AUTOINDUSTRIE Verlorene Sache
Der Mechaniker Uriel Banuelos ist mächtig stolz auf seine Arbeit. »Dieser Job hier bringt vor allem Prestige«, sagt Banuelos, 35, »und nicht nur Geld.« Vor drei Jahren lief die Fabrik an, in diesem Jahr werden Banuelos und seine Kollegen schon 146 000 Autos bauen.
Im Schnitt zahlt ihnen der amerikanische Autokonzern General Motors (GM) dafür 18 Mark Lohn - pro Tag. Dazu bekommen sie ungefähr ebensoviel in Form von Wohn- und Essensgeld. Das zusammen ist ordentliches Geld, zumindest hier bei Silao, rund 300 Kilometer nordwestlich von Mexiko City. Ein Drei-Gänge-Menü im Restaurant kostet 7 Mark, ein Bier 1,80 Mark.
Banuelos' Kollegen auf der anderen Seite der Grenze, in den Vereinigten Staaten, würden bei seinem Lohn verhungern. Sie verdienen mit genau der gleichen Arbeit im Schnitt mehr als zehnmal soviel Geld - solange sie noch Arbeit haben. Dafür kämpft die Gewerkschaft »United Auto Workers« (UAW) und legt seit drei Wochen einen Großteil des Konzerns lahm.
Der teuerste Streik seit 1970 hat das weltgrößte Industrieunternehmen (Marken: Opel, Chevrolet, Cadillac) bislang mindestens 1,8 Milliarden Mark gekostet. Taktisch perfekt haben die Funktionäre rund 9200 Arbeiter aus 2 von insgesamt 123 US-amerikanischen GM-Werken in Streik geschickt. Weil die jedoch zentrale Teile bauen, können über 130 000 Kollegen mangels Nachschub nicht weitermachen.
Offiziell geht es bei dem Streik nur um Kinkerlitzchen wie Hygiene und Arbeitsschutz, für mehr dürfen die lokalen Gewerkschaftsgruppierungen nicht streiken. In Wahrheit aber will die um ihre Existenz ringende Arbeitnehmerorganisation General Motors daran hindern, noch mehr Arbeitsplätze in Billiglohnländer wie Mexiko zu exportieren.
Entbrannt ist der Kampf in einer GM-Fabrik bei Flint im Bundesstaat Michigan. 1500 Leute bauen dort Motorhalterungen, bezahlt werden sie nach einem eigenwilligen Akkordsystem aus fetten Zeiten: Fixe Arbeiter können ihre Tagesleistung in etwa fünf Stunden erledigen, danach muß GM Überstundenzuschläge zahlen. Im Schnitt verdienen die Metaller so, laut Firma, alles in allem stattliche 160 000 Mark pro Jahr.
Das Werk ist veraltet, die hochbezahlten Arbeiter machten vergangenes Jahr 90 Millionen Mark Verlust. Das Management bot an, die Fabrik zu modernisieren und so zu erhalten - wenn die Gewerkschaft auf das Akkordsystem verzichtet. Die Funktionäre nickten, und GM begann, neue Maschinen in die Hallen zu schaffen.
Doch dann wollte die UAW plötzlich nichts mehr vom Verzicht auf das Bonussystem wissen. Donald Hackworth, GM-Autochef für Nordamerika, war sauer: »Wir investieren nicht weiter in eine Fabrik, die nicht wettbewerbsfähig ist.« Als seine Manager den Streik kommen sahen, ließen sie an einem Feiertag heimlich die neuen Maschinen wegschaffen. Zurückgebracht würden die allenfalls, wenn der Streik beendet sei, so Hackworth.
Die Gewerkschafter bleiben stur. Der örtliche UAW-Chef Danny Thetford tönt, er wolle die Geräte auf Tiefladern wiederkommen sehen, »mit Don Hackworth vorneweg, der eine weiße Fahne schwenkt«.
Daraus werde wohl nichts, fürchtet Flints Bürgermeister Woodrow Stanley. Er glaubt, daß sich die Arbeiter für eine verlorene Sache schlagen: »Die Welt hat sich dramatisch verändert« - sie ist vor allem offener geworden. GM baut derzeit Fabriken in China, Thailand, Argentinien, Brasilien und Polen. »GM hat die Globalisierung nicht erfunden«, entschuldigt sich Hackworth, »und sie ist nun mal von fundamentaler Bedeutung für unser Geschäft.«
Gegenüber der Konkurrenz hat General Motors gewaltigen Nachholbedarf. Konkurrent Chrysler kann ein neues Auto in knapp über zwei Jahren entwerfen und entwickeln - GM braucht dafür drei Jahre oder mehr. Rund zwölf Milliarden Mark Gewinn machte GM vergangenes Jahr - mit knapp einer halben Milliarde mehr zog der kleinere Erzrivale Ford vorbei. General Motors verdient an jedem Wagen im Schnitt 1800 Mark weniger als Ford.
Dabei hat GM heftig rationalisiert und die Zahl der Arbeiter in den USA in den vergangenen fünf Jahren von 300 000 auf rund 223 000 abgebaut. Weitere 50 000 müßten gehen, meinen Analysten, damit GM aufschließen könne. »Deshalb wird dieser Streik entscheiden, wie gut GM künftig im Wettbewerb überleben kann«, meint Harley Shaiken, Fachdozent an der Universität Berkeley.
Auch für die Gewerkschaften geht es ums Ganze. Nur 14 Prozent aller US-Arbeiter sind organisiert, vor 20 Jahren waren es noch 24 Prozent. Die Funktionäre trauen sich nur mehr selten anzugreifen: 29 größere Streiks haben sie im vergangenen Jahr gewagt - die niedrigste Zahl seit dem Jahr 1947.
Besonders hart getroffen hat es die United Auto Workers. Sie zählen nur noch halb so viele Mitglieder wie vor 20 Jahren. 750 000 sind es jetzt, bei den neuen Fabriken ausländischer Autobauer und den Zulieferern haben sie nie richtig Fuß fassen können. 220 000 UAW-Organisierte sind allein bei GM beschäftigt, der Großteil der Belegschaft dort.
Deshalb kann UAW-Chef Stephen Yokich schlecht klein beigeben. »Wir werden weiterkämpfen, bis wir sie schlagen«, sagt er und glaubt, daß seine Kasse so lange reicht: »Wir halten einen Tag länger durch als die.«