GAS-GESCHÄFT Verbissen gefeilscht
Die Büros im Haus Nummer 25 an Kölns Konrad-Adenauer-Straße waren vom Düsseldorfer Röhrenkonzern Mannesmann angemietet. Doch nicht Mannesmänner gingen während der letzten Monate in den Schreibstuben ihrer Arbeit nach; vielmehr hatten sich zwei Dutzend Sowjet-Funktionäre in der Büro-Etage breitgemacht.
Unter der Leitung von Stanislaw Woltschkow, dem Präsidenten der Moskauer Maschinoimport, feilschten die Sowjets mit deutschen Managern über jene Aufträge, die beim Gasgeschäft mit Moskau für die westdeutsche Industrie abfallen sollten.
Als prächtigstes Ostgeschäft aller Zeiten hatten viele Industrielle schon vorab jenen Handel gefeiert, bei dem die Russen den Deutschen mit Erdgas helfen und die Deutschen den Russen die Röhren und Maschinen für den Gas-Transport aus Sibirien liefern sollten. Doch je näher der als Unterzeichnungstermin anvisierte Bonn-Besuch Leonid Breschnews rückte, um so größer wurde die Enttäuschung bei den Deutschen.
Stanislaw Woltschkow erwies sich als Meister im Preisedrücken. Ob es um Röhren, Kompressoren oder Rohr-Verlegemaschinen ging - Woltschkow legte den Deutschen immer wieder japanische, italienische oder französische Angebote vor, die billiger waren.
Als die deutschen Manager in diesen Tagen ihren Anteil an dem vermeintlichen Supergeschäft aufrechneten, fiel ihre Bilanz trist aus. Viele Anbieter gingen leer aus, die happigsten Brocken fielen an Ausländer.
Enttäuscht über den dürftigen Lieferanteil der Deutschen, suchte Friedrich Wilhelm Christians, Sprecher der Deutschen Bank, Bundeskanzler Helmut Schmidt auf. Die heimischen Firmen, klagte der Bankier wenige Tage vor Breschnews Besuch, seien völlig unzureichend mit Aufträgen bedient worden.
Christians war die persönliche Enttäuschung deutlich anzumerken. Er selbst hatte als Konsortialsprecher im Auftrag von 50 deutschen Banken einen Zehn-Milliarden-Mark-Kredit zur Finanzierung der deutschen Anlagenlieferung zusammengebracht. Am Ende aber wurde nur knapp über eine Milliarde Mark in Anspruch genommen. Mehr fällt nicht für die Orderbücher der deutschen Anlagenbauer ab.
Unverändert war in den Verhandlungen hingegen der Lieferpart der Russen geblieben. Nach verbissenem Gefeilsche um den Gaspreis verpflichtete sich Moskau, von 1984 an jährlich rund 40 Milliarden Kubikmeter Erdgas in den Westen zu pumpen; 10,5 Milliarden rauschen ins westdeutsche Leitungsnetz.
An diesen Gaslieferungen hatten sich von Anfang an die deutschen wie die ausländischen Kritiker des Geschäfts festgehalten. Zuerst schlug daheim die Unions-Opposition Alarm: Die Deutschen könnten durch willkürliches Auf- und Abdrehen des Gashahns erpreßbar werden. Denn zusammen mit den Gaslieferungen aus Altverträgen kämen die Russen von 1984 an auf einen Anteil von knapp 30 Prozent am deutschen Gasmarkt.
Daß auch mit den neuen Russen-Lieferungen der Anteil des Ost-Gases am gesamten deutschen Energieverbrauch nur fünf Prozent ausmacht; daß Ausfälle relativ rasch zu ersetzen sind - dies wollten die Unionschristen in ihrer Russen-Angst nicht zur Kenntnis nehmen.
Sie sahen sich durch den neuen US-Präsidenten Ronald Reagan bestätigt, der kurz nach seiner Wahl den Gas-Deal zum Weltpolitikum aufbauschte. Noch vor wenigen Tagen warnte Unterstaatssekretär Richard Perle aus dem Pentagon vor »einer militärischen und politischen Schwächung der Nato«.
Bei ihren Attacken übersah die Reagan-Administration, daß auch US-Konzerne an dem Vertrag mitverdienen. So schnappte sich die US-Firma Caterpillar den Auftrag für Großkräne zur Rohrverlegung von 700 Millionen Mark; Washington erteilte prompt die Exportlizenz. Beim schwäbischen Kranunternehmen Liebherr blieben nur 360 Millionen Mark hängen.
