Versicherer "Time to say goodbye"
Hamburg - Aachen, Dortmund, Köln, Stuttgart, Hamburg - die Bilder gleichen sich in diesen Wochen an deutschen Versicherungsstandorten. Beschäftigte ziehen über die Straßen, protestieren, zünden Gedenkkerzen an oder singen sich einfach den Frust von der Seele: "Time to say goodbye." Nach Betriebsversammlungen, wo Vorstände mal nüchtern, mal hilflos Verständnis heischend die Hiobsbotschaften überbringen, fließen Tränen: "Ich bin raus", sagt eine Kölner Gerling-Mitarbeiterin. Mit über 50 Jahren sei sie für den Umzug nach Hannover zu alt.
Seit ein paar Jahren baut die Branche sukzessive Stellen in Deutschland ab. Doch in diesem Sommer kommt es eiskalt über die Angestellten deutscher Versicherer. Der Schock sitzt tief. Zum einen, weil Konzerne wie Allianz , AMB Generali oder Ergo ihre Gewinne längst wieder kräftig steigern. Zum anderen, weil ein Job bei der Assekuranz bislang als vergleichsweise krisenfest galt. Das ist vorbei, Rationalisierung und Globalisierung halten gnadenlos Einzug. Anstatt aber mit kreativen Konzepten den Marktanteil zu steigern, wird fusioniert, verschlankt, verlagert, geschlossen und gespart - an Mitarbeitern.
Ein Auszug aus der Streichliste für die kommenden ein bis zwei Jahre: Inklusive der ausgelagerten IT sind es bei der Allianz rund 6000 Stellen hierzulande. Etwa 1500 Inlandsjobs will der Talanx-Konzern nach der Gerling-Übernahme abbauen - überwiegend bei Gerling, versteht sich. Die zur Münchener Rück gehörende Ergo-Gruppe hat sich den Abbau weiterer 1200 Stellen zum Ziel gesetzt. Jeweils 1000 Jobs sollen es bei AMB Generali sowie Zürich Versicherung und etwa 700 bei der Axa sein. Im W&W-Konzern, unter dessen Dach sich Württembergische Versicherung, Karlsruher Versicherung und die Bausparkasse Wüstenrot befinden, fallen allein bei den Versicherern 750 Arbeitsplätze weg.
"Fusionswahn - dann wackeln ganze Unternehmen"
Ein Ende des Stellenabbaus ist nicht in Sicht. Nach der Übernahme der schweizerischen Winterthur durch den Axa-Konzern müssen auch die Beschäftigten der in Wiesbaden ansässigen DBV Winterthur um ihre Jobs fürchten, sagen Experten. "Wenn der Fusionswahn um sich greift, dann wackeln nicht nur Arbeitsplätze, dann wackeln ganze Unternehmen", sagt Versicherungsexperte Manfred Poweleit vom Informationsdienst "Map-Report".
Der zunehmende Konzentrationsprozess hat seine Wurzeln. Die Zeiten für die deutsche Versicherungswirtschaft haben sich in den vergangenen zehn bis 15 Jahren dramatisch verändert. Bis zur Deregulierung des Marktes im Jahr 1994 führten die Unternehmen ein von ausländischer Konkurrenz abgeschottetes Dasein. Durch die Wiedervereinigung profitierten sie zugleich von einem historisch kaum zu wiederholenden Nachfrageboom, bis schließlich die Terroranschläge im Jahre 2001 die Unternehmen und ihre Aktien auf den Boden der Tatsachen zurückholten. Mit der allmählichen Erholung der Märkte kletterten dann auch die Gewinne - und mit den Gewinnen der Appetit auf Übernahmen.
"Der Druck geht auch vom Kunden aus"
Seit 1994 drängen immer mehr europäische Konkurrenten auf deutsches Assekuranz-Terrain und machen den etablierten Unternehmen seitdem das Leben schwer. So interpretiert Wirtschaftsprofessor Heinrich Schradin den jetzt um sich greifenden Stellenabbau insbesondere bei großen Versicherungskonzernen auch als eine Konsequenz der damaligen Öffnung der Märkte. "Versicherungsgeschäft ist ein sehr langfristiges Geschäft. Die Folgen der Deregulierung werden jetzt erst sichtbar", sagt der geschäftsführende Direktor des Instituts für Versicherungswissenschaft an der Universität zu Köln.
Parallel hat sich die Arbeit der Beschäftigten in den vergangenen Jahren erheblich verändert. Die Unternehmen haben viel Geld in die Informationstechnologie und ihre technische Infrastruktur investiert. Darüber hinaus sind etliche Vorgänge mittlerweile standardisiert. Ausführende Tätigkeiten wie Antragsprüfung, Bestandsverwaltung oder Schadensannahme wickeln vor allem bei großen Unternehmen zusehends Menschen in Servicecentern ab. Fachlich besonders geschulter Versicherungskaufleute bedarf es dazu nicht mehr.
"Durch den Einsatz moderner Datenverarbeitung und Technik wird ein gewisser Prozentsatz der Mitarbeiter im Innendienst und der Verwaltung nicht mehr gebraucht. Das muss man ganz klar feststellen", sagt Jörg Müller-Stein, Vorstandsmitglied vom Arbeitgeberverband der Versicherungsunternehmen (AGV).
Dass dabei der Druck der Kapitalmärkte das Handeln börsennotierter Versicherungsgruppen beeinflusst und sie immer stärker auf die Kostenbremse treten lässt, damit auch die Rendite für den Investor stimmt, will der AGV gar nicht verhehlen. "Im Gegensatz zu öffentlich-rechtlichen Versicherern oder Versicherungsvereinen müssen sie eben weltweit konkurrieren", sagt Müller-Stein.
