradies für Schleckermäuler. Die zwei größten Straßen heißen Chocolate Avenue und Cocoa Avenue, über ihrer Kreuzung hängen Laternen in Form von "Hershey's Kisses", der weltberühmten Schokopralinen. In der Chocolate World zuckelt eine Bahn durch eine simulierte Süßwarenfabrik, im Hershey-Park wachsen Zuckerstangen, und in der Wellness-Oase mit dem Namen Chocolate Spa gibt es Schokoladen- und Pfefferminz-Facials.

Hershey ("Chocolatetown, USA") ist Sitz des gleichnamigen Süßwarenkonzerns, des größten Schokoladenherstellers Amerikas. Der 13.000-Einwohner-Ort, eine Art Realversion von Tim Burtons Fantasy-Film "Charlie und die Schokoladenfabrik", verdankt seine Existenz allein der Hershey Foods Corporation  : Bei deren Gründung 1894 baute Firmenpatriarch Milton Hershey eine Modellstadt für die Arbeiter in die Milchkuhweiden rings um seine Firma.

Doch so mancherlei in Hershey ist natürlich nur Attrappe. Die Maschinen in Chocolate World etwa oder viele Altstadtfassaden: Kulissen. Die tatsächliche Konzernzentrale am Ortsrand freilich, aus deren Silos und den zwei großen, braunen Schornsteinen sich der Schokoduft manchmal übers ganze Tal legt, die ist echt.

Aber in den süßen Duft mischt sich neuerdings bittere Stimmung. Quelle des Stunks ist der Hershey Trust, die Treuhandstiftung der Hershey-Nachkommen. Der verwaltet das Familienerbe, ist mit 31 Prozent der größte Hershey-Einzelaktionär und finanziert damit unter anderem die Milton Hershey School, das größte US-Internat für bedürftige Kinder.

Viermal hintereinander miserable Ergebnisse

Die Beziehung zwischen der Konzernspitze und dem Trust, der gerne in deren Belange hineinregiert, ist seit jeher gespannt, wie so oft in solchen Fällen. Diesmal aber ist der Trust wirklich sauer und hat das Management des Naschwerk-Produzenten ("Kit Kat", "Reese's", "Twizzlers") jetzt ungewohnt brüsk attackiert.

"Der Trust ist mit den Ergebnissen des Unternehmens nicht zufrieden", donnerte er in einer selten öffentlichen Zurechtweisung. "Das Unternehmen ist sowohl hinter dem Markt wie auch hinter ihren selbstgesteckten Erwartungen zurückgeblieben." Mehr noch: Die Hershey-Holdings des Trust hätten "in dieser Periode unzufriedenstellender Performance über eine Milliarde Dollar an Marktwert verloren". Um welchen Zeitrahmen es sich dabei genau handelte, verschwieg der Trust freilich.

In der Tat aber verschluckt sich Hershey seit einiger Zeit schon am Knuspergeschäft. Zwar machte es voriges Jahr fast fünf Milliarden Dollar Umsatz, leicht mehr als in 2005. Fürs dritte Quartal 2007 jedoch vermeldete Hershey vergangene Woche miserable Ergebnisse - zum vierten Mal hintereinander: Der Unternehmensgewinn schmolz im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 66 Prozent, von 185,1 Millionen Dollar auf 62,7 Millionen Dollar.

Die Gründe dafür, so CEO Richard Lenny in einer turbulenten Konferenzschaltung mit Analysten: schärfere Konkurrenz, ein schwieriger Süßwarenmarkt, schrumpfendes Inventar und "engere Kreditbedingungen". Will heißen: Die US-Kreditkrise beiße sich also auch von der Schokobranche einen Brocken ab.

Heimliche britisch-amerikanische Naschpartie

Doch die firmeninternen Probleme Hersheys reichen viel weiter. Schon im September gab's dicke Luft: Da traf sich der Hershey Trust nach Informationen des "Wall Street Journals" heimlich mit dem britischen Lebensmittel- und Getränkekonzern Cadbury Schweppes  , um die Möglichkeit einer Teilfusion zu erörtern. Nicht mit eingeladen bei der klandestinen Naschpartie: CEO Lenny - obwohl der ein Vorstandsmitglied des Trusts war.

