AFFÄREN Verkauf oder stirb
Im Alter«, so philosophierte Altunternehmer Willy Kaus, 74, Sechzig-Prozent-Aktionär des Münchner Reifen- und Plastik-Imperiums Metzeler AG, »gibt es keinen größeren Trost, als die Arbeit seines Lebens solchen Werken einverleibt zu haben, die nicht altern, sondern Bestand haben.« Am Donnerstag vergangener Woche dämmerte es dem Willy Kaus, daß nichts mehr ihn tröstet.
An jenem Tage nämlich veröffentlichte die Leverkusener Bayer AG, Vierzig-Prozent-Aktionärin bei Metzeler, eine Pressenotiz, die selbst den in Überraschungen geübten Willy Kaus außer Fassung brachte: Bayers Abgesandte bei Metzeler -- Vorstand Günter Becker und Aufsichtsrat Wilhelm Meyerheim -- ziehen sich von ihren Ämtern zurück, weil »eine Basis für eine gemeinsame Tätigkeit in der Metzeler AG nicht mehr besteht«. Um welche Basis es sich dabei handelt, meldete die gleiche Notiz etwas später: »Entgegen den Abmachungen hat Kaus sich nicht zum verabredeten Zeitpunkt aus der aktiven Tätigkeit zurückgezogen.«
»Alleinunternehmer bis zur vorletzten Minute« zu sein, hatte ihm schon vor anderthalb Jahren die »Süddeutsche Zeitung« bescheinigt. Damals hatte Willy Kaus gerade 35 Prozent seines Gemischtwarenladens aus Reifen, Kunst- und Schaumstoffen an den Chemiekonzern Bayer versilbert, ohne dafür freilich viele Silberlinge erhalten zu haben: Die Kaufsumme wurde im wesentlichen gegen Bayer-Forderungen an Kaus aufgerechnet, und Bayer-Vertrauensleute rückten ins Unternehmen.
Aber Kaus -- Lebensregel: »Wenn einer einmal gefallen ist, darf er nicht vergessen, wieder aufzustehen« -- dachte nicht daran, die Macht zu teilen. Unter Hinweis auf seine Rechte als Mehrheitsaktionär versuchte der eigensinnige Alte Mitte vergangener Woche sogar, den ihm von Bayer zugeteilten Vorstandskollegen Becker zu feuern.
Mit Tricks solcher Art -- erst etwas in die Hand bekommen und dann weitersehen -- war es dem Überlebenskünstler Willy Kaus stets wieder gelungen, mit seiner zunehmend von Finanzlöchern durchsiebten Unternehmensgruppe (1,4 Milliarden Mark Umsatz, 20 000 Beschäftigte) oben zu bleiben. Wo es ganz schlimm wurde, half die gewerkschaftseigene Bank für Gemeinwirtschaft dem »Erzkapitalisten« (Hessens IG-Chemie-Bezirksleiter Franz Fabian) aus der Patsche.
Angefangen hatte die Kaus-Karriere im Dritten Reich, wo Kaus den Titel eines Wehrwirtschaftsführers trug und nach einträglicher Betätigung spähte. So suchte er die als Feindvermögen ausgewiesenen deutschen Anlagen des britischen Dunlop-Konzerns über den Krieg zu bringen. Echten Vermögenszuwachs brachte ihm die Arisierung: Aus jüdischem Vermögen fielen ihm die Val. Mehler AG und das Gummiwerk Odenwald zu.
Mit den Erben des Mehler-Vermögens kam Kaus nach dem Krieg gut genug auseinander, um schon bald mit drei Millionen bei Josef Neckermann im Geschäft zu sitzen. Als zehnfacher Millionär verließ er das Versandhaus wieder, investierte kreuz und quer in Banken, Brauereien und Textilfabriken, bis er dann aus einer großen Pleite die Metzeler AG fischte. Alsbald nach dem Fischzug verkündete Kaus, beim Kauf massiv getäuscht worden zu sein, und stritt sich um die Zahlung.
Für 50 Millionen fiel ihm 1964 der Kunststoff-Verarbeiter Wolff Walsrode AG anheim, den ihm die BfG aus der Hugo-Stinnes-Pleite preiswert zuschob. Kaus verkaufte die Firma später zur Hälfte an Bayer -- für den gleichen Betrag, den er einst für das ganze Unternehmen gezahlt hatte. Kunststoffhersteller Bayer wiederum hielt mit Subventionen solcher Art und mit Sonderkonditionen die Kunststoff-Verarbeiter-Gruppe des Willy Kaus so lange oben, wie Bayer-Chef Hansen und seine Leute es aus Geld- und Vertriebsgründen praktisch fanden.
Anfang 1974, als die verschuldete Kaus-Gruppe wegen hoher Zinsen ganz schwach, die erstklassig finanzierte Bayer AG aber wegen steigender Kunststoffpreise ganz stark war, entschloß sich der Bayer-Chef (Hansen im »Zeit-Magazin": »Ich habe Macht nie gefühlt"), den Willy Kaus zu liften, um die ganze Macht bei Metzeler zu gewinnen. Kaus geknickt: »Die sagen jetzt einfach: Verkauf oder stirb.«