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CHINA Verschiedene Träume

Unter westlichen Managern macht sich China-Frust breit. Besonders jene Unternehmer, die in Gemeinschaftsfirmen investiert haben, sind enttäuscht. *
• aus DER SPIEGEL 5/1987
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Flüge nach Peking waren gebucht, die Hotelzimmer bestellt, und ein repräsentativer Saal in Pekings pompöser »Großen Halle des Volkes« war angemietet: Anfang Dezember wollte Lufthansa-Chef Heinz Ruhnau ein Abkommen über den Bau des »Peking Lufthansa Center« in der chinesischen Hauptstadt unterzeichnen.

Der Plan für das 400-Millionen-Mark-Projekt sieht den Bau eines Hotelkomplexes nahe dem Diplomatenviertel vor, einschließlich Büroräumen, Wohnungen, Ausstellungsräumen und Ladenpassagen.

Die feierliche Zeremonie, zu der Vorstandschef Ruhnau und Staatssekretär Siegfried Lengl vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit an der Spitze einer 12köpfigen Delegation in Peking erscheinen sollten, fand nicht statt. 24 Stunden vor dem geplanten Abflug in Frankfurt ließ die Stadtverwaltung Peking - der chinesische Partner im Gemeinschaftsunternehmen - den Termin platzen. »Wegen Übersetzungsschwierigkeiten«, wanden sich die Chinesen, müsse die Unterzeichnung abgesagt werden.

Der plötzliche Sinneswandel ist typisch für das China-Geschäft, das westliche Außenhändler zwischen Begeisterung und Enttäuschung hin und her reißt. Seit sich die Volksrepublik 1978 der Modernisierung verschrieb und aus ländischen Unternehmen die Bildung von Gemeinschaftsunternehmen, sogenannten Joint Ventures, gestattete, steuern Pekings Planer ihre Außenwirtschaft auf einem wirren Zickzackkurs.

Je nach der Devisenlage der Chinesen erleben die ausländischen Geschäftspartner mal einen Auftragsboom, mal eine Stornierungswelle.

Angesichts sinkender Zahlungsmoral, hoher Kosten und bürokratischer Hemmnisse macht sich China-Frust breit. Ein verärgerter deutscher Geschäftsmann: »Die wollen nicht mehr mit uns, sondern nur noch an uns verdienen.«

Es beginnt bei den Mieten: im schokoladenbraunen Büroturm der China International Trust and Investment Corporation (Citic), wo viele Dependancen ausländischer Firmen untergebracht sind, wird für einen Quadratmeter bis zu 1,50 Dollar pro Tag berechnet. »Das ist Weltspitze, teurer als Tokio oder New York«, schimpft ein deutscher Kaufmann.

In Schenzhen, jener »Sonderwirtschaftszone« an der Grenze zur britischen Kronkolonie Hongkong, schlossen einige Unternehmen wegen der gestiegenen Kosten Anfang des Jahres ihre Betriebe. Eine Umfrage unter japanischen Firmen machte kürzlich verbreitete Unzufriedenheit aus.

Das hat Folgen. In den ersten sechs Monaten des vergangenen Jahres fielen die ausländischen Investitionen in der Volksrepublik laut offiziellen Angaben um 20 Prozent. Inoffiziell wird eine doppelt so hohe Zahl gehandelt.

Die Realität weicht weit von der Regierungspropaganda ab. »Chinas Politik der Öffnung nach außen und der Absorbierung ausländischer Investitionen ist richtig und erfolgreich«, schrieb die »Volkszeitung« im August vorigen Jahres. Das Parteiblatt verschwieg, welche beachtlichen Planabweichungen es dabei gibt: Seit 1979 wurden 2645 Gemeinschaftsunternehmen beschlossen; bis 1986 war davon gerade ein Drittel verwirklicht.

Von den insgesamt 18,2 Milliarden US-Dollar Investitionen, die Firmen aus dem kapitalistischen Teil der Welt zugesagt hatten, sind tatsächlich nur 4,6 Milliarden überwiesen worden.

Was Peking als »ausländische Investition« ausgibt, stammt überdies zum überwiegenden Teil von Übersee-Chinesen oder von Chinesen aus Hongkong und Macau, die mit ihrem Engagement vor allem patriotischer Pflicht genügen.

Ein gut Teil des Geldes wird auch nicht, wie von den Chinesen erhofft, für moderne Produktionsanlagen ausgegeben. Viele Gemeinschaftsunternehmen haben als Geschäftszweck den Bau von Wohnungen, Büros und Hotels.

Knapp hundert deutsche Firmen haben sich bislang in China engagiert und 61 Millionen Mark investiert, sechzehn Unternehmen wagten, mit den Chinesen in Joint Ventures zusammenzuarbeiten. Volkswagen baut in Schanghai Santana-Teile zu Autos zusammen; die Kosmetik-Firma Wella produziert in Tianjin Haarwaschmittel, und Spaten-Bräu braut in Wuhan Bier.

Die deutschen Investoren setzen auf den unerschlossenen chinesischen Binnenmarkt. Der Traum von einer Milliarde unterversorgten Konsumenten beflügelt die Phantasien. Chinas Wirtschaftskader erhoffen sich von der Ansiedlung der Gemeinschaftsunternehmen einen billigen Technologietransfer, Arbeitsplätze und eine lukrative Exportproduktion.

