Verkaufsgerüchte Chrysler gerät unter Druck
Sicher: Von einem anstehenden Verkauf hat niemand geredet, weil man so etwas erst ausdrücklich sagt, wenn es soweit ist. Bei einer Telefonkonferenz hatte Finanzvorstand Bodo Uebber aber gestern nach der Vorlage der verheerenden Ergebnisse von Chrysler erklärt, das Unternehmen werde mögliche Optionen für die Zukunft von Chrysler prüfen - und ein klares Bekenntnis zu der Gruppe trotz mehrfacher Nachfrage verweigert. "Erst analysieren wir, dann sprechen wir über Maßnahmen und dann ziehen wir unsere Schlüsse", sagte der Manager des Stuttgarter Konzerns. Ein Nein hört sich anders an, auch wenn Uebber noch hinzufügte, alle Verkaufsszenarien seien "Spekulation".
Eine Reihe nicht verkaufter Jeep Libertys: Trotzt hoher Benzinpreise setzte Chrysler auf spritfressende Protzautos
Foto: APNun brodelt es in der Gerüchteküche: Was könnte Uebber mit seinen vagen Aussagen gemeint haben? "Da sind nun alle Optionen offen", heiße es aus Frankfurter Finanzkreisen, berichtet die "Financial Times Deutschland". Nach Ansicht von HVB-Analyst Rolf Woller hat sich Uebber dagegen nur so vorsichtig geäußert, weil er mögliche rechtliche Folgen vermeiden wollte, falls ein drastisches Ereignis irgendwann doch zu einem Verkauf von Chrysler führt. "Ich denke aber nicht, dass ein Verkauf von Chrysler im Moment auf der Agenda steht", so Woller.
Allerdings wirken auch die Aussagen aus dem Konzern selbst nach der Konferenz für solch eine schlichte Erklärung auffällig widersprüchlich. Chrysler-Sprecher Kevin Frazier erklärte der Nachrichtenagentur Dow Jones, dass das Unternehmen "keine Details" dazu nenne, was die Chrysler-Analyse ein- oder ausschließe. Uebber habe mehrfach gesagt, dass er sich an Spekulationen nicht beteilige. Laut Unternehmenssprecher Thomas Fröhlich hat Uebber dagegen klar "die Spekulationen über einen möglichen Verkauf zurückgewiesen, durch das was er gesagt hat".
"Das erhöht den Druck auf Chrysler"
Auf einige Experten wirken die Aussagen Uebbers, die dann so nachdrücklich zurückgenommen wurden, schlicht wie gezielte Warnschüsse. "Die geänderte Kommunikation zu Chrysler überrascht", sagte ein Analyst. "Das erhöht den Druck auf Chrysler mächtig", so der Branchenexperte weiter, der nicht namentlich genannt werden möchte. "Ich halte einen Verkauf an einen anderen Konzern allerdings eher für ausgeschlossen, da Chrysler stark mit Mercedes verlinkt ist und ein potentieller Chrysler-Käufer dann zu viel Know-How von Mercedes erhielte." Denkbar sei aber eine Abtrennung, die Ausgliederung oder ein separates Listing von Chrysler.
In der Vergangenheit hat DaimlerChrysler oft nicht lange gefackelt, wenn eine Sparte nicht die gewünschten Ergebnisse brachte. Vom Smart gibt es inzwischen nur noch eine einzige Baureihe, vergangenes Jahr wurde die verlustreiche Beteiligung an Mitsubishi abgestoßen. Und die angeschlagene US-Sparte belastet die Ergebnisse des Stuttgarter Konzerns schwer. Im abgelaufenen Quartal betrug das Minus über 1,16 Milliarden Euro. Vor allem die verfehlte Modellpolitik ist nach einhelliger Expertenmeinung für die Misere verantwortlich: Denn trotz der hohen Benzinpreise setzt Chrysler nach wie vor in erster Linie auf große, spritfressende Wagen.
Allein die raschen Fortschritte bei der Sanierung der Nobelmarke Mercedes-Benz, die ihren Gewinn um 127 Prozent auf 991 Millionen Euro steigern konnte, retteten DaimlerChrysler diesmal vor einem Rutsch in die Verlustzone. Alle Geschäftsbereiche eingerechnet schmolz der Gesamt-Betriebsgewinn in den Monaten Juli bis September von 1,84 Milliarden Euro im Vorjahr auf 892 Millionen Euro zusammen.
Doch nicht nur Chrysler setzen die schlechten Ergebnisse schwer unter Druck: Auch Konzernchef Dieter Zetsche wirkt angeschlagen. Er war einst selbst Chrysler-Chef und der von ihm in die Wege geleitete Umbau bei Chrysler wurde als Erfolgsstrategie bejubelt. Die scheinbar gelungene Sanierung verhalf ihm auch auf den Chefsessel des Gesamtkonzerns.
ase/Reuters/ddp/Dow Jones