US-Wahlen Wer wem die Wahlkampfkasse füllt
San Francisco Er liegt ganz vorne in der Ladentheke, der "Obama-Berry Pie". 3,50 Dollar kostet ein Stück des Johannisbeer-Kuchens in Emily's Bakery, einer kleinen Konditorei in Santa Cruz, dem Surfer-Mekka südlich von San Francisco. Davon, so ist es auf einem kleinen Schild zu lesen, geht ein Dollar direkt an Barack Obama, den demokratischen US-Präsidentschaftskandidaten.
Obama-Fan mit Spielgeld: Mehr als die Hälfte der Spenden unter 200 Dollar
Foto: REUTERSEmily's Bakery ist kein Einzelfall. Überall im Land sammeln und spenden derzeit Hunderttausende Amerikaner Geld für die Kriegskasse von Obama - und haben ihm damit zu einem neuen Rekord verholfen: Allein im September erhielt der erste schwarze Präsidentschaftskandidat mehr als 150 Millionen Dollar an Spenden - und übertraf damit nicht nur seinen eigenen Spitzenwert von 66 Millionen Dollar im August, sondern überflügelte auch den bisherigen Rekordhalter, den amtierenden Präsidenten George W. Bush.
Teuerster Wahlkampf der Geschichte
Tatsächlich zeigen die schwindelerregenden Zahlen vor allem eines: Der aktuelle Wahlkampf wird zum teuersten Präsidentschaftsrennen der amerikanischen Geschichte. Etwa eine Milliarde Dollar bringen die Kandidaten für die Schlacht um das Weiße Haus auf, schätzte das "Wall Street Journal" im September, im letzten Wahlkampf waren es 675 Millionen Dollar. "Allein in den zehn Wochen vor der Wahl, in der harten Endphase, geben die beiden Kandidaten rund 500 Millionen Dollar aus", prognostiziert Anthony Corrado, Politikwissenschaftler am Colby College und Fachmann für Wahlkampf-Finanzierung.
Laut der staatlichen Wahlkommission hat Obama bislang knapp 454 Millionen Dollar an Wahlkampfspenden erhalten, sein Kontrahent von den Republikanern, John McCain, 240 Millionen Dollar. "Der größte Teil des Geldes kommt aus der Finanzindustrie und aus dem Versicherungssektor, obwohl beide mit den Folgen der Finanzkrise zu kämpfen haben", sagt Corrado. Weil man dort strengere Regulierungen befürchte, wolle man sich den Zugang zum nächsten Präsidenten offen halten - und verteile das Geld deshab relativ gleichmäßig auf beide Kandidaten.
Andere Branchen geben sich parteiischer: "Obama und die Demokraten werden traditionell eher von Gewerkschaften und großen Anwaltskanzleien unterstützt", sagt Bruce Cain von der Universität Berkeley. Letztere hofften vor allem auf strengere Regulierungen beim Verbraucherschutz. "Für die Republikaner spenden dagegen vor allem Akteure aus der Öl- und Gasindustrie, vor allem seit McCain davon spricht, das Energieproblem mit neuen Ölbohrungen vor den Küsten Amerikas zu lösen." Tatsächlich hat der Republikaner mehr als doppelt so viel Geld von der Ölindustrie bekommen wie Obama. Das zeigt ein Vergleich des "Center for Responsive Politics".
Aber auch abseits der klassischen Unterstützergruppen verteilen sich die Vorlieben ziemlich klar: Während das Silicon Valley mit seinen vielen energiebewussten Hightech-Gründern fast geschlossen für Obama sammelt, unterstützen die Bauindustrie und die Landwirtschaft traditionell McCain. Und während Obama Hilfe von den großen Krankenhaus-Konzernen erhält, die auf mehr staatliche Unterstützung bei der Versorgung nicht-versicherter Patienten hoffen, spenden die privaten Krankenversicherungskonzerne an McCain, weil sie kein Interesse an einer umfassenden Reform des Krankenversicherungssystems haben.
