Verärgerte Börsianer Google unter Feuer
San Francisco/New York - Google will mit einer millionenschweren Zahlung einen Rechtsstreit mit Werbekunden beilegen. Die Geschäftspartner werfen der weltweit führenden Suchmaschine vor, ihnen wegen falsch gezählter Klicks für ihre Internet-Anzeigen zu viel Geld in Rechnung gestellt zu haben. Eine entsprechende Klage war im Februar im US-Bundesstaat Arkansas eingereicht worden.
Google bietet den Kunden nach eigenen Angaben nun Entschädigungen in Form von Gutscheinen für weitere Anzeigen an. Die Gesamtsumme dürfe aber 90 Millionen Dollar nicht überschreiten. Dem Angebot müsse noch der zuständige Richter zustimmen, hieß es in einer gestern Abend auf der Google-Website veröffentlichten Erklärung.
Das Zugeständnis ist brisant, weil Google mit den Online-Anzeigen den Großteil seiner Umsätze erwirtschaftet. Die Kosten für die Kunden berechnen sich auf Basis der Zugriffe auf ihr Angebot durch die Google-Nutzer. Immer wieder werden allerdings Vorwürfe laut, wonach die Klicks künstlich in die Höhe getrieben werden, ohne dass die werbenden Unternehmen davon profitieren. Die Branche spricht von "Klick-Betrug".
Die Börse beobachtete den Vorgang mit Sorge. Zwar beteuerte das Google-Management, der Klick-Betrug sei minimal. Dennoch äußerten sich Marktbeobachter besorgt, weil es keine genauen Zahlen gibt. Analysten fürchten, dass Googles gesamtes Geschäftsmodell unter Druck geraten könnte, sollte sich der Fall ausweiten.
Pannen, Patzer, Rückschläge
Das 90-Millionen-Zugeständnis ist der vorläufige Höhepunkt einer ganzen Serie von Pannen, Patzern und Rückschlägen, die Google derzeit Negativschlagzeilen einbringen. Vor wenigen Tagen etwa stellte der Internetkonzern aus Versehen eine veraltete Geschäftsprognose ins Internet. Die zuvor unveröffentlichte Präsentation über die Erwartungen im Anzeigengeschäft stamme noch aus dem Jahr 2005, teilte der Konzern anschließend in einer Pflichtmitteilung an die US-Börsenaufsicht SEC mit.
In den Unterlagen vom 2. März hatte der Konzern unter anderem für 2006 als Maßgabe für Werbeumsätze 9,5 Milliarden Dollar angegeben. Die Notizen seien Anfang des vierten Quartals für eine interne Produktstrategie-Präsentation angefertigt worden, aber nicht für die tatsächliche finanzielle Planung, erklärte das Unternehmen. Google bleibe im Übrigen bei seiner Praxis, keine Ertrags-Erwartungen zu veröffentlichen, hieß es weiter.
Nach dem Lapsus ging die Google-Aktie gestern auf Talfahrt. Branchenbeobachter reagierten verschnupft und schimpften über die unorthodoxe Börsenpraxis der Online-Firma. Die Google-Gründer Sergey Brin und Larry Page hatten beim Börsengang erklärt, einige Marktregeln ignorieren zu wollen. "Es ist Zeit für Google, Gewinnerwartungen abzugeben. Das würde den Kurs der Aktie stabilisieren", zitiert die "Times" nun Jordan Rohan, Analyst bei RBC Capital Markets. "Google sollte sich den anderen Unternehmen anpassen. Das wäre im Interesse der Aktionäre, zu denen ja auch die Mitarbeiter gehören", erklärte ein anderer Marktbeobachter.
Das 100-Milliarden-Dollar-Rätsel
Wie weit Google noch von den üblichen Usancen im Finanzgeschäft entfernt ist, bewies jüngst Firmenchef Eric Schmidt. Der Manager erklärte Ende vergangener Woche vor Marktbeobachtern, Google wolle ein "100-Milliarden-Dollar-Konzern" werden. Auf welche Kennzahl er sich dabei bezog - Umsatz oder Marktkapitalisierung zum Beispiel - sagte er nicht. "Ich überlasse es ihrem Urteil", sagte Schmidt in einer Diskussion über die wichtigsten Google-Ziele für 2006.
Prompt begann das große Rätselraten. An der Börse ist Google trotz jüngster Kursverluste bereits mit über 100 Milliarden Dollar bewertet. Hätte sich der Google-Chef auf den Umsatz bezogen, müsste der Konzern seine Erlöse aus 2005 von rund sechs Milliarden Dollar vervielfachen. Entsprechend groß war die Verwirrung.
Ins Bild passte auch der Ausrutscher von Google-Finanzchef George Reyes wenige Tage zuvor. Reyes hatte auf einer Analystenkonferenz von einem nachlassenden Wachstum gesprochen. Die Google-Aktien hatten daraufhin zeitweise mehr als zehn Prozent nachgegeben. Nur einen Tag später meldete das Unternehmen, dass alles doch nicht so schlimm sei und man genügend Aufwärtspotenzial sehe. Professionelle Investor Relations sehen anders aus.
Die jüngsten Turbulenzen haben mit dazu beigetragen, den Kurs der Google-Aktie zu drücken. Anfang des Jahres notierte das Papier an der US-Technologiebörse Nasdaq Composite noch bei 475 Dollar. Derzeit kostet ein Anteilsschein 354 Dollar.
suc/AFP/reuters/AP