Verlagserbin Springer: Die listige Witwe - DER SPIEGEL
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Verlagserbin Springer Die listige Witwe

Nach dem Tod des Großverlegers Axel Springer stand seine Frau Friede vor einem schweren Erbe. Anfangs oft unterschätzt, stieg sie zur unumschränkten Herrscherin des größten deutschen Zeitungshauses auf - und verwirklicht nun gemeinsam mit Mathias Döpfner die TV-Visionen ihres Mannes.
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Berlin - Das dritte Leben der Friede Springer begann am 22. September 1985, dem Tag, als Axel Springer starb. Bis dahin hatte sie immer im Schatten des legendären Verlegers gestanden, sich seinem Willen und seinen Launen gebeugt. Deshalb rechnete auch niemand mit ihr, als es darum ging, das Erbe zu verteilen. Springers Höflinge stellten sich schon darauf ein, die Geschicke des Unternehmens zu bestimmen. Doch es kam anders - Friede Springer stieg zur unbestrittenen Regentin im Verlagshaus auf.

Nach dem heute bekannt gegebenen Kauf von ProSiebenSat.1 wird sie auch im neuen Medienkonzern den Ton angeben. Eine Kapitalerhöhung soll sicherstellen, dass sie weiter die Mehrheit der Stimmrechte an dem fusionierten Unternehmen halten wird, zu dem die Zeitungen "Bild", "Welt", die "Hörzu" und dann auch die TV-Kanäle ProSieben, SAT.1 und N24 gehören werden. Zusammen mit ihrem Vorstandschef Mathias Döpfner hat Friede Springer damit die TV-Ambitionen ihres verstorbenen Mannes verwirklicht.

Dabei sah es 1985 noch so aus, als wäre die Gärtnerstochter, die einst als Kindermädchen im Hause Springer angeheuert hatte, mit dem Erbe überfordert. Das Problem: Axel Springer gehörten als er starb nur noch 26,1 Prozent des Kapitals an seinem Verlag. Der Rest lag beim Burda-Verlag, vielen Kleinaktionären - und dem Münchner Filmmogul Leo Kirch.

"Ach, lieber Herr Kirch"

Das Ringen mit Kirch prägte die folgenden Jahre. Ein Dialogfetzen wird oft kolportiert, der die Atmosphäre zwischen den beiden Widersachern verdeutlicht: "Ach, liebe Frau Springer, geben sie mir doch ein paar Prozentchen ab", soll Kirch Friede Springer einst zugeflötet haben. "Ich zahle Ihnen auch ein Vermögen dafür." "Ach, lieber Herr Kirch", so angeblich die ebenso charmante Erwiderung der Witwe: "Was soll ich denn mit dem ganzen Geld, das Sie ja überhaupt nicht haben."

1988 gewann sie das erste große Duell. Kirch hatte sich mit den Burda-Brüdern verbündet - glaubte er jedenfalls. Zusammen wollten sie ihre Aktienmehrheit ausspielen und die Springer-Erben endgültig an den Rand drängen. Doch einen Tag vor dem Showdown gelang es Friede Springer, die Burda-Brüder zum Verkauf ihrer Springer-Anteile zu überreden. Die Erbengemeinschaft bezahlte mehr als das Doppelte von dem, was die Burdas fünf Jahre zuvor investiert hatten.

Friede Springers zweite Herausforderung: Auch innerhalb der Springer-Erbengemeinschaft gärte es lange Jahre. Die Springer-Kinder Barbara und Nicolaus, die jeweils zehn Prozent des Springer-Pakets besaßen, begehrten ebenso auf wie die Enkel Axel Sven und Ariane (jeweils fünf Prozent). 1994 griffen sie Friede Springer in der "Zeit" sogar offen an. Die Visionen des Patriarchen würden missachtet, stand da zu lesen, an der Spitze des Verlages dilettiere ein übermächtiger Testamentsvollstrecker - gemeint war Friede Springer.

Doch nach einer nächtlichen Marathonverhandlung gelang die Einigung. Barbara und Nicolaus ließen sich ihre Anteile ausbezahlen, man verständigte sich darauf, das lange Verfahren der Testamentsvollstreckung zu beenden. Jahre später focht Springer-Enkel Axel Sven das Testament noch einmal an - doch ohne Erfolg.

Döpfners Meisterstück

In ihren Anfangsjahren fällte Friede Springer unglückliche Entscheidungen, sie bezahlte viel Lehrgeld. Immer neue Spitzenmanager versuchten ihr Glück an der Verlagsspitze und wurden rasch ausgewechselt. Peter Tamm gehörte ebenso dazu wie Günter Prinz aber auch der langjährige Springer-Vertraute Bernard Servatius. Sie alle kassierten hohe Gehälter und ließen sich mit Millionenbeträgen abfinden.

Ruhe kam erst in das Unternehmen, als die Verlegerin den "Welt"-Chefredakteur Mathias Döpfner an die Spitze des Konzerns berief - er war es, der die Übernahme von ProSiebenSat.1 heute verkündete. Döpfner brachte Springer das Maß an Loyalität entgegen, das sie erwartete - und er brachte den Konzern wieder auf Kurs.

Sein Meisterstück lieferte Döpfner ab, als er in Springers Auftrag den ewigen Widersacher Kirch ausbootete - und wieder spielte ProSiebenSat.1 eine Schlüsselrolle dabei. Ende Januar 2002 teilte Döpfner dem Münchner Filmrechtehändler lapidar mit, Springer werde nun die Option einlösen, seine Anteile am Münchner TV-Konzern zu verkaufen. Damit war Kirch erledigt - er konnte die vertraglich festgelegten 767 Millionen Euro nicht aufbringen. Kirch musste Insolvenz , die Deutsche Bank erwarb in einer Auktion dessen Anteil am Springer-Verlag. Friede Springer sicherte sich schließlich einen Teil dieser Anteile und damit die Mehrheit am Verlag.

Nun also hat die Witwe auch bei ProSiebenSat.1 die Kontrolle übernommen - ob sie zu viel für die TV-Kette gezahlt hat oder einen angemessenen Preis, wird der Geschäftsverlauf der nächsten Jahre zeigen.