Verderbliche Ware - DER SPIEGEL
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BAHN Verderbliche Ware

Für 20 Mark von Frankfurt nach Köln: Mit neuen Niedrigpreisen soll die Kundschaft zurück zur Bahn gezogen werden. *
• aus DER SPIEGEL 38/1987
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Den Tod des rosaroten Elefanten konnte Hemjö Klein, Verkaufschef der Deutschen Bundesbahn, nie so recht verwinden. Sein »Bannerträger«, trauerte Klein sechs Monate lang, habe doch »hervorragende Dienste« geleistet.

Nun ist das Werbetier der Bahn wieder da. Der totgeglaubte Elefant, sagt Klein, war »nur im Urlaub«. Von Anfang Oktober an bieten die Eisenbahner, zunächst für ein halbes Jahr, erneut »rosarote Zeiten«.

In einer »Herbst-Winter-Offensive«, so die interne Bezeichnung, werden Fahrkarten zu Schleuderpreisen vergeben. Es gibt »rosarote Super-Sparpreise«, »rosarote Streckenkarten« und vor allem »rosarote Städteverbindungen«.

Ein Ticket von Hamburg nach Hannover oder von Frankfurt nach Köln ist dann schon für 20 Mark zu haben. Nur 30 Mark kostet ein Fahrschein von München nach Würzburg in der zweiten Klasse, IC-Zuschläge sind eingeschlossen. So günstig fährt kein Auto, fliegt kein Jet.

»Die Bahn macht mobil«, staunt ein Bonner Ministerialer. Und das tut wohl auch not.

Die Geschäfte gehen schlecht. Wegen der Krise bei Kohle und Stahl stehen viele Güterzüge leer. Bahnchef Reiner Gohlke sieht sich zu weiterem Personalabbau veranlaßt, vor allem bei der Güterabfertigung. Am vergangenen Donnerstag protestierten 20000 Eisenbahner, so viel wie nie zuvor, in der Hauptstadt gegen die Bonner Verkehrspolitik.

Im Personenverkehr hat das attraktive Intercity-Angebot manchen Kunden zurück zur Bahn gebracht. Gleichzeitig aber verlor der bundeseigene Schienenbetrieb abseits der Hauptverkehrslinien durch ein immer dürftigeres Angebot viele Kunden.

Statt Fahrkarten kaufen die Deutschen lieber ein eigenes Auto, faßt Marktkenner Klein zusammen: Die hohen Autozulassungen und die niedrigen Benzinpreise, die vielen Arbeitslosen und die wenigen Schüler verhindern bei der Bahn die Wende zum Besseren. Klein: »Wir müssen den Anreiz erhöhen, die Kunden beweglicher machen.«

Damit die Kunden nicht nur dann kommen, wenn Nebel und Eis das Autofahren zum Abenteuer machen, drehen die Eisenbahner seit einigen Jahren unaufhörlich am Preis. Sie erfanden die rosaroten Sonderangebote und locken mit Vergünstigungen wie den preiswerten Trampertickets.

Im März entfiel dann das seit fünf Jahren praktizierte Rosarot-Angebot, die Bahn stellte ein völlig neues Tarifsystem vor. Es sei einfach und übersichtlich, hieß es, die Preise seien »drastisch verbilligt« (Klein).

Die Kunden sahen das ganz anders. Weil die Vorzugskarte entfiel, wurden viele Fahrten teurer. Billige Offerten, wie der »Super-Sparpreis«, waren nur mit Hilfe eines »Anwendungskalenders« herauszufinden.

Heute, nach einem halben Jahr, steht fest, daß die Eisenbahner das eigentliche Ziel der Tarifreform verfehlt haben. Sie wollten, so Verkaufschef Klein, »Spitzen abbauen und Täler auffüllen«. Doch die vollen Züge blieben voll, und die leeren Züge fahren weiter ohne Passagiere durch deutsche Lande.

Die Bahn hat »Fehler« gemacht, sagte Bahnchef Gohlke spontan, »das müssen wir offen bekennen«. Die Fehler im System soll nun der wiederbelebte Elefant, Symbol der Bahn für billiges Fahren, wegdrücken.

Mit dem »rosaroten Super-Sparpreis« für 120 Mark, der bislang nicht an Freitagen und Sonntagen galt, können die Kunden künftig die ganze Woche fahren. Nur vier Spitzentage, etwa vor Weihnachten und nach Neujahr, sind weiterhin ausgeschlossen.

Die sogenannte Wochenendbindung bleibt. Wer zwischen Montag und Freitag abreist, darf frühestens am Samstag wieder zurückfahren. Wer samstags oder sonntags fährt, kann schon am selben Tag heimreisen. Der nächste Tag beginnt für die Bahnfahrer um drei Uhr nachts. Der Fahrpreis rechnet sich für Distanzen von mehr als 300 Kilometer.

Fernpendler, die an jedem Wochenende mit der Bahn nach Hause fahren, waren von der Tariferneuerung besonders benachteiligt worden. Sie werden in Zukunft mit einer »rosaroten Streckenkarte« verwöhnt.

Studenten, Gastarbeiter oder Geschäftsreisende etwa, die regelmäßig dasselbe Ziel anfahren, erhalten auf Zehner-Karten, also fünf Rückfahrkarten, 25 Prozent Rabatt. Das Ticket wird im voraus bezahlt ist für ein halbes Jahr gültig und gilt für Entfernungen ab 101 Kilometer.

Das schönste Angebot im neuen System der Bahn ist die »rosarote Städteverbindung«. Für die Bahn eine Revolution: Erstmals gibt es Fahrkarten, die nur für bestimmte Züge gelten.

Es sind jene 100 Züge, die fast leer durch Deutschland sausen. Wer abends, um 19.56 Uhr, mit dem »Prinzregent« von München nach Frankfurt fährt, der kann das zukünftig mit nur 45 Mark. Eine Fahrt im »Glückauf« von Dortmund nach Köln (Abfahrt 6.47 Uhr) kostet gar nur 15 Mark.

Das billige Angebot macht Sinn. Wer genügend Zeit hat zum Bahnfahren, kann sich das günstigste Angebot, eben die leeren Züge, fast beliebig aussuchen. Der Kunde spart im Vergleich zum normalen Fahrschein bis zu 60 Prozent.

Auch die Bahn hat etwas davon. Gewiß werden etliche Kunden einfach von den teuren in die billigen Züge umsteigen. Doch Klein ist sicher, daß die rosarote Karte »viele neue Kunden« an die Bahn bindet. Jeder besetzte Platz in einem leeren Zug »bringt zusätzliches Geld ein«.

Das ist wie auf dem Wochenmarkt, wo die Händler kurz vor Schluß die verderblichen Früchte unter Einkaufspreis feilbieten. Auch der Sitzplatz sei eine »verderbliche Ware«, sagt Verkaufschef Klein: »Wenn der Zug abgefahren ist, hat sich das Thema erledigt. »

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