AFFÄREN Verdächtiger Scheck
Lautstark protestierten führende Vertreter deutscher Banken, als das Aufsichtsamt für das Kreditwesen vor zwei Jahren eine schärfere Kontrolle des Wertpapierhandels forderte. Jetzt sind -- spottet Inge-Lore Bähre, Präsidentin der Bankenaufsicht -- »die Herren auffallend still« geworden.
Kein Wunder: Nun zeigt sich, daß die verschärften Kontrollen, die seit Jahresanfang Vorschrift sind, seit langem überfällig waren. Viele Wertpapierhändler der Banken konnten sich jahrelang unbehelligt bereichern.
Experten der Bundesbank, Beamte des Bundeskriminalamtes und Frankfurter Staatsanwälte deckten in den vergangenen Monaten gleich mehrere Händler-Ringe auf, die offenbar die private Vermögensbildung zu arg getrieben hatten. Mehr als ein Dutzend Wertpapierhändler -- alles tüchtige Leute bei angesehenen Instituten -ging in Untersuchungshaft.
Bei der wohl »größten und langwierigsten Fahndungsaktion der deutschen Bankgeschichte«, so ein Sprecher des Bundeskriminalamtes, forschten die Spezialisten in mehr als 36 Banken nach unsauberen Geschäften. Allein in den letzten drei Monaten dehnte der Frankfurter Staatsanwalt Totila-Tillmann Huber seine Ermittlungen auf ein Dutzend weiterer Banken aus, darunter auf die Filialen der Deutschen Bank in Köln und in Düsseldorf.
Harald Kühnen, Präsident des Bundesverbandes deutscher Banken, erlebte die Fahnder im eigenen Hause, der Kölner Privatbank Sal. Oppenheim. Am 25. Mai wurde Oppenheim-Manager Erwin Brodt festgenommen. Ein langjähriger Oppenheim-Kunde, Abteilungsleiter Berthold Mies von der kommunalen »Rheinischen Versorgungskasse«, ging ebenfalls in Untersuchungshaft. Mies nahm sich Mitte Juni das Leben.
Nach Ansicht des Frankfurter Oberstaatsanwaltes Karl-Heinrich Hentschel gehörten die Verhafteten zu einem »Ring von Wertpapierhändlern, die S.81 Lücken in der Bankenaufsicht erkannt und zu ihrem privaten Vorteil genutzt« hätten. So sollen drei Gruppen von Händlern in Frankfurt, Köln und Düsseldorf Wertpapiere für fast eine dreiviertel Milliarde Mark vertrieben haben. Die Banken, in denen die Händler beschäftigt waren, sind um etwa 30 Millionen geprellt worden.
Das große Geschäft waren festverzinsliche Papiere -- Bahn- und Postanleihen, Pfandbriefe, Bankschuldverschreibungen, Anleihen des Bundes und der Länder. Über manipulierte Kurse, die sie mit den Kollegen anderer Banken verabredeten, machten sie Millionengewinne, die sie oft ihrer Verwandtschaft überweisen ließen.
Als eine wichtige Drehscheibe des großen Gewinnspiels enttarnten die Frankfurter Staatsanwälte die Privatbank Hassel & Cie. Mit einem haftenden Kapital von ganzen drei Millionen Mark setzte das Mini-Institut in nur neun Monaten Rentenpapiere für 180 Millionen Mark um.
Das ging erstaunlich einfach. Die Hassel-Bank kaufte Rentenwerte zu korrekten Kursen und verkaufte sie mit Aufschlägen bis zu acht Prozent an die Effectenbank-Warburg in Frankfurt sowie die hannoversche Filiale der Deutschen Bank. Bei Hassel blieben mehrere Millionen Mark als »Kursgewinne« hängen.
Solche Geschäfte waren natürlich nur möglich, wenn sich Partner fanden, die das Spiel mitmachten.
So kauften Rentenhändler der Deutschen Bank oder der Effectenbank-Warburg die überteuerten Papiere, weil ihnen die Kollegen eines anderen Instituts, der Nassauischen Sparkasse (Naspa) in Wiesbaden, garantiert hatten, die Effekten nach einigen Monaten zu einem noch höheren Kurs abzunehmen.
Die Händler setzten dabei auf fallende Zinsen: Wenn neue festverzinsliche Papiere weniger bringen, steigen die alten -- mit dem höheren Ertrag -- im Kurs. Bis 1978 waren solche Spekulationen erfolgversprechend.
