Ver.di-Chef Bsirske Flaneur im Klassenkampf
Hannover - Frank Bsirske hat sich bewusst unter die Menge gemischt - doch zwischen all den pfeifenden und trommelnden Demonstranten gibt der Ver.di-Chef ein bizarres Bild ab.
Die meisten haben sich den typischen Plastiksack mit dem Ver.di-Logo übergestülpt. Bsirske trägt eine edel aussehende Lederjacke und eine hellbraune Baskenmütze, die schon fast nach Verkleidung aussieht. Den riesigen schwarzen Regenschirm wedelt er beim Gehen wie einen Spazierstock vor und zurück. Beflissen grüßt er nach rechts und links, mit diesem medienwirksamen Lächeln, bei dem die blauen Augen blitzen und das ganze Gesicht zur fröhlichen Grimasse wird.
Wenn man genau hinsieht, wirkt dieses Grinsen angespannt. Was kein Wunder ist. Immerhin hat Bsirske, der da so scheinbar seelenruhig flaniert, den wohl größten Streik angestoßen, den es im Öffentlichen Dienst jemals gab. Und der läuft immer mehr aus dem Ruder. Für Frank Bsirske geht es um wesentlich mehr als nur um 18 Minuten Mehrarbeit pro Tag - wie es die Tarifgemeinschaft der Länder (TdL) darstellt - oder um 250.000 Arbeitsplätze, wie Ver.di dagegenhält. Für Frank Bsirske geht es um die eigene Zukunft.
Vor fünf Jahren wurde er überraschend zum Chef der neuen Dienstleistungsgewerkschaft gewählt - für viele in der Gewerkschaftsbewegung war er damals ein No-Name. Bis 1997 hatte er es zum stellvertretenden Bezirksvorsitzenden der ÖTV-Niedersachsen gebracht, danach war er zum Personaldezernenten der Landeshauptstadt Hannover geworden. Wo er selbst rationalisierte, reformierte und Leute entließ. Bsirske war Quereinsteiger unter den Gewerkschaftsbossen und auch noch der einzige Grüne. Er sollte ein neuer Typ des Arbeitnehmervertreters werden.
Mehr Gemeinschaftskundelehrer als Agitator
Nächstes Jahr im September muss der 54-Jährige sich erneut zur Wahl stellen. Dann wird Bilanz gezogen über Bsirskes Arbeit. Und die ist durchwachsen. Bei seinem Amtsantritt hatte er noch versichert, den chronischen Schwund an der Gewerkschaftsbasis zu stoppen. Seitdem haben weitere 400.000 Mitglieder Ver.di verlassen, ganze Branchen gründeten eigene Interessenvertretungen. Mit 2,36 Millionen Mitgliedern ist Ver.di sogar hinter die IG Metall gerutscht.
Jetzt droht Bsirske auch noch sein vermeintlich großer Erfolg im Nachhinein vergällt zu werden: Der Tarifvertrag im Öffentlichen Dienst, den er erst letztes Jahr mit Bund und Kommunen aushandelte. Über Nacht hatte der ihn zum bejubelten Reformer gemacht - weil in dem Werk plötzlich von revolutionären Neuerungen wie flexibler Arbeitszeit und leistungsbezogener Bezahlung die Rede war, und Bsirske der eigenen Basis die Einschnitte als unausweichlich verkaufte. Doch die Tarifgemeinschaft der Länder (TdL) entwertete den Erfolg sofort - sie wollte ihn nicht mittragen, diesen mühsam ausgehandelten Kontrakt. Mehrere kommunale Arbeitgeber stiegen mittels einer Klausel aus der Arbeitszeitvereinbarung gleich wieder aus.
Der nun schon seit fünf Wochen tobende Streik sollte für Bsirske ein Befreiungsschlag werden. Dem mühsam Tarifvertrag wollte er endlich Respekt verschaffen und auch sich selbst. Als Verhandlungsführer und als Gewerkschaftsboss.
"Jetzt kann er nur noch den Durchmarsch versuchen"
Deshalb reist Bsirske nun von einer Veranstaltung zur nächsten. Wie hier in Hannover spricht bereitwillig in jedes hingestreckte Mikrophon und greift sich grinsend die Hände sämtlicher Demonstranten, deren Blicke ihn erwischen. Wo sie denn herkomme, brüllt er einer Frau durch den Trillerpfeifen-Lärm entgegen. Doch nach der Antwort - "Osnabrück" - weiß er nicht mehr weiter, zögert, hebt den Daumen und murmelt "Klasse". Er tut sich schwer mit seiner Rolle als Führer der Massen.