Gleichwohl leben Anbieter mit einem genossenschaftsrechtlichen Charakter hierzulande nicht auf einer Insel der Glückseligkeit. Zwar müssen Debeka und andere nicht vor dem Renditehunger der Investoren zittern. "Der Wettbewerb um effiziente Strukturen trifft aber die ganze Branche, deshalb wird sich diese Entwicklung nicht nur auf die großen Häuser beschränken", erklärt der Kölner Wissenschaftler Schradin.
Darüber hinaus sehen sich alle Versicherer - ob nun börsennotiert oder nicht - einer Kundschaft ausgesetzt, die immer mehr auf den Preis achtet, etwa bei Kfz-Policen. Hier tobt seit Langem ein Preiskampf, und viele Anbieter zocken mit, gelten Autoversicherungen doch als Türöffner für weitere Versicherungsprodukte. "Der Druck auf die Kostenquoten der Unternehmen geht also von den Investoren und den Kunden aus", betont Schradin. Die gesamte Branche werde sich diesem Kosten- und Preisdruck nicht entziehen können und Personal abbauen, sagt AGV-Vorstand Müller-Stein.
"Wir haben die Krise großer Konzerne"
Versicherungsexperte Poweleit schließt nicht aus, dass auch kleinere, nicht börsennotierte Gesellschaften künftig Personal abbauen müssen. Gleichwohl stellt er fest: "Wir haben nicht die große Entlassungswelle in der deutschen Versicherungswirtschaft, sondern wir haben die Krise der Konzerne." Dabei seien die Probleme keineswegs identisch. "Die Allianz hat keine Ertragskrise, sondern eine Langsamkeitskrise." Viele Abläufe dauerten einfach zu lange, beschwerten sich Makler und Versicherungsvermittler immer wieder.
Daneben sieht Poweleit die großen, aber ertragsschwächeren Versicherer. Etwa die Ergo-Gruppe, die Zürich-Gruppe mit dem Deutschen Herold und die Axa gehören seiner Meinung nach dazu. Die erhofften Synergieeffekte der Zusammenschlüsse hätten sich in der Vergangenheit bei diesen Konglomeraten kaum eingestellt, sagt der Versicherungsexperte.
Und schließlich sei da jene Gruppe unbeirrbarer, etwa 15 nicht börsennotierter Gesellschaften - "ehrgeizige" Gegenseitigkeitsvereine oder öffentliche Versicherer eben. Diese Unternehmen hätten es schlicht "nicht nötig" über Zukäufe und Fusionen zu wachsen, sie gewännen auch so Marktanteile, hätten ihre Kosten zumeist besser im Griff und zeigten im Beschäftigungssaldo auch deutlich geringere Schwankungen auf als die großen Konzerne, sagt Poweleit.
Das Fazit des Versicherungsexperten fällt nicht schmeichelhaft aus: "Die Teilmenge der schlechten und der größten Versicherer ist relativ groß. Sehr viele große Versicherer sind ziemlich schlecht." Wenn dann der Druck der Kapitalmärkte steige und das Unternehmen zugleich Marktanteile verliere, setze es eben kurzerhand Personal frei.
227.000 fest angestellte Mitarbeiter im Innen- und Außendienst zählt die deutsche Versicherungswirtschaft derzeit nach AGV-Angaben. In spätestens zwei Jahren dürften es nach vorsichtigen Schätzungen rund 15.000 weniger sein. Und das eben auch, weil sich "überflüssige" Innendienstler nicht so ohne Weiteres zu einem verkaufenden, am besten noch in der Selbstständigkeit tätigen Vertriebsprofi umpolen lassen, wie es die großen Versicherungskonzerne derzeit am liebsten hätten.
Dass der Stellenschwund ähnlich dramatisch verläuft wie einst bei den deutschen Banken, sieht man aber selbst bei der Gewerkschaft Verdi nicht. "Ich glaube nicht, dass der Jobabbau diese Dimension wie bei den Banken erreicht", sagt Verdi-Sprecher Jörg Reinbrecht. Der Konzentrationsprozess werde jedoch weiter voranschreiten. Es stünde zu befürchten, dass in der deutschen Versicherungslandschaft letztlich nur noch ein paar "Big Player" den Ton angeben werden. "Das kann nicht richtig sein. Diese monopolartigen Strukturen schaden letztlich auch dem Kunden", sagt Reinbrecht.
"Konsolidierung wird Wertschöpfungskette verändern"
Ein Szenario dieser Art erwartet der Kölner Wissenschaftler Schradin nicht. Die Versicherungslandschaft in Deutschland werde sich unter dem Zwang der Kostenersparnis aber weiter verändern. Dabei seien die Ausgaben für Personal und Informationstechnologie letztlich die Stellschrauben mit dem am meisten Erfolg versprechenden Effekt. Primär in diesen Bereichen dürfte sich nach Einschätzung von Schradin der Wettbewerb um effizientere Strukturen verschärfen.
"Insbesondere kleinere Anbieter müssen sich vor diesem Hintergrund überlegen, ob sie hier künftig verstärkt auf intelligente Kooperationen setzen", sagt der Kölner Versicherungsexperte. Im Ergebnis könnte das die Auslagerung einzelner Geschäftsbereiche bedeuten aber genauso weitere Teilfusionen mit größeren Anbietern nach sich ziehen.
Aus Sicht von Schradin sprechen auch andere Entwicklungen für eine stärkere Konsolidierung der Branche in Deutschland. Die neuen Produkte und Konzepte insbesondere in der privaten Altersvorsorge seien erheblich komplexer geworden. Sie verlangten mehr Know-how von den Anbietern und ließen sich deshalb nicht mehr so leicht kopieren. Kleineren Gesellschaften dürfte es seiner Einschätzung nach