US-Weihnachtsgeschäft Kater im Kaufrausch-Land
New York - Wer geht um 4 Uhr nachts Geschenke kaufen? Zum Beispiel Irene Harris, eine Kindergärtnerin aus Islip bei New York. Lange vor Sonnenaufgang machte sich Harris am Freitag zu J.C. Penney auf, ein Billig-Kaufhaus in der Sunrise Mall im nahen Massapequa, das an dem Tag extra früh öffnete. Dort ergatterte sie einen riesigen Plüschbären, ein Set mit fünf Prinzessinnen-Puppen und einen iPod-Radiowecker - alles zum halben Preis. "Hinterher war ich völlig fertig", ächzt sie. "Aber es hat sich gelohnt."
So wie Harris stürmten am Freitag Hunderttausende Amerikaner in aller Herrgottsfrühe die Läden, um sich Schnäppchen zu sichern. Manche campierten in Schlafsäcken auf den Parkplätzen der Einkaufszentren, andere auf den Ladeflächen ihrer Autos. Harris machte die Nacht mit drei Freundinnen und drei Kannen Kaffee durch.
"Black Friday" heißt dieser Tag in den USA, der Kaufrauschtag nach Thanksgiving - und traditionelle Anstoß des Weihnachtsgeschäfts, jener wichtigsten Shopping-Saison des Jahres. "Schwarzer Freitag" deshalb, weil er den US-Einzelhandel noch schnell in die schwarzen Zahlen heben soll, mit allerlei Sonderaktionen, Ramschpreisen und Gimmicks. Eine Art umgekehrter Winterschlussverkauf also, der dieses Jahr freilich weit bizarrere Ausmaße annahm als sonst. Denn dieses Jahr, so fürchtet die Branche, geht's um alles.
Der US-Konjunktur geht die Puste aus, und die Verbraucher haben - dank Kreditkrise, hoher Energiepreise und sinkender Löhne - diesmal so wenig Geld in der Tasche wie seit Jahren nicht mehr. Nach ersten Stichproben verzeichneten die Läden am "Black Friday" zwar 147 Millionen Kunden, 4,8 Prozent mehr als 2006 - doch die gaben insgesamt 3,5 Prozent weniger aus. "REZE$$ION", betitelte die "New York Times" ihre Sonntagsbeilage, in roten, gigantischen Großbuchstaben, die sich zur Seite neigten wie die kenternde "Titanic".
Kampf um jeden Kunden
Immer mehr Amerikaner müssen sparen - ausgerechnet zum Auftakt des Weihnachtsrummels. In einer Umfrage des Zogby-Instituts unter US-Käufern kündigte mehr als ein Drittel an, dieses Jahr weniger fürs Christmas-Shopping auszugeben als 2006. Das schlägt sich schon seit Wochen auch in den Umsatzzahlen der populären Großkaufhäuser wie J.C. Penney und Macy's nieder, die ihre Prognosen kürzten. FedEx und UPS, die beiden Top-Kurierunternehmen der USA, korrigierten ihre Vorhersagen fürs Weihnachtsgeschäft ebenfalls nach unten: Wo weniger gekauft wird, wird weniger verschickt.
Kater im Land des ewigen Kaufrausches: Die Beratungsfirma TNS erwartet, dass die US-Weihnachtsumsätze dieses Jahr insgesamt nur um drei Prozent zum Vorjahr steigen werden. Es wäre die schwächste Zahl seit dem 11. September 2001 und dem Dotcom-Crash. Daran können auch die Horden europäischer Touristen nichts ändern, die dieser Tage die USA überrollen und den günstigen Wechselkurs zum interkontinentalen Shopping-Trip ausnutzen. Ohne sie sähe es also noch viel schlechter aus.
Kein Wunder, dass der Kampf um jeden Kunden groteske Formen annimmt. Noch nie zuvor begannen die Sonderangebots- und Weihnachtsaktionen so früh wie diesmal. Wal-Mart schaltete seine ersten Anzeigen bereits am 1. November, dem Tag nach Halloween. Slogan: "Was machen Sie mit Ihren Ersparnissen?"
"Diesmal wird's ernst", sagt der Einzelhandels-Analyst John Morris von Wachovia. "Die Geschäfte bedienen sich jeder nur möglichen Waffe, um die Verbraucher zu erreichen." Der New Yorker Elektronik-Großmarkt CompUSA verkaufte am Freitag GPS-Navigationsysteme und Flachbild-Fernseher zu Schleuderpreisen. Draußen gab es für alle, die seit dem Vorabend auf der Fifth Avenue Schlange standen, Kürbiskuchen, das traditionelle Thanksgiving-Dessert. Als die GPS-Systeme binnen 15 Minuten ausverkauft waren, gab es trotz des Kuchens fast Randale.
Konkurrent Best Buy unterhielt die Mengen mit DJs und verteilte Lagepläne, die das Auffinden der Waren in den Geschäften erleichterten. Der Discounter Sam's Club offerierte den Früh-Shoppern ein komplettes Frühstück mit Kaffee, Milch, und Bagels - gratis.
Ob all diese Tricks fruchten es zeigt sich natürlich erst zum Jahresende. Schon jetzt aber steht fest, dass sich nach einer Umfrage der Marketingfirma Compete mehr als die Hälfte aller US-Kunden lieber in Billigketten umtun als in Luxusläden wie Nordstrom oder Ralph Lauren. "Trade-down"-Saison heißt das im Branchenjargon trübe - die Saison des absteigenden Käufers.
Den totalen Nullkauf propagiert die Aktivistengruppe Adbusters. Die erklärte den Freitag zum "Buy Nothing Day", wie jedes Jahr seit 1992. Dazu stellte sich der Konsumkritiker und Performance-Künstler Bill Talen alias Reverend Billy mit einem Megafon vor die Macy's-Zentrale in Manhattan und brüllte, begleitet von seinem Gospel-Chor in Safranroben: "Stop shopping! Stop shopping!" So weit sind die US-Kunden noch nicht sie strömten ungerührt an ihm vorbei.