Verderbliche Ware - DER SPIEGEL
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Presse Verderbliche Ware

Auf der Jagd nach Schnäppchen beschaffen sich Autohändler mit rabiaten Methoden Kleinanzeigenblätter - bevor sie am Kiosk angeboten werden.
• aus DER SPIEGEL 53/1998
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Herren auf der Überholspur schienen ehrlich besorgt. Aufgeregt gaben sie dem Fahrer des Annoncen Avis Verlages Handzeichen, er möge dringend anhalten. Nervös geworden, lenkte der Mann seinen Lieferwagen in die nächste Ausfahrt an der A24 auf dem Weg nach Rostock. Dort bremsten ihn die vermeintlichen Helfer aus.

Während einer der Männer hinten auf die Ladefläche kletterte, bot der zweite in gebrochenem Deutsch erst 500 und dann 1000 Mark für eine Ausgabe der »Annoncen Avis« - das Blatt mit kostenlosen Kleinanzeigen war wenige Stunden später am Kiosk für 4,10 Mark zu haben. Beim Versuch, rückwärts auf die Autobahn zu entkommen, rammte der Speditionsfahrer ein entgegenkommendes Auto. Die beiden Männer ergriffen die Flucht.

Für Jan Rickert, 33, den Werbeleiter des Hamburger Verlages, gehören solche Szenen fast schon zum Alltag. So ist einer seiner Auslieferungswagen auf der A7 nach Kiel brutal von der Fahrbahn gedrängt worden - der Transporter landete im Straßengraben.

Es sind ausschließlich die Autoanzeigen in Rickerts Blatt, an denen die Verfolger interessiert sind. »Pro Woche«, schätzt der Verlagsmanager, »werden mindestens zehn Autos weit unter Preis angeboten.« Wem es gelingt, sich die »Annoncen Avis« illegal schon vor dem offiziellen Auslieferungstermin am Freitagmorgen zu besorgen, hat einen entscheidenden Marktvorteil.

»Wenn so ein Gebrauchtwagenhändler gut ist, dann macht er mit einer Zeitung 20 000 Mark Gewinn«, sagt Rickerts Kollege Volker Vatter, der im Rhein-Main-Gebiet »Das Inserat« verlegt und ebenfalls einen fast aussichtslosen Kampf gegen den sogenannten Vorabgriff führt. Vor dem Zaun der Druckerei lieferten sich rivalisierende Gangs schon mal eine Messerstecherei, um sich die Vorherrschaft im lukrativen, illegalen Zeitungsvertrieb zu sichern.

Drei Jahre lang hat Polizeioberkommissar Udo Lohr von der Polizei in Neu-Isenburg bei Frankfurt fast jeden Donnerstag die Druckerei observiert, in der »Das Inserat« bis vor kurzem hergestellt wurde. Am Ende hatte er den Eindruck: »Wir observieren nicht die, die observieren uns.«

Nach Lohrs Erkenntnissen ist das Geschäft weitgehend in den Händen türkischer, marokkanischer und ägyptischer Familienbanden, die versuchen, Druckereiangestellte mit hohen Summen zu bestechen. »Die sprechen einzelne Mitarbeiter selbst auf dem Weg zum Aldi an«, hat Lohr beobachtet, »und wer nicht mitspielt, wird manchmal bedroht.« Man wisse genau, heißt es dann, wo »deine Kinder zur Schule gehen«.

Immer wieder kam es vor, daß Druckereiangestellte mit den Banden zusammenarbeiteten. »Da täuscht jemand eine Pinkelpause vor, geht auf dem Hof zum Container mit den Fehldrucken und wirft schnell eine Zeitung über den Zaun«, sagt Lohr, der von gefeuerten Ex-Mitarbeitern weiß, die inzwischen selbst einen illegalen Vertrieb aufgebaut haben. »Ich kenne einen, der ist angeblich erwerbsunfähig, fährt einen Mercedes SL, hat einen Porsche in der Garage, und der Freundin gehört ein Golf Cabrio.«

Wenn die Händler erwischt werden, haben sie wenig zu befürchten. Die meisten Verfahren würden von den Gerichten wegen des geringen Herstellungspreises von nur 50 Pfennig pro Blatt eingestellt, klagt »Inserat«-Verleger Vatter, der bisher vergebens darauf drängt, »wegen Wirtschaftsspionage« zu verurteilen. Die illegalen Praktiken bedeuteten für sein Blatt einen »schweren Imageschaden«, weil die besten Angebote schon weg seien, bevor die Zeitung überhaupt in den Handel komme.

Wie viele seiner Kollegen hat Vatter selbst »ermittelt« und beobachtet, wie illegale Zeitungshändler ihre Vorabexemplare kopierten, um sie dann auf »irgendeinem Waldweg« an wartende Gebrauchtwagenhändler zu verkaufen. »Die haben noch im Wald mit ihren Handys die Inserenten angerufen.« Die Blätter sind leicht verderbliche Ware. »Pro Stunde werden sie hundert Mark billiger verkauft«, sagt Vatter, der inzwischen die Druckerei gewechselt hat.

In Berlin werden die Druckfilme der »Zweiten Hand« inzwischen aus Sicherheitsgründen in verschlossenen Stahlkassetten in die Druckerei gebracht. Und auch die fertigen Exemplare verschwinden zunächst in einem abschließbaren Stahlcontainer.

Im Ruhrgebiet hat Jürgen Tkocz vom Kleinanzeigenblatt »Revier Markt« immer wieder Detektive angeheuert, um bestechliche Druckereimitarbeiter zu enttarnen. In seiner Freizeit observiert er »die Libanesen-Connection« der illegalen Zeitungshändler.

Sein Kollege Rickert aus Hamburg legt sich ab und an mit seinem privaten Nachtsichtgerät auf die Lauer, um korrupte Speditionsfahrer zu erwischen. Mit dem Handy holt er dann die Polizei.

In der Szene ist Rickert inzwischen bekannt. Mehrfach habe man versucht, ihn bei seinem Verleger anzuschwärzen, berichtet er. Gelegentlich wird der Verlagsmann von Zeitungsdealern in seinem Büro aufgesucht: »Das sind nicht irgendwelche Schmuddelschrauber, sondern Herren in eleganten Anzügen.«

Bisher habe er alle Bestechungsversuche abgewehrt, sagt Rickert. Aus Sicherheitsgründen gebe es vor dem offiziellen Verkaufsbeginn überhaupt nur ein einziges Exemplar im Haus - und »das gehört dem Verleger«. Rickert: »Hier ist es wie in Fort Knox.« KONSTANTIN VON HAMMERSTEIN

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