Daß Moskau das US-Unternehmen Caterpillar mit einem stattlichen Auftrag bedachte, ist kennzeichnend für die sowjetische Verhandlungsstrategie: Das Geschäft rangierte klar vor der Politik.
Auch auf langjährige Lieferanten wurde keine Rücksicht genommen. Das spürten am meisten die Mannesmänner. Vor einem halben Jahr noch hatte ihr Generaldirektor Egon Overbeck fest damit gerechnet, den größten Teil des 5000 Kilometer langen Rohrstrangs von Sibirien nach Europa in seinen Mülheimer Werken ziehen zu können.
Aber nicht auf einen Schlag bekommt nun Mannesmann den Großauftrag, sondern Jahr für Jahr muß der Düsseldorfer Röhrenkonzern um kleine Aufträge buhlen - in Konkurrenz mit Italienern, Japanern und Holländern. S.135
Es ging Overbeck schließlich mehr ums Prestige, als er - koste es, was es wolle - die Generalunternehmerschaft für den Anlagenteil zusammen mit dem französischen Konzern Creusot-Loire an sich zog.
Unterhändler Woltschkow wollte schon dem italienischen Staatskonzern Nuovo Pignone den Zuschlag als Generalunternehmer erteilen, da schaltete sich Overbeck noch einmal ein - mit den gleichen Konditionen, die auch die Italiener geboten hatten.
Statt mit der für einen Generalunternehmer marktüblichen Provision von elf Prozent der Gesamtsumme von 2,2 Milliarden Mark begnügte sich auch Overbeck mit sechs Prozent.
Während Nuovo Pignone dank einer fünfprozentigen Subvention Roms so günstig bieten konnte, muß Mannesmann nun selbst zurechtkommen.
Das dürfte schwerfallen. Denn der Generalunternehmer verpflichtet sich nicht nur zur Beschaffung, Lieferung und Montage der 41 Pump- und Relaisstationen, Kompressoren und Aggregate. Er haftet auch für die Qualität und die termingerechte Übergabe.
»Solche Aufträge«, resümierte Mannesmann-Anlagenchef Jos van Beveren, »sind nicht zum Hurraschreien. Aber sie sichern eine gewisse Grundauslastung der Werkstätten.«
Viel ist das nicht. Mannesmann bleiben, fürs erste, nur Direktaufträge im Wert von 135 Millionen Mark.
Den größten Einzelposten unter den Deutschen ergatterte noch die AEG. Vorstandschef Heinz Dürr war auf die Moskauer Bestellung für seine notleidende Elektrofirma offenbar so versessen, daß er bei den staatlich subventionierten und bis zu 20 Prozent günstigeren Angeboten ausländischer Firmen mithielt. Dürr bekam den Zuschlag für 47 S.136 der 125 Gasturbinen. Auftragswert: 700 Millionen Mark.
Wie Overbeck dürfte es auch Dürr schwerfallen, aus der Moskau-Order noch Gewinn zu schlagen. Die AEG hat jedenfalls von allen Kompressor-Lieferanten den schwierigsten Part erwischt.
Die AEG-Turbinen sollen in den sibirischen Frostzonen eingesetzt werden. Störungen können da weit häufiger auftreten als in den milderen Klimazonen, wo die Aggregate der ausländischen Konkurrenten zum Einsatz kommen.
Nur ein deutscher Konzern, die Ruhrgas AG, überstand glimpflich alle Verhandlungsrunden. Europas größter Gasverteiler freilich hat auch eine ganz andere Verhandlungsposition: Das Essener Unternehmen, das den größten Teil der für Deutschland bestimmten Russengas-Lieferungen abnimmt, verhandelte auf deutscher Seite als Monopolist.
Ruhrgas-Chef Liesen kalkulierte, daß die Sowjets das Geschäft unbedingt bis zum Breschnew-Besuch klarmachen wollten und daher unter Zeitdruck standen. Noch am vorigen Dienstag hätte er fast die letzte Verhandlungsrunde in Paris platzen lassen. Das Auto, das Liesen zum Flughafen Orly bringen sollte, wartete bereits vor der russischen Handelsmission, da erst lenkte der Chefunterhändler aus Moskau ein. Jurij Baranowski von der Sojusgasexport gestand einen Gaspreis zu, der knapp über dem des holländischen Gases und unter dem des norwegischen liegt. Die Sowjets mußten von ihrer Forderung runtergehen, den Gaspreis an den Ölpreis der Opec zu koppeln.
Das Pokern um den vorigen Freitag in Essen unterzeichneten Vertrag dürfte sich gelohnt haben - schließlich ist die Ruhrgas AG bis zum Jahre 2008 daran gebunden.