US-Wirtschaft: Krieg im Tal der Missionare - DER SPIEGEL
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US-Wirtschaft Krieg im Tal der Missionare

Der Aufschwung in den USA täuscht über eine handfeste Krise hinweg: Das mittelständische Gewerbe, vom Strukturwandel besonders betroffen, kämpft um seine Existenz. Der kalifornische Maschinenhersteller Lawrence ist ein typisches Beispiel. Ein Bericht von der Wirtschaftsfront.
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South El Monte - Den Glauben an die Politik, den hat Johnny Lawrence längst verloren. "Diese Idioten sind doch alle gleich", poltert der knorrige Fabrikant auf die Frage, wen er in diesem Wahlkampf vorziehe: US-Präsident George W. Bush oder dessen Gegner John Kerry. "Dem Bush traue ich nicht über den Weg, und Kerry ist ein verdammter Yankee."

Lawrence, ein Bulle in Jeans, Karohemd und Turnschuhen, schimpft viel und laut, während er die Besucher durch seinen Betrieb führt. Er sei "kein politischer Typ", sagt der Kalifornier zwar. Doch dann wettert er sowohl gegen die republikanische Regierung in Washington, die er - zurückhaltend übersetzt - "ein Ärgernis" nennt, als auch gegen die oppositionellen Demokraten - seine langjährige Hauspartei, aus der er aber bald austreten werde, "denn die ist nicht mehr die Partei der Arbeiter".

Lawrence hat allen Grund zum Ärger. Sein alt eingesessener Familienbetrieb - die Tortilla-Backmaschinenfabrik Lawrence Equipment in South El Monte, einer staubigen Kleinstadt im kalifornischen San Gabriel Valley - steckt in der Krise. Der Weltmarkt drückt die Preise. Die Lohnnebenkosten drosseln den Gewinn. Die Steuerknute verbietet jede Expansion und hält ihn in einer Art umgekehrten Produktivitätsfalle gefangen: Die Nachfrage wächst, doch Lawrence kann ihr nicht gerecht werden.

Ausgebremst von Übersee

Die Verantwortung sieht der Unternehmer bei den Politikern. Seine Wut ist inzwischen so groß, dass er - gegen sein patriotisches Gewissen - die Verlagerung eines Großteils seiner Produktion ins Ausland ins Auge fasst. "Uns bleibt keine andere Wahl", seufzt er.

Die Geschichte von Johnny Lawrence und seinen Tortilla-Maschinen ist typisch für das, was sich derzeit in der US-Wirtschaft abspielt und dort vor allem im produzierenden Gewerbe, dem mittelständischem Rückgrat der Nation. Ausgebremst von der Billigkonkurrenz aus Übersee, zerrieben von wirtschaftspolitischen Widernissen und obendrein mitten in einem historischen Strukturwandel kämpfen die Unternehmer mit oft unlösbaren Problemen - trotz landesweiten Aufschwungs. "Wir stehen vor monumentalen Herausforderungen", klagt Richard Dauch, der Vorsitzende des Branchenverbands National Association of Manufacturers (NAM). "Dies ist ein Wirtschaftskrieg, den wir gewinnen müssen."

Den Kriegszustand merkt man Lawrence Equipment äußerlich zunächst nicht an. In den hellen Fabrikhallen herrscht lärmende Betriebsamkeit. In einer Ecke zersägen Arbeiter große Metallplatten. Andere sitzen an Computern oder stapeln Kisten aufeinander. Wieder andere haben sich lachend um einen Picknicktisch zum Lunch versammelt. Alles wirkt sehr routiniert und gut organisiert.

Offizielle Firmensprache Spanisch

Seit 1980 baut Lawrence hier im "Tal der Missionare" Tortilla-Maschinen: aufwendige Metallmonster, die alle nur denkbaren Arten von Teighüllen am Fließband ausspucken. Es ist zwar ein hoch spezialisiertes Geschäft, trotzdem ist die Konkurrenz hart. Eine eigene Wissenschaft, für die eine Handvoll Firmen die Expertise haben. Lawrence und sein Team, darunter seine Söhne Mark und Clay, haben die meisten ihrer "Flachbrotmaschinen" über die Jahre hinweg selbst erfunden und patentieren lassen.

Die Geschäftsidee war eigentlich blendend. Im Jahr verzehren die Amerikaner Tortillas im Wert von fast 900 Millionen Dollar, gerade auch dank des rasant wachsenden Latino-Anteils. Diesen Markt sah Lawrence früh. Von einfachen Mehlpressmaschinen erweiterte er sein Sortiment bald auf innovative Automaten wie Maismühlen, Pizza-Öfen, Chip-Friteusen. Seine inzwischen 160 Einzelmodelle liefert er nicht nur an amerikanische Ketten und Konzerne wie Taco Bell, Pizza Hut, Frito-Lay oder PepsiCo. Sondern auch nach Europa, wo er Marktführer ist, Asien, in den Nahen Osten - und, ironischer Weise, ins Geburtsland der Teigschale, das benachbarte Mexiko.