Das vermeintlich sichere Geschäft scheiterte jedoch in diesem Falle an einer bösen Kleinigkeit: Die gewonnenen Millionen hatte inzwischen jemand nach Basel getragen und auf ein Konto beim Bankhaus Gutzwiller & Cie überwiesen. Die Hassel-Bank wurde geschlossen, der persönlich haftende Gesellschafter sowie einige Geschäftspartner im Rentenhandel wurden verhaftet.
Als Staatsanwalt Huber bei seinen Ermittlungen in der Naspa-Affäre einem »verdächtigen Scheck« nachspürte, stieß er plötzlich auf die Hamburger Bank Otto M. Schröder. Ein weiterer, viel bedeutenderer Händler-Ring flog auf.
Die Fahnder werteten mehr als 10 000 Anleihegeschäfte in den Computerlisten der Banken aus. Dabei fielen ihnen immer wieder die gleichen Namen auf, bei denen besonders hohe Kursgewinne angefallen waren. Als regelmäßige Gewinner machten sie insgesamt vier Wertpapier-Händler der vor sieben Jahren zusammengebrochenen Kölner Herstatt-Bank aus.
Die Händler sollen die Global Bank in Köln zu einer ihrer Schaltstellen gemacht haben, ohne daß es dem Bankvorstand auffiel. Die Geschäfte sollen ferner über die angesehene Rheinboden sowie über das Spitzeninstitut der Volks- und Raiffeisenbanken, die Deutsche Genossenschaftsbank (DG Bank) in Frankfurt, gelaufen sein.
Als die Fahnder des Bundeskriminalamtes Händler-Räume, Privatwohnungen und selbst die Büros der Händler-Anwälte durchsuchten, fanden sie das Ergebnis der privaten Vermögensbildung: Bei Otto M. Schröder in Hamburg entdeckten sie rund sechs Millionen Mark Spekulationsgewinne der Anleihenhändler, auf den »Kundenkonten« der Baseler Privatbank La Roche & Cie. fast den doppelten Betrag.
Die beiden »Inkassostationen« (so die Frankfurter Fahnder) in Basel und Hamburg führten die Staatsanwälte nebenbei auf den bislang »größten Verschiebebahnhof": die Düsseldorfer Poensgenbank, Tochterinstitut der Bochumer Westfalenbank.
Der neue Vorstandssprecher der Westfalenbank, Hans Herbert Weber, hatte die Poensgen-Bank »wegen bedrohlicher Verluste« schon im vergangenen Sommer geschlossen. In enger Abstimmung mit Bankenaufseherin Bähre liquidierte Weber das Poensgen-Erbe: Die Westfalenbank-Mutter Bayern-Hypo, die Westfalenbank-Tochter Westfälische Hypothekenbank und Webers Westfalenbank in Luxemburg und Bochum übernahmen die 890 Millionen Mark Schuldscheinpapiere und mußten auf die Poensgen-Titel 60 Millionen abschreiben.
Nach erfolgreichen Recherchen in Basel und Hamburg ließ der Staatsanwalt schließlich auch den ehemaligen Poensgen-Chef M. festnehmen. Westfalen-Chef Weber ließ daraufhin M.s gesamtes Privatvermögen einschließlich einiger kostbarer Museumsleihgaben arrestieren.
Die Frankfurter Fahnder stießen bei ihren M.-Recherchen aber auch auf völlig neue Namen. So fanden sie in der Poensgen-Buchführung einen ersten Hinweis auf dubiose Termingeschäfte mit der Bayerischen Landesanstalt für Aufbaufinanzierung (LfA) in München. Ein vertraulicher M.-Vermerk lautete beispielsweise: »180 Millionen Schuldscheine reserviert für LfA München«.
Auch bei der Deutschen Bank in Köln entdeckten die Staatsanwälte plötzlich Querverbindungen zu dem bayrischen Staatsinstitut. LfA-Vizepräsident Oskar Eckert hatte der Deutschen Bank Anfang dieses Jahres offene Termingeschäfte über fast 150 Millionen Mark bestätigt. Unterzeichnet war diese Bestätigung nur von Eckert selbst; die erforderliche Zweitunterschrift fehlte.
Anfang Juli beugten sich die Bayern einer Forderung der Bankenaufsicht und akzeptierten eine Sonderprüfung. LfA-Vize Eckert bat um »vorzeitige Beurlaubung«.
Der Urlauber ließ einen verdatterten Chef zurück. »Für mich«, erklärt LfA-Präsident Heinz Artmann, »sind die Transaktionen völlig unerklärlich.«