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KONZERNE Vage Hoffnung

Der erste Rettungsversuch schlug fehl, die AEG braucht erneut Hilfe.
• aus DER SPIEGEL 20/1981
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Heinz Dürr muß die Moral der Gruppe stärken. »Zuversicht und Vertrauen«, predigt der AEG-Chef seinen Mitarbeitern, seien ebenso wichtig wie die »Treue der Kapitalgeber«, um »in diesem Jahr über den Berg« zu kommen.

Insbesondere die Treue der Bankiers von Dresdner, Deutscher und Commerzbank ist jetzt gefragt: Die Großaktionäre müssen jetzt noch einmal 250 Millionen Mark Bargeld für die AEG spendieren. Und das reicht nur, um das Schlimmste zu verhüten.

Denn die AEG, mit 15 Milliarden Mark Umsatz und 148 000 Beschäftigten hinter Siemens der größte Elektrokonzern der Bundesrepublik, ist noch lange nicht genesen. Nach Verlusten von fast 600 Millionen Mark muß der trudelnde Konzern noch einmal saniert werden.

Seit dem ersten Sanierungsversuch sind erst 17 Monate vergangen. Damals gab es, von den Banken, eine Milliarde in bar und 400 Millionen Mark Solidaritäts-Kredit von der Industrie, die Zinsen wurden herunter-, die Tilgungsraten für einen Teil der Schulden ausgesetzt. Ein neuer Vorstandschef, Heinz Dürr, trat an, und ein neuer Aufsichtsratsvorsitzender auch, Hans Friderichs, Chef der Dresdner Bank.

Die Probleme blieben die alten.

Nach dem Rettungsversuch zu Beginn des vergangenen Jahres verfügte die AEG über Grundkapital-Rücklagen von 1,1 Milliarden Mark. Dazu kamen noch etwa 300 Millionen Mark Reserven in Form von Grundstücken und Firmenbeteiligungen.

Heute hat die AEG noch knapp 780 Millionen Mark Eigenkapital. Das laufende Jahr wird einen Verlust von etwa 200 Millionen Mark bringen. Damit wäre der Konzern finanziell am Ende.

Nach wie vor ist das Unternehmen im Inland mit rund drei und im Ausland mit zwei Milliarden Mark verschuldet. Allein dafür sind derzeit pro Jahr 600 Millionen Mark fällig.

Außerdem braucht die AEG bis 1983 fast 300 Millionen Mark für die Übernahme der Mehrheit bei der Telefon und Normalzeit (TN). Der AEG fehlt eine glatte Milliarde Mark, wenn sie ihre arg vernachlässigten Pensionsrückstellungen auffüllen will. Sie braucht von 1983 an zusätzlich etwa 400 Millionen Mark pro Jahr, um die bis dahin ausgesetzten Tilgungsraten auf einen Teil ihrer Milliardenkredite zu überweisen.

Der Konzern braucht Geld, aber er verliert jeden Tag mehr.

Zwar hat Dürr mit einem neuen Management bei Olympia (Büromaschinen) und Telefunken (Phono und TV), einem erneuten Umbau der Organisation, mit Personalabbau und Kostensenkungs-Programmen den Konzern auf den richtigen Weg gebracht, doch durchschlagenden Erfolg kann er noch nicht vorweisen.

Inzwischen zweifelt auch Dürr, ob AEG-eigene Kräfte ausreichen. Er sucht einen industriellen Partner, der das dringend benötigte frische Kapital einbringt. Vorsorglich hat der Aufsichtsrat bereits eine Kapitalaufstockung von bis zu 250 Millionen Mark bewilligt; mit dieser Summe könnte sich ein starkes Unternehmen mit 25 Prozent an der AEG beteiligen.

Andere Quellen sind versiegt. Nach dem Verkauf von Firmen (Hartmann und Braun, Draloric) sowie einiger Grundstücke in Berlin und Braunschweig hat Heinz Dürr kaum noch Manövriermasse. Und Konzernteile wie den Anlagenbau oder die Beteiligung an TN, für die relativ leicht ein Käufer zu finden wäre, kann er nicht abgeben, ohne den Totalausverkauf des Konzerns einzuleiten.

Mit kleinen Schritten ist der AEG nicht mehr zu helfen. Für die große, elegante Lösung, die Kapitalbeteiligung eines gesunden Konzerns, der Geld und das ebenso notwendige industrielle Know-how in die AEG einbringt, hat Dürr wichtige Vorarbeiten geleistet.

In Gesprächen mit dem AEG-Betriebsrat setzte Dürr durch, daß die überdurchschnittlich hohe Altersversorgung der AEG-Beschäftigten auf Normalmaß reduziert wird. Dadurch spart die AEG in den kommenden zehn Jahren mehr als eine Milliarde Mark.

Trotzdem müßten die Großbanken noch einmal tief in die Tasche greifen, um einen attraktiven Partner, wie etwa den französischen Mischkonzern Saint-Gobain, für die AEG zu gewinnen. Die Interessenten stören sich an der hohen Verschuldung des Konzerns und an den bereits heute fehlenden Pensionsrückstellungen.

Höchstwahrscheinlich bleibt nur die zweitbeste Lösung: Die Bankiers finden sich zu einer neuen Geld-Spritze bereit, in der vagen Hoffnung, daß der Konzern irgendwie und aus eigener Kraft wieder auf Touren kommt.

Theoretisch gäbe es noch eine dritte Möglichkeit: Was von der AEG zu verkaufen ist, wird verkauft, der Rest geht in den Konkurs.

Einer solchen Ausverkaufspolitik wird der von der Dresdner und der Deutschen Bank beherrschte Aufsichtsrat indes kaum zustimmen. Die Liquidation der AEG ohne Rücksicht auf die Interessen der Arbeitnehmer wäre ein Husarenstück, das den Banken selbst nur schaden könnte.

Bankier Hans Friderichs machte, als er sein Amt im Aufsichtsrat des Elektroriesen antrat, die AEG zum Prüfstein für die Marktwirtschaft: »Der Fall wird privatwirtschaftlich gelöst.« Inzwischen ist in der Privatwirtschaft das Geld knapp. Einige Großbanken stehen selbst mit dem Rücken zur Wand (siehe Seite 54).

So wird auch Friderichs sich vielleicht mit dem Gedanken an einen neuen AEG-Aktionär befreunden, den er gar nicht wollte -- die Bundesrepublik Deutschland.

S.112In der Waschmaschinenfabrik Nürnberg.*

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