Obama bekommt viel Geld von Einzelspendern
"Interessanterweise bekommt Obama in diesem Jahr auch Finanzhilfe aus der Pharmaindustrie, die bislang eher auf Seiten der Republikaner stand", sagt Wahlkampfexperte Corrado. "Meine Vermutung ist, dass sie darauf setzen, mehr Präparate verkaufen zu können, sollte Obama tatsächliche eine umfassende Krankenversicherung einführen."
Doch es sind nicht nur die großen Industriezweige, die an die beiden Kandidaten spenden. Tatsächlich bekommt vor allem Obama viel Geld von Einzelpersonen, inzwischen sind es mehr als 3,1 Millionen Unterstützer. Bislang hielt auch hier der amtierende Präsident George W. Bush den Rekord mit einer Million Einzelspender.
"Man darf sich aber nichts vormachen: Noch immer kommt ein Großteil des Geldes von der wirklich wohlhabenden Elite, die sich hauptsächlich an den Küsten oder in den großen Städten des Landes findet", sagt Fundraising-Spezialist James Gimpel von der Universität of Maryland. "Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass Obama es geschafft hat, die Hälfte seines Geldes durch Spenden von unter 200 Dollar zu akquirieren."
Was die Geldgeber mit ihrem Beitrag bezwecken, darüber gehen die Meinungen allerdings auseinander. "Sie hoffen einfach, dass der Kandidat gewinnt, den sie favorisieren mehr nicht", sagt Charlie Cook, politischer Kommentator und Herausgeber des angesehenen "Cook Political Report". Es sei ein Irrglaube, dass Spender sich politische Einflussnahme oder Ämter aller Art erhofften. "Die Großspenden kommen nicht aus der Mittelschicht, die kommen von Leuten, die nicht auf einen Regierungsjob angewiesen sind, die brauchen kein Dankeschön hinterher."
Geld allein garantiert keinen Wahlsieg
Das sieht Steve Weissman, Vizechef des Instituts für Wahlkampffinanzierung in Washington, anders: "Es gibt auch Spender, die zwar nicht unbedingt auf ein politisches Amt, aber sehr wohl auf den direkten Kontakt und den Zugang zum künftigen Präsidenten oder seinem Umfeld spekulieren." Das seien vor allem die Akteure aus Unternehmen oder politischen Organisationen, die Einfluss auf die künftige Politik nehmen wollten. "Henry Paulson hat als Spendensammler im vergangenen Wahlkampf fünf Millionen Dollar für George W. Bush aufgetrieben. Heute ist er Finanzminister. Das kann Zufall sein, muss es aber nicht."
Doch es sind nicht nur die Parteien und die Kandidaten selbst, die Geld für den Wahlkampf ausgeben. Eine große Rolle spielen die unzähligen Interessengruppen, die offiziell außerhalb der Parteien stehen und fast unbeschränkt Geld im Sinne ihres Kandidaten sammeln und ausgeben können. So hat etwa die Gruppe "Health Care for America Now" eine landesweite Kampagne mit dem Ziel einer umfassenden Krankenversicherung gestartet. Sie gibt sich als überparteiisch aus, besteht aber faktisch aus Gewerkschaften, Lehrerverbänden, Frauen- und Gesundheitsorganisationen, die als eher Obama-freundlich gelten. 40 Millionen Dollar wollen sie für Anzeigen, Werbespots und ähnliches ausgeben.
Gleiches gilt auch für Interessengruppen auf der republikanischen Seite: So will etwa die "National Rifle Association" insgesamt 15 Millionen Dollar dafür ausgeben, Obamas restriktive Position zum Waffenbesitz anzuprangern.
In einem jedoch sind sich die Experten einig: Das Geld alleine garantiert noch keinen Wahlsieg. "Was letztlich zählt, sind Charisma und überzeugende Positionen", sagt Fundraising-Spezialist Gimpel. Und Politik-Experte Cook hält die Empörung über die Höhe der Wahlkampfgelder sowieso für übertrieben: "Allein McDonald's hat im vergangenen Jahr 619 Millionen Dollar ausgegeben um für Burger zu werben. Warum regen sich die Leute dann darüber auf, wenn es um den nächsten Präsidenten geht?"