Das hört sich auf dem Papier alles schön an. Doch die Realität ist wie immer komplizierter. Zum Beispiel die Belegschaft: 176 der 220 Lawrence-Mitarbeiter sind Latinos - nichts Besonderes in South El Monte, dessen Einwohner zu 77 Prozent lateinamerikanischer Herkunft sind. Die meisten sind Mexikaner, über die nahe Grenze hierher gekommen. Da sie selten Englisch sprechen, ist die offizielle Firmensprache Spanisch. Johnny Lawrence beherrscht es fließend, zwangsläufig.

22,4 Prozent teurer als China

Viele dieser Latinos sind illegal im Land. "Wie viele wirklich Papiere haben, weiß ich nicht", sagt Lawrence lakonisch. Alles, was sie ihm vorlegen müssen, ist eine gültige US-Sozialversicherungsnummer, und die gibt's für 35 Dollar auf dem Schwarzmarkt zu kaufen. "Ich bin aus Tijuana", sagt einer der Männer, der sich als Raoul vorstellt. "Ich kam nach Kalifornien, weil ich hier überleben kann."

Lawrence ist verpflichtet, für alle Angestellten neben ihrem Gehalt auch den Arbeitgeberanteil der Sozialversicherung draufzuzahlen, Krankenkasse sowie Unfall- und Invalidenversicherung. "Diese Nebenkosten", berichtet Lawrence müde, "sind inzwischen fast genauso hoch wie die Gehälter." Und selbst mit denen lässt er sich nicht lumpen: Rund 37 Dollar pro Stunde verdienen sie hier trotz Minderheitenstatus; selbst dem billigsten Hilfsarbeiter zahlt Lawrence zwölf Dollar, fast doppelt so viel wie den Mindestlohn (6,75 Dollar), denn "davon kann ja keiner leben".

Mit seinen hohen Nebenausgaben steht Lawrence nicht alleine. "Overhead-Kosten wie Gesundheits-, Versicherungs- und Gerichtsaufwendungen addieren heute 22,4 Prozent zum Produktionspreis des Gewerbes im Vergleich zur Auslandskonkurrenz", klagt NAM-Chef Dauch. "Das entspricht beinahe den gesamten Produktionskosten in China." Als der Verband neulich seine Mitglieder befragte, was ihnen am meisten erschwere, ihre Produktion in den USA zu halten, nannten die Firmen an allererster Stelle die besagten Nebenkosten - weit vor den Gehältern selbst und der Gewerbesteuerlast in Höhe von 40 Prozent, die höchste Rate westlicher Industrieländer.

Kugellager aus Japan

Die Konsequenzen spürt Johnny Lawrence mehrfach: Er kann weder neue Mitarbeiter einstellen noch expandieren, hat kein Geld für Forschung und Entwicklung, muss Kapitalinvestitionen aufschieben und hält vor allem mit der Produktivität des Auslands kaum noch mit. Die Auftragslage ist blendend, doch er kann ihr nicht nachkommen, seine Lieferzeit beträgt mittlerweile 13 Monate. "Ich sitze auf sieben neuen Patenten, die ich nicht umsetzen kann", sagt Lawrence. "Wie soll ich da auf dem Weltmarkt wettbewerbsfähig bleiben?"

Schon jetzt setzt Lawrence seine Maschinen aus internationalen Teilen zusammen, das ist billiger. Er nennt das "the global thing" und lacht. "Die Kugellager sind aus Japan, der Motor von hier", sagt er, auf einen 20 Meter langen Tortilla-Automaten deutend. Sein größter Zulieferer ist der deutsche Bäckereimaschinen-Hersteller Werner & Pfleiderer aus Dinkelsbühl.

Da ist es nur noch ein kurzer Schritt bis zum Outsourcing der gesamten Produktion. "Es ist unsere einzige Chance", sagt Lawrence wie so viele andere US-Unternehmer auch. "Hier kommen wir einfach nicht weiter." Die Überlegungen sind aber erst im Frühstadium; Lawrence weiß noch nicht mal, wohin es ihn ziehen würde: Japan? Osteuropa? Oder reicht erst mal ein Abstecher in den Bundesstaat Arizona, wo das Wirtschaftsklima günstiger ist?

Starbucks als kommunales Großereignis

Genau das ist es, was dem gesamten Ort South El Monte zu schaffen macht. "Ich weiß nicht, wie ich den Abzug der Firmen aufhalten soll", sagt Bürgermeisterin Blanca Figueroa, die sich mit einem zweiten Job als Lehrerin über Wasser halten muss. Einst das selbst ernannte "Gewerbezentrum der USA", mit tausenden Fabriken für Möbel, Haushaltswaren und Baumaterial, leidet South El Monte heute an einer Arbeitslosenquote, die um die zehn Prozent pendelt, deutlich über dem kalifornischen Durchschnitt (6,5 Prozent). Da wurde neulich sogar die Eröffnung des ersten Starbucks zum kommunalen Großereignis, bei dem die Arroyo High School Band aufspielte.

"Die Lage ist fucked-up", resümiert Johnny Lawrence. Und auch der Wahlkampf bietet ihm keine zufrieden stellenden Alternativen. Für wen er im November stimmen werde? "Keine Ahnung." Ein letzter Trost bleibt ihm, aber auch dessen einst stolze Symbolik schwindet zusehends: "Ich bin ein Amerikaner."