USA: Energiediebstahl kommt in Mode - DER SPIEGEL
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USA Energiediebstahl kommt in Mode

Amerikaner haben mit Energiesparen wenig im Sinn. Viel lieber drücken sie sich um die Stromrechnungen herum - der Schaden geht in die Milliarden.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Washington - Sie stehlen meist im Schutz der Dunkelheit, sind mit Kleiderbügeln, Fahrradschläuchen oder Küchenutensilien bewaffnet und richten jährlich vermutlich mehr als fünf Milliarden Dollar Schaden an: Energiediebe in den USA, die sich wegen explodierender Gas- und Strompreise bei den Versorgungsunternehmen gratis bedienen.

Die Ermittler erleben die dreistesten Tricks. Da war der Fabrikboss in Milwaukee, der sich einen Schalter gebaut hatte, mit dem er den Stromzähler ein- und ausschalten konnte. Er ließ den Strom nur in der Woche laufen, in dem der Ableser kam - bis er einmal vergaß, den Hebel wieder umzulegen. Die plötzlich ungewöhnlich hohe Rechnung machte den Stromlieferanten misstrauisch, und der Mann wurde geschnappt. Auch der Besitzer eines 15-stöckigen Bürohauses ging in die Falle, weil der Stromverbrauch, den der manipulierte Stromzähler anzeigte, lächerlich gering war. In Carrollwood in Florida wurde ein Mann ertappt, der sein 325 Quadratmeter großes Haus acht Jahre lang umsonst geheizt und gekühlt hatte.

An manchen Stromzählern finden die Detektive Magnete, um den Zähler zu bremsen, andere sind mit Drähten, Gabeln und anderen Werkzeugen blockiert. Bei Gasleitungen kommen oft Fahrrad- und Gartenschläuche zum Einsatz. Die Unternehmen sind besorgt über die Gefahren. "Sich an Stromzählern zu schaffen zu machen ist riskant und kann zu Elektroschocks, Feuer und Explosion führen", warnt der Chef der Stromableser der Lee County Electric Cooperative in North Fort Meyers/Florida, Dave Jackson.

Außer um die Sicherheit sorgen die Unternehmen sich aber vor allem um ihre Einkünfte. Die Privatisierung ist auf dem Vormarsch, immer mehr Konkurrenten sind am Markt, und es ist schwieriger als früher, die Kosten, die Schmarotzer verursachen, auf die ehrlichen Kunden umzulegen. Deshalb haben die Strom- und Gaslieferanten ihre Jagd auf kriminelle Kunden intensiviert. Auf den Webseiten der Unternehmen wird das Thema inzwischen offen angesprochen. Viele haben Hotlines geschaltet und fordern ihre ehrlichen Kunden auch auf, verdächtige Nachbarn anzuschwärzen.

Der Internationale Verband zum Schutz der Einkünfte von Versorgungsunternehmen (IURPA) hat ein Online-Formular entwickelt, mit dem Verdächtiges in aller Welt gemeldet werden kann. Der Verband, 1990 mit dem Ziel gegründet, dem Energiediebstahl gemeinsam den Kampf anzusagen, leitet die Meldung an das zuständige Unternehmen weiter. Ihm gehören weltweit schon mehr als 400 Mitglieder an. Die kriminelle Energie wächst nach der Erfahrung der Ermittler mit den Preisen. Für Gas schossen sie im vergangenen Jahr nach Angaben des US-Energieministeriums im Schnitt um 56 Prozent in die Höhe.

"Logisch, wenn die Gas- und Strompreise steigen, klauen auch Leute, denen das niemals zuvor eingefallen wäre", sagte Clive Freeman, Vorsitzender des Verbandes. "Und das betrifft Bedürftige bis Gierige." In letzter Zeit sind in Kalifornien eine ganze Reihe Marihuana-Hobbybauern erwischt worden, die ihren zarten Pflanzen in finsteren Kellern mit speziellen Glühbirnen gleißendes Sonnenlicht vortäuschen müssen. Nach den Detektiven der Stromversorger rückt in diesem Fall als nächstes die Drogenpolizei an.

Von Christiane Oelrich, dpa