US-Wirtschaft Amerikas Konsumenten droht der Plastikgeld-GAU
Hamburg - Schwache Konjunktur- und Arbeitsmarktdaten, purzelnde Börsenkurse - in den USA geht die Rezessionsangst um. Längst geht es nicht mehr nur um faule Hypothekenkredite - auf dem Kreditmarkt tickt noch eine andere Zeitbombe: Es geht um das Geschäft mit Kreditkarten, einen Kernbereich nicht nur der großen Konsumentenbanken.
Mit 900 Milliarden Dollar Volumen ist das Segment ähnlich schwer wie der gesamte Bereich der Hypotheken von Schuldnern schlechter Bonität (subprime), in dem die aktuelle Krise begann.
Ein Einkaufsbummel ohne Kreditkarten ist in den USA für viele nicht vorstellbar - sie bilden eine der Säulen des US-Konsums. Sollte die Kreditkrise auch diesen Bereich erfassen, werde sich "das Blutbad noch verschlimmern", sagt der US-Ökonom Nouriel Roubini.
Einiges spricht dafür, dass es zu einem solchen Domino-Effekt kommt und die aktuelle Krise auf den Kreditkartensektor übergreift. In der Vergangenheit verfuhren viele US-Bürger nach dem Motto "mein Haus ist mein Geldautomat". Sie finanzierten ihren steigenden Konsum dadurch, dass sie auf ihren damals steigenden Häuserwert zusätzliche Kredite aufnahmen.
Dieses konsumfördernde Spiel funktioniert in Zeiten fallender Immobilienpreise nicht mehr. Viele Bürger dürften versucht sein, eine aktuelle finanzielle Notlage zu lösen, indem sie Schulden per Kreditkarte aufnehmen mit langfristig bedrohlichen Folgen.
Wie genau könnte der weitere Verlauf der Krise aussehen? US-Immobilienbesitzer, deren Hypothekenzinsen steigen, stehen aktuell vor verschiedenen Szenarien:
- Glückliche haben genug Einkommen oder finanzielle Reserven, um die steigende Zinsbelastung zu bedienen.
- Bei anderen sorgen die anziehenden Zinsen für die Immobilie dafür, dass kein Geld mehr übrig bleibt, um das Kreditkartenkonto auszugleichen.
- Eine weitere Gruppe erhöht kurzerhand das Kreditkartenlimit, um den persönlichen Lebensstandard in Zeiten steigender Zinsen zumindest kurzfristig zu halten.
- Und einige Schuldner nutzen schlicht den Charme einer frischen "no questions asked"-Kreditkarte, um mit Hilfe eines Bargeldvorschusses die auflaufende Hypothekenbelastung zu bedienen.
Nach Einschätzung der Ratingagentur Fitch ist denkbar, dass sich eine steigende Zahl von Kreditkartenkunden auf diese oder ähnliche Weise übernimmt. Damit würde das Kreditproblem dramatisch verschärft - denn Kreditkartenzinsen von 20 Prozent und mehr übersteigen die Kosten eines Hypothekenkredits deutlich. Mit derlei Umschuldungsstrategien ist nur kurzfristig Zeit gewonnen. Und auf jeden Fall bleibt in allen Szenarien weniger Geld für den Konsum.
Ein weiteres Problem: Für Kreditkartenschulden gibt es keine Sicherheiten. Platzt ein Immobilienkredit, können Banken zumindest auf das Haus zurückgreifen, auch wenn dessen Wert sinken mag. Ein Kreditkartenschuldner haftet dagegen höchstens mit seinem pfändbaren Arbeitseinkommen. Rutschen die USA in eine Rezession und verlieren mehr Bürger ihre Jobs, dürften die Zahlungsausfälle bei Kreditkarten deutlich ansteigen, schätzt der Finanzdienstleister Thomson Financial.
Die Kreditinstitute reagieren. Die Bank of America hat ihre Rückstellungen zum Ende des dritten Quartals bereits um rund 50 Prozent erhöht. Die Ausfälle bei Kartenkrediten seien bis Ende September 2007 um rund ein Drittel gestiegen, meldete das Institut. Auch die Citigroup und der Kartenanbieter American Express rechnen mit steigenden Ausfällen in diesem Jahr und haben ihre Rückstellungen deutlich erhöht: Capital One, größter unabhängiger Anbieter von Kreditkarten der Marken Visa und Mastercard, hat seine Verlustprognose auf rund 5,5 Milliarden Dollar angehoben.
Diese Schritte sind angesichts wachsender Risiken ein Gebot der Vernunft, haben aber auch weitere Konsequenzen für die Realwirtschaft. Banken, die ihre Rückstellungen erhöhen und mit steigenden Ausfällen rechnen, werden künftig weniger Geld verleihen, betont Jan Hatzius, Volkswirt bei Goldman Sachs. Damit werden die Probleme auch bei Unternehmen guter Bonität ankommen, die auf Grund der Zurückhaltung der Kreditgeber ihr Wachstum nicht mehr finanzieren können.
Ein Problem allein für die USA? Leider nicht. Großbritannien bietet schon jetzt Anschauungsunterricht dafür, wie Probleme am Hypothekenmarkt auf den Kreditkartensektor überspringen können. Im Vereinigten Königreich ist das Volumen der Immobilienkredite auf mehr als eine Billion Pfund gestiegen, die Verschuldung der Briten im Schnitt ist etwa doppelt so hoch wie in Resteuropa. Nach Berechnungen des Magazins "Fortune" sind die Kreditkartenausfälle seit Ende 2005 um rund 50 Prozent gestiegen, und rund sechs Prozent der Schuldner haben ihre Hypothekenschuldner zeitweise mit teurem Plastikgeld bedient.
Wenn sich die gleiche Entwicklung in den USA wiederholt, wird es unangenehm.