Wenig später trat Lenny, 55, vom Trust-Amt zurück. Drei Tage später gab Hershey bekannt, Lenny werde zum Jahresende auch als CEO in den vorzeitigen Ruhestand treten. Zu seinem Nachfolger wurde tags darauf Firmenpräsident David West, 44, ernannt. Eine Woche später stellte der sonst so diskrete Trust den noch amtierenden Lenny öffentlich an den Pranger.

Schöne Intrigen sind das für einen Konzern, der beansprucht, mit seiner Schokolade "die Menschen einfach nur glücklich machen zu wollen". Doch Lennys Abgang überraschte keinen - Zoff im süßen Reich hat es spätestens seit 2002 gegeben.

Damals hatte der Trust Lenny gezwungen, das Unternehmen zum Verkauf zu stellen. Es war ein Desaster: Cadbury und Nestlé boten gemeinsam 10,5 Milliarden Dollar, Wrigley funkte mit 12,5 Milliarden Dollar dazwischen, die Bürger von Hershey revoltierten aus Angst um Stellenverluste, selbst die Regierung des Bundesstaates Pennsylvania mischte sich ein. Der Trust blies den Verkauf wieder ab; heute hat die Firma einen Marktwert von 10,1 Milliarden Dollar.

Seitdem saß Lenny auf dem Schleudersitz. Seine Stunde schlug, als ihm schließlich nicht nur die landesweiten Kreditnöte das Geschäft versalzten, sondern auch steigende Milchpreise sowie besagte Konkurrenz - vor allem durch Mars ("M&M's") und Ghirardelli, einer Tochter des Schweizer Konzerns Lindt & Sprüngli.

Doch die Aktionäre trauen dem designierten CEO West offenbar auch nicht recht. Nach Lennys Rücktrittsmeldung ging der Hershey-Kurs erst hoch - und prompt wieder runter, als Nachrücker West bekannt gegeben wurde. Experten wollen frisches Blut sehen: "Sie brauchen ein Marketing-Genie", sagte der Marketingprofessor Bill Madway dem "Wall Street Journal".

Oder eben eine Verschmelzung mit Cadbury. So liest es sich jedenfalls in der Erklärung des Trusts - zwischen den Zeilen: Der "langfristige Erfolg der Firma" sei nur erreichbar, indem man "Strategien für einheimisches und internationales Wachstum aggressiv verfolgt". Und genau das Auslandsgeschäft ist bisher Hersheys schwächster Punkt gewesen. Schon im März hatte Cadbury-CEO Todd Stitzer einen Zusammenschluss der Süßwaren-Abteilungen beider Konzerne als sinnvoll bezeichnet.

Neue, feinere Produktlinie

Die Frage ist: Wer schluckt wen? Um Cadburys Zuckerwaren verdauen zu können, müsste sich Hershey hoch verschulden. Würde sich Cadbury hingegen Hershey einverleiben, dann würden Macht und Finanzen des Trusts leiden. Der müsste eine Fusion absegnen, denkt aber, als langfristiger Investor, eher konservativ.

Keine schmackhafte Lage für die Hüter des Schokoladen-Erbes. Also schmiss der Trust jetzt erst mal die Firmenleitung ganz aus seinem Vorstand, indem es den Posten, den CEO Lenny innehatte, mit einem Außenseiter besetzte, statt West aufrücken zu lassen.

Der designierte CEO West will derweil Hersheys Schwäche angehen - feinere Süßwaren. Denn Hershey gilt traditionell als Marke für die Massen. Eine neue Produktlinie soll das ändern: "Ein sanftes, cremiges und köstliches Schokoladen-Erlebnis, das das Verlangen des Kunden nach Genuss stillt." Sein Name: "Bliss" - Wonne.

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