US-Schutzzölle Der hausgemachte Stahlpreis-Schock
New York/Washington - George Bush, der Gewinnbringer: Wer im Frühjahr dem US-Präsidenten und seiner Wirtschaftspolitik vertraute, sammelte mitten im Bärenmarkt achtbare Gewinne ein. Vorausgesetzt, er steckte sein Geld ausgerechnet in Aktien der maroden US-Stahlkonzerne. Der Dow Jones Steel Index, ein Barometer der Branche, steht seit Monaten besser da als der Gesamtmarkt. Und seit März legte die Aktie der führenden Stahlkocherei U.S. Steel um zwanzig Prozent zu. Es war im März, dass Bushs Strafzölle von acht bis 30 Prozent auf Stahlimporte zu greifen begannen. Ein umstrittenes Medikament für eine kranke Industrie.
Des einen Freud, des anderen Leid. Leid bringen die Strafzölle vor allem dem weitaus größeren Kreis von Industriellen, die in den USA Stahl verarbeiten und keinen langfristigen Liefervertrag abgeschlossen haben: Maschinenbauer oder Hersteller von Haushaltsgütern wie Waschmaschinen etwa. Seit einigen Monaten, so scheint es, hat sich alles gegen sie verschworen. Der Dollar trudelt abwärts und verteuert Stahlimporte zusätzlich. Eine lange Serie von Bankrotten unter den US-Stahlkochern hat das Angebot verknappt. Nun zieht auch noch die Industrieproduktion an und belebt die Nachfrage.
Nie gekannte Zuwachsraten
Das hätte gereicht, die Stahlpreise aus dem historischen Tief der Jahreswende zu heben. Nun kommt die Wirkung der Zölle hinzu und die Kosten für das Eisen schnellen empor. Kostete eine Tonne warmgewalzter Stahl Ende 2001 noch 210 Dollar, sind es heute rund 300, ein Plus von über 40 Prozent. Auch der wichtige CRUspi-Index für nordamerikanischen, warmgewalzten Stahl ist seit Herbst von 55 auf über 100 Punkte gestiegen - und hat sich damit weitaus deutlicher gesteigert als der Vergleichsindex für Stahlpreise auf dem Weltmarkt.
Der leichte Vorsprung, den die US-Preise traditionell gegenüber den europäischen haben, habe sich "sehr stark ausgeweitet", beobachtet Pascal Spano, Stahlanalyst bei der Deutschen Bank. Der Anstieg sei "fast ausschließlich auf die Zölle zurückzuführen", weniger auf die Konjunkturbelebung. Immerhin sind die Stahleinfuhren in die USA seit Einführung der Schutzzölle um ein Fünftel gesunken - und das trotz zahlreicher Ausnahmegenehmigungen für Importeure. Zweistellige Zuwachsraten pro Monat bei den Stahlpreisen wie jetzt hat es in den ganzen neunziger Jahren nicht gegeben.
Der nächste Ford wird teuer
Ungewöhnlicher noch: Nach einem Überblick des "Institute for Supply Management" vom Monatsanfang wird Stahl auf dem US-Markt zunehmend knapp - und zwar als einziges von 400 Industrie-Bedarfsgütern. Daran dürfte sich auch innerhalb der nächsten sechs Monate nichts ändern, glauben fast neun von zehn Einkaufsmanagern, die bei Stahl verbrauchenden Firmen arbeiten.
Schon sammeln die Gegner der US-Handelspolitik neue Munition gegen Bush und seine Helfer. Die Stahlzölle seien "nie eine gute Idee" gewesen, ärgert sich die "Washington Post" in einem Leitartikel, nun aber erschienen sie "erst recht lächerlich". Die schädlichen Folgen für die US-Wirtschaft seien dramatisch: Konsumenten müssten sich darauf einstellen, dass die Preise für Autos und andere Produkte mit Stahl-Bestandteilen steigen. In Branchen, die das Metall verarbeiten, könnten Arbeitsplätze verloren gehen. Immerhin arbeiten nach Angaben des Institutes der deutschen Wirtschaft (IW) in den stahlnutzenden Branchen der USA 60-mal mehr Menschen als in der Stahlindustrie selbst.
Zombies aus den Gräbern
Stahlanalyst Spano glaubt indes, dass der Preisauftrieb nicht unendlich weiter gehen wird und sich die Folgen in Grenzen halten. Ein Großteil der derzeitigen Stahlnachfrage sei spekulativ, sagt er: Stahlzwischenhändler füllen schnell ihre leeren Lager auf, um für den Aufschwung gerüstet zu sein. Seien die Lager erst einmal voll, sinke der Preisdruck. Vermutlich würden auch die Verbraucherpreise nicht allzu sehr klettern. Kleine Zulieferer seien verwundbar, Konzerne wie Autohersteller aber durch langfristige Lieferverträge gegen Preisschwankungen abgesichert.
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Außerdem, prophezeit Spano, droht den US-Stahlkochern neue Konkurrenz - aus dem eigenen Land. Viele der bankrotten oder kriselnden Hersteller wollten bereits stillgelegte Werke wieder nutzen. "Bei 300 Dollar pro Tonne macht es Sinn, die Hochöfen wieder anzuschmeißen". Diesen Unternehmen würden die Bush-Zölle zurück zur Profitablilität helfen. Da wäre es also wieder, das Dilemma der US-Stahlbranche: Profitabel arbeitet sie nur, wenn beim Preis getrickst wird - und nicht, weil sie ihre Produktion rationalisiert oder sich durch Fusionen stärkt wie Konkurrenten in Europa. Die US-Stahlindustrie wäre so krank wie eh und je.