COMPUTER-INDUSTRIE Verdeckter Kampf
Es war 1964, da erkannte IBM-Chef Walther A. Bösenberg, was für seine Firma »sehr typisch« ist: »Junge Leute, denen man etwas zutraut«, so der Computer-Mann in den Golden Sixties, »klettern rasch in Spitzenpositionen.«
Aus seiner Sicht und zu jener Zeit stimmte das. Bösenberg, gerade 43 Jahre alt, war kurz zuvor zum Chef der deutschen IBM-Niederlassung befördert worden.
Heute allerdings dürften einige Zweifel angebracht sein, ob der Bösenberg-Spruch noch Gültigkeit hat -- zumindest was den obersten Posten bei der deutschen IBM anbelangt.
In wenigen Wochen wird Bösenberg 60. Und eine interne IBM-Spielregel -sie galt bei Bösenbergs Vorgänger Johannes H. Borsdorf wie bei der amerikanischen Konzern-Spitze -- besagt, daß mit 60 Schluß ist.
Doch Walther Bösenberg hat bislang noch keine Neigung erkennen lassen, sein Chef-Büro in der Stuttgarter IBM-Zentrale alsbald zu räumen. Allenfalls eine Order aus den USA kann offenbar den Deutschland-Statthalter zum Rückzug in den Ruhestand bewegen.
Auf diese Demarche spekulieren die zahlreichen IBM-Generalbevollmächtigten und -Geschäftsführer, die sich auf dem Weg nach oben sehen: Seit Monaten wird in der Spitze des deutschen IBM-Imperiums ein verdeckter Kampf um die Macht ausgetragen.
Die beste Ausgangsposition hatte dabei Rolf-Dieter Leister, 40. Als Chef des Bereichs Datenverarbeitung dirigierte er das für Umsatz und Gewinn der IBM Deutschland GmbH bei weitem wichtigste Ressort -- den Verkauf der Großcomputer.
Auch Bösenberg hatte von dieser Führungsposition aus den Sprung an die Spitze geschafft. Und, noch eine Parallele, Leister ist wie Bösenberg ein Senkrechtstarter, der während seiner knalligen Blitzkarriere im Konzern etliche Altgediente scheinbar mühelos überholte.
Leisters Konkurrent Reiner Gohlke, Chef für das Geschäft mit Minicomputern und anderem IBM-Kleinkram wie Schreibmaschinen (Bereich: Text- und Datensysteme), hatte nur Außenseiter-Chancen. Er kann zwar ebenfalls eine steile Karriere vorweisen; doch seinem Geschäftsbereich fehlt der Glanz der großen Umsätze.
Völlig aus dem Rennen waren für die Vorstellungskraft durchschnittlicher IBMer die vier anderen Geschäftsführer Karl Ganzhorn (Entwicklung), Gert H. Müller (Produktion), Karl Meyer (Personal) und Lothar Sparberg (Finanzen).
Gegen diese IBM-Oldtimer schien Leister eindeutig im Vorteil zu sein, und so sah er selbst die Sache auch. Im trauten Kreis ließ Leister keinen Zweifel daran aufkommen, daß die Bösenberg-Nachfolge seine Sache sei.
Vielleicht hat er das zu laut und zu oft gesagt.
Denn in den letzten Tagen des alten Jahres schied der Favorit urplötzlich aus den Diensten des Computer-Riesen. Leister fand als Berater beim Elektro-Konzern AEG Unterschlupf.
Damit war Bösenberg seinen Kronprinzen los. Und einiges spricht dafür, daß er sich darüber auch noch freute. Denn Bösenberg traf keine Anstalten, Leister zu halten. Er ließ den potentiellen Nachfolger ungerührt ziehen. Merkwürdig dabei: Auch die IBM-Oberen in den USA hatten offenbar keine Lust, Leister eine Position anzudienen, die ihn hätte reizen können.
Die Unruhe im IBM-Management hatte mit einem Bauernzug des IBM-Controllers Eberhard Bihler, der im Ressort von Finanzchef Sparberg diente, begonnen.
Bihler hatte eine Offerte von AEG-Chef Heinz Dürr für einen Vorstandsposten angenommen. Mit diesem Angebot setzte Bihler die IBM-Geschäftsführung unter Druck und bekam, im letzten Augenblick, was er wollte: Er wurde IBM-Finanzchef.
Den bisherigen Finanzchef Sparberg aber wollte Bösenberg auch nicht verprellen: Er beförderte ihn an die Spitze eines Super-Ressorts, das es bisher bei IBM nicht gegeben hatte.
Seitdem ist der Geschäftsführer Sparberg zuständig für den gesamten S.58 Finanzbereich, die Planung -- und die Datenverarbeitung. Er bekam damit den Bereich untergeordnet, den zuvor Kronprinz Leister eigenständig verwaltet hatte.
Der ehrgeizige Leister mußte sich durch diese Umbesetzungs-Pläne degradiert fühlen. Zwar wäre sein Verantwortungsbereich nicht beschnitten worden. Doch statt an Bösenberg direkt hätte er in Zukunft an Sparberg berichten müssen.
Leisters Version für seine jedermann überraschende Demission klingt allerdings anders: Er habe schon im Spätherbst seine Kündigung eingereicht und sei aus freien Stücken nach 16 Jahren Dienstzeit ausgestiegen. Demnach habe Sparberg als sein Vorgesetzter erst gar nicht zur Debatte gestanden.
Leister setzte mit seinem Abgang eine für den Multi unangenehme Tradition fort: Er ist bereits der siebte fertig ausgebildete Marketing-Manager, der dem Computer-Unternehmen in letzter Zeit den Rücken kehrte.
Kenner der Personallage in Stuttgart meinen, daß als Nachfolger nun gar kein gestandener Mann mehr zur Verfügung steht. Das gilt auf jeden Fall, wenn die eherne Tradition fortgesetzt werden soll, daß nur ein im Verkauf groß gewordener IBM-Manager zur Spitze vorstoßen kann.
Eine schlüssige Antwort auf die Frage, wer denn nun Bösenberg-Nachfolger wird, gibt es für die IBMer daher jetzt noch weniger als zuvor. Super-Geschäftsführer Sparberg hat wenig Aussichten, weil er bereits 53 ist. Und der nach Leisters Demission starke Mann im Geschäft mit der Datenverarbeitung, der Generalbevollmächtigte Cornelius Schulz-Wolfgramm, ist in der Hierarchie ein wenig weit hinten.
Aber vielleicht hat Bösenberg es genau so gewollt: Wo es keine jungen Leute gibt, denen man etwas zutraut, bleiben eben die Alten an der Spitze.