Verkaufs-Kanonen - DER SPIEGEL
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Verkaufs-Kanonen

• aus DER SPIEGEL 24/1949
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Seifenkönig ist tot. William Leverhulme, Viscount in der britischen Aristokratie, starb auf einer Weltreise. In diesem Jahr feierte sein Konzern den 50., er selbst seinen 61. Geburtstag. Leverhulme wollte die größten der 516 Tochtergesellschaften besuchen, die über 40 Länder verteilt sind.

Als er im Pullmanwagen durch die kanadische Provinz Alberta raste, fiel er plötzlich bewußtlos nieder. Auf der nächsten Station wurde der schon vom Tode gezeichnete Mann in ein Krankenauto geladen, das ihn zum Marienhospital nach Minneapolis brachte.

Leverhulmes Vermögensbilanz widerlegt die landläufige Meinung, nach der die Kohlen-, Oel und Stahlbarone die reichsten Männer der Welt und die eigentlichen Diktatoren der Weltkapitalien seien. Die Großlieferanten der Normalverbraucher haben viel größere Kapitalien aufgestapelt und verfügen auch durch ihre weitverzweigten Weltorganisationen über einen bedeutenden Einfluß - nicht zuletzt auf die Politik.

Viscount Leverhulme war der Besitzer einer der sechs größten Konzerne der Erde: Lever Brothers und des Unilever. Der Stammvater hatte ihn in einem kleinen britischen Kramladen gegründet. Mit einer einfachen Idee. Im Hinterraum seines Ladens wurde Seife gerührt und gekocht. Das war trotz der Seife ein schmutziges Geschäft. Der alte Lever beschloß, die Seife fein säuberlich in Papier zu packen und ihr einen lichten Namen zu geben: Sunlight.

Der Seifenverbrauch wurde am Gängelband der Zivilisation in allen Ländern größer. Eine umfassende Reklame eroberte die Märkte und weckte neuen Verbrauch. Die Lever-Männer waren Verkaufskanonen. Als erste Markenartikel-Seife erschien Sunlight ("Sunlicht") auch in Deutschland.

Das alte deutsche Werk bei Mannheim wurde im ersten Weltkrieg beschlagnahmt. Durch den Versailler Vertrag erhielten es Lever Brothers zurück. Als die Mannheimer Fabrik 1899 aufgebaut war, beschäftigte sie 80 Arbeiter und Angestellte. Heute sind es schon wieder 1000. Die Fabrik wurde im zweiten Weltkrieg nicht beschädigt. Auch die amerikanischen Flugzeuge warfen ihre Bomben vorsichtig um die Fabrikanlagen des britischen Konzerns herum. Nicht ein Stein fiel vom anderen.

Das Stammwerk des zur Weltfirma gewordenen Seifenunternehmens steht in der Liverpool benachbarten Hafenstadt Birkenhead. 80000 Arbeiter und Angestellte sind davon abhängig.

Seife allein genügte Lever Brothers nicht. 1926 starb der alte Lever, der in den britischen Adelsstand erhoben worden war. 1928 erwarb der jetzt verstorbene Sohn die »Vereinigten Margarinefabriken der Niederlande« und vereinigte sie zu einem neuen Konzern: dem Unilever. Das große niederländische Unternehmen hatte auch starke Interessen an deutschen Margarinefabriken.

Bald erschienen die bekannten Marken »Sanella« und »Schwan im Blauband« in den deutschen Butterläden; zu einem Preis, der weit unter dem der anderen Marken lag. Die Reklame trommelte bei Tag und bei Nacht dem deutschen Konsumenten ins Hirn, daß die Margarine von buttergleicher Qualität sei. Damit wurden auch die Käuferschichten erobert, die vorher nur Süßrahmbutter verbraucht hatten. Die anderen Margarinefabriken kapitulierten. Nur eine Gesellschaft, »Grünklee« blieb selbständig.

Der Konzern wuchs nach Süden und Norden. Er stieg in Allgäuer Großmolkereien ein und vertrieb auch Käse. Im Norden wagten sich die Levers sogar aufs Wasser. Unilever baute in allen deutschen Städten ein Fischverkaufssystem auf. Fast in jeder bedeutenden Straße entstanden bald die hellblaugekachelten Nordseegeschäfte.

Der Fischverkauf wurde durch eine geschickte Propaganda nach amerikanischem Vorbild gesteigert und gelenkt. Die »Nordsee-Gesellschaft« schlug nach kurzer Zeit die Fischgroßhandlungen aus dem Felde und eroberte den ganzen deutschen Markt. »Nordsee« sandte allein 280 eigene Fischdampfer in die atlantischen Fanggründe.

Dann kam der Krieg. Unilever wurde von Herbert Backe, Kriegsernährungsminister des Dritten Reiches, mit braunen Glacéhandschuhen behandelt. Backe wußte, welche Bedeutung der Konzern für die Ernährung von Truppe und Volk hatte. Unilever schickte einen eigenen Kriegsverwaltungsrat in die oberste Spitze der Heeresverpflegung.

Herbert Backe überlegte, wie er das Fischgeschäft »nationalisieren« könnte. Die Methoden des Lever-Konzerns entsprachen nicht seinen Vorstellungen von geplanter Marktwirtschaft. Wenn der seine »Nordsee«-Fischerflotte hinausgeschickt hatte, wurde sie durch Funkspruch zurückgerufen, sobald der Fischmarkt Absatzstockungen zeigte. Backe aber wollte große Fänge, die dann tiefgekühlt gelagert werden sollten. Auf seiner Domäne bei Alfeld hatte er selbst Tiefkühlerfahrungen gesammelt.

Ernährungs-Backe wandte sich an den Hamburger Reichsstatthalter Kaufmann. Philipp Reemtsma als der größte Unternehmer der alten Hansestadt sollte helfen, den größten Fischereihafen Europas zu bauen. Ueber den Umweg eines Tabakmonopols.

Der Oesterreicher Hitler wollte, daß »nach dem Endsieg«, wie es in der K. K. Monarchie üblich war, die Kriegsversehrten einen kleinen staatlichen Tabakladen (eine »Trafik") erhielten. Reemtsma, der größte Zigarettenkonzern, sollte mit einigen hundert Millionen Reichsmark abgefunden werden und dafür einen deutschen Fischereihafen und eine eigene deutsche Fischereiflotte aufbauen.

Philipp Reemtsma - immer großzügig - ging auf die Pläne ein und kaufte eine mittlere Hamburger Reederei. Ein großer Fischdampfer von 15000 Tonnen mit modernsten Anlagen wurde gebaut. Auf seiner Jungfernfahrt schickte ihn ein britisches U-Boot zu den Fischen. »Das U-Boot kann nur vom Lever-Konzern ausgeschickt worden sein ...« stöhnte das Ernährungsministerium an der Wilhelmstraße.

Tabakmonopol und Fischereihafen hatten einen schweren Schlag erlitten. Das Trafik-Vorhaben ging den Weg aller Hitlerschen Pläne. Sonst müßte Philipp Reemtsma statt »Collie« heute Flundern vertreiben.

Schon 1946 begann Unilever seinen Konzern in Westdeutschland wieder aufzubauen. Als Absatzfeld in Europa steht Deutschland immer noch an erster Stelle auf dem Verkaufsprogramm der Levers. Ihre Reklamechefs eröffneten das Jubiläumsjahr in Westdeutschland mit einer großzügigen Werbe-Attacke.

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