US-Wirtschaft Patriotische Werbe-Askese am 11. September
Washington/New York - Der Einzelhändler La-Z-Boy ist ein typisches Beispiel für jene Firmen, die am Jahrestag des 11. September den ungewohnten PR-Verzicht üben. Der größte Möbelhersteller der USA wird keine Werbespots in Funk und Fernsehen senden, keine Annoncen in Zeitungen schalten.
Werbung am ersten Jahrestag des WTC-Desasters sei einfach unangemessen, sagte ein Marketing-Manager des Unternehmens dem Nachrichtendienst Bloomberg. Das heißt wohl vor allem: Die Möbelmacher haben Angst davor, sie könnten als herzlose, unpatriotische Materialisten gelten, wenn sie die im Umfeld von Gedächtnis- und Gedenksendungen erhöhten Einschaltquoten ausnutzen, um ihre Produkte anzupreisen.
Drei Wochen ohne
So wie LA-Z-Boy verhalten sich viele andere amerikanische Großkonzerne, darunter ist auch Coca-Cola. Werbespots, die sonst am 11. September gezeigt würden, seien auf Tage davor und danach umverteilt worden, sagte Coke-Sprecher Ben Deutsch ebenfalls zu Bloomberg.
Vor allem Fluggesellschaften agieren noch weitaus vorsichtiger. American Airlines, die größte Fluglinie der Welt, hat sich für die Zeit zwischen dem 2. und dem 20. September eine Werbepause verordnet. Man wolle damit der 3000 Toten gedenken, sagte eine Sprecherin. Wahrscheinlich will man auch nicht unnötig oft in Erinnerung rufen, dass American am 11. September zwei Jets verloren hat - und dass Flugzeuge weiterhin als bevorzugtes Ziel von Terroristen gelten.
Antikommerzieller Anstrich
Auch Verlage und Medienkonzerne wollen sich zumindest für einen Tag einen antikommerziellen Anstrich geben. Das Fox Network, das zu Rupert Murdochs News Corporation gehört, wird auf seinem Hauptkanal Fox und dem Ableger Fox News den ganzen Tag keinerlei Werbesendungen ausstrahlen.
Ein Entschluss, der den TV-Machern verhältnismäßig leicht gefallen sein dürfte - schließlich waren angesichts der Zurückhaltung bei Coca-Cola & Co. ohnehin keine hohen Werbeerlöse zu erwarten waren. Auch der Sender ABC, der zum Disney-Konzern gehört, will keine normalen Werbespots ausstrahlen. CBS und NBC werden vermutlich die Zahl der Einblendungen einschränken, CNN will zumindest weitgehend werbefrei senden. Mehrere Radiostationen in New York verzichten in der Zeit zwischen acht und elf Uhr morgens auf Werbepausen - schließlich wurde das World Trade Center gegen viertel vor Neun angegriffen.
Der Rüstungsriese als Exklusivsponsor
Pietät und Patriotismus werden für die Werbe- und Fernsehbranche in Amerika wohl ein einigermaßen kostspielig werden. Wie groß die Summe der Einnahme-Ausfälle genau sein wird, ist zwar kaum abzusehen. Im vergangen Jahr aber sind den dominierenden vier TV-Senderketten und CNN insgesamt allein in den fünf Tagen nach dem 11. September 219 Millionen Dollar an Werbeerlösen entgangen, so eine Schätzung von Competitive Media Reporting. Kunden hatten schon gebuchte Spots zurückgezogen, andere fiele wegen der aktuellen Berichterstattung aus.
Durch Sponsoring der allgegenwärtigen Gedenksendungen aber werden die TV-Sender wohl zumindest einen Teil ihrer Betriebskosten wieder hereinholen können. Der Mobilfunkanbieter Nextel etwa tritt als Werbepartner eines Dokumentarfilms über den WTC-Anschlag auf, der auf CBS ausgestrahlt wird. Der Flugzeughersteller Boeing, immerhin auch der größte Rüstungskonzern der Welt, fungiert für NBC als Exklusivsponsor des "Konzerts für Amerika". Keiner der Konzerne legte offen, welche Summen er für die Sponsoring-Rechte hingeblättert hat.
Dann wiederum gibt es solche Unternehmen, die werben wie an jedem x-beliebigen Tag. Die Discounter-Kette Kmart, immer noch im Insolvenzverfahren, will sich nicht zurückhalten, auch der Haushaltsgüter-Riese Procter & Gamble wird so intensiv werben wie sonst. Und zwar nicht allein, um Produkte zu promoten. Sondern auch, um zu beweisen, dass der Alltag trotz Terrorgefahr normal weitergehe und um der Katastrophe zu gedenken - so heißt es zumindest aus den Konzernzentralen.