Bsirske hat mehr von einem Gemeinschaftskundelehrer als von einem Klassenkämpfer. Er studierte Politologie, hat eine Vorliebe für Cord-Anzüge und Piratenfilme. Auf einer der Veranstaltungen in diesen Wochen zitierte er Emile Zola. Der wirtschaftspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion Rainer Wend bezeichnet Bsirske im Gespräch mehrmals als "einfühlsam". Der Hamburger Ver.di-Landeschef Wolfgang Rose lobt seine Fähigkeit, stundenlang zuzuhören, Kompromisse zu finden.
Derzeit aber will niemand ruhig diskutieren - auch Bsirske nicht. "Bsirske ist vollkommen unsensibel nach vorn geprescht, jetzt kann er nur noch den Durchmarsch versuchen", sagt Horst-Udo Niedenhoff, der Gewerkschaftsexperte beim arbeitgebernahen Institut der Deutschen Wirtschaft (IW). Genau das versucht der Ver.di-Chef gerade mit einer seltsamen Zähigkeit.
Auf dem Podium in Hannover, auf das er nach seinem Marsch durch den Schneeregen geklettert ist, liest er die schmissigen und manchmal etwas kruden Formulierungen, die er sich auf seinem Manuskript vermerkt hat, mit fester Stimme ab. Er nennt TdL-Verhandlungsführer Hartmut Möllring einen "Kneipenschlägertyp" und wettert gegen "die Politiker", die von leeren Kassen sprächen und gleichzeitig den Reichen "den Vermögenshintern pudern, bis er staubt."
Wie immer gerät die Rede hölzern. Nur manchmal wird Bsirske unvermittelt schneller und lauter, als erinnere er sich an seine letzte Rhetoriklehrstunde. Einmal lässt er sich Wasser reichen, schon vorher hat er sorgsam Emser Pastillen gelutscht. Es sieht immer nach Arbeit aus, wenn Bsirske Reden hält.
Pflichtschuldig listet er unzählige Beispiele untragbarer Arbeitsbedingungen bei Müllentsorgung, in Krankenhäusern und bei der Polizei auf, seine rechte Hand fährt dabei hoch und runter, um auch allen Mitgliedern des Gewerkschaftskolosses gerecht zu werden. "Vielleicht hätte man ein paar Sachen in Mitteilungsblättchen packen können", nörgelt ein Zuschauer.
Aber die anderen pfeifen, schreien, klatschen und trommeln Sambarhythmen. Finden Bsirske "überzeugend", glucksen über den Spruch vom gepuderten Reichenhintern und tanzen noch im Schneeregen, als der Ver.di-Chef schon längst auf dem Weg nach Berlin ist. Über 20.000 Mitglieder will die Gewerkschaft seit Streikbeginn gewonnen haben. "Das ist klasse", hatte Bsirske über diese Nachricht gejubelt und das einzige Mal auf der Bühne wirklich zufrieden gewirkt.
"Böses Erwachen"
Doch was, wenn die Streikfeiern zu Ende sind? "Dann gibt es ein böses Erwachen", sagt Gewerkschaftsexperte Niedenhoff. Denn am Ende steht immer ein Kompromiss, und je härter die Schlacht, desto größer der Ärger über ein Unentschieden. Sogar Ver.di-Mann Rose gesteht ein, dass Bsirske das dann gut verkaufen muss.
Morgen beginnen die Gespräche mit der TdL. Wie das Ergebnis aussehen wird, wagt fast niemand zu prophezeien. Nur, dass die Stimmung eisig sein wird, da sind sich alle einig. "Einigen Länder-Vertretern - vorneweg Verhandlungsführer Möllring . geht es scheinbar nicht mehr darum, einen Kompromiss zu finden, der beiden Seiten erlaubt ihr Gesicht zu wahren", glaubt SPD-Mann Wend schon. "Sie wollen Ver.di öffentlich demütigen."
Gut möglich, dass das gelingt.
Schon vor dem Streik landete Möllring einen Coup, als er mit dem Slogan vom "18 Minuten-Streik" durch die Medien zog. Den Ver.di-Mitgliedern hinterher vermitteln zu müssen, dass sie in dem wochenlangen Arbeitskampf vielleicht nur neun Minuten und ein bisschen Weihnachtsgeld gewonnen haben - das dürfte schwierig werden für Frank Bsirske.