Die unterschiedlichen Konzeptionen der Partner haben die Chinesen längst mit einem Sprichwort belegt: »In einem Bett schlafen, aber verschieden träumen.«

Für manche der ausländischen Investoren wird es ein Alptraum. Denn die von chinesischer Seite gepriesenen Vorteile - geringere Löhne, billige Transportkosten zu den asiatischen und pazifischen Märkten, preiswerte Rohstoffe und Steuervergünstigungen - entpuppten sich in der Realität oft als leere Versprechungen.

Es fängt mit überhöhten Kosten an, beispielsweise für Wasser- oder Elektrizitätsanschlüsse. Um Telephon- und Telexleitungen zu ergattern, müssen die Verwaltungen mit Geschenken und Banketten freundlich gestimmt werden.

Der Lohnaufwand - stets höher als in vergleichbaren Staatsunternehmen - wird, entgegen den Absprachen, durch Sozialabgaben für medizinische Betreuung, _(Händeschüttelnd: der chinesische ) _(Projektleiter Shi Jin Bao, ) _(Lufthansa-Manager Werner Schömig )

durch Altersversicherung. Unterbringung oder gar Kleidung erhöht.

Die Leistung der meisten Arbeitskräfte entspricht bei weitem nicht den Erwartungen. »Bestenfalls 30 Prozent eines Deutschen«, meint ein Ingenieur.

Wer sich da auf geschlossene Verträge oder auf Gesetze beruft, hat selten Erfolg. Ein in Peking ansässiger Deutscher: »Gesetze räumen noch keine Rechte ein, sie geben nur den Rahmen ab, in dem verhandelt werden kann.«

Die größten Schwierigkeiten haben die ausländischen Partner mit der Finanzierung der Gemeinschaftsfirmen. Nach der Vorstellung der Chinesen soll das Unternehmen gleich vom ersten Tag an über den Export Devisen erwirtschaften. Mit denen soll es dann die aus dem Ausland benötigten Zulieferungen bezahlen.

»Ein Unding«, rügt der Vertreter eines deutschen Großkonzerns diese Vorstellungen von einer sich selbst finanzierenden Exportproduktion. Das widerspreche allen gängigen Erfahrungen: Ein Produkt müsse sich zunächst einmal auf dem Inlandsmarkt bewähren.

Eine der Firmen, die durch diese Auflage der Chinesen Probleme bekam, ist das Gemeinschaftsunternehmen der Volkswagen AG mit der Automobilfabrik Schanghai. Zwar findet der VW-Santana, von dem täglich 40 Exemplare montiert werden, in China reißenden Absatz. Aber ein gut Teil der Einnahmen sind nicht konvertierbare Jüan, die Volkswährung. Und damit lassen sich in Wolfsburg keine Santana-Teile bezahlen.

Bei der Beijing Jeep Corporation, einem sino-amerikanischen Joint Venture, standen im Frühjahr gar zwei Monate alle Bänder still. Es fehlte an Dollar für den Einkauf in Nordamerika.

Mit der Auseinandersetzung um das Projekt der American Motors Corporation (AMC) hatte die Stimmung unter den Ausländern im vorigen Sommer ihren Tiefpunkt erreicht. In den Niederlassungen zwischen Peking-Hotel und Citic-Haus sprachen Firmenvertreter vom Kofferpacken.

Chinas politische Führung griff ein. Dem AMC-Projekt wurden Devisen zugeteilt. Ministerpräsident Zhao Ziyang persönlich bat ausländische Wirtschaftsvertreter zum Gespräch ins Seebad Beidaihe.

Chinas Spitzenpolitiker Teng Hsiaoping nutzte fortan jede Gelegenheit, um zu versichern: »Ausländische Unternehmer können keine sicherere Investition machen als in China.«

Erstes Resultat der amtlichen Bemühungen ist ein im Oktober veröffentlichter Erlaß, der ausländischen Firmen bessere Produktionsbedingungen verspricht. Zukünftig soll Gemeinschaftsunternehmen beispielsweise nicht mehr Geld für Wasser und Strom abgenommen werden als einheimischen Betrieben.

»Ein erster Schritt in die richtige Richtung«, meint Jürgen Knote, der Leiter der Handelsförderungsstelle an der Deutschen Botschaft in Peking. Managern die nach wie vor skeptisch sind empfiehlt Knote Geduld: »Langfristig gesehen ist für uns China einer der attraktivsten Wachstumsmärkte.«

Die Lufthansa-Manager brauchten gar nicht mal so viel Geduld zu zeigen. Am 22. Dezember wurde in Peking doch noch der Vertrag für das »Peking Lufthansa Center« unterzeichnet, das nun die Firmen Philipp Holzmann und Heilit + Woerner Bau hochziehen.

Für die Lufthansa wurde die Angelegenheit auf diese Weise auch etwas billiger. Heinz Ruhnau und sein Gefolge waren daheim in Deutschland geblieben. Den Vertrag unterzeichnete, in einer schlichten Zeremonie, der zuständige Hauptabteilungsleiter Werner Schömig.

Händeschüttelnd: der chinesische Projektleiter Shi Jin Bao,Lufthansa-Manager Werner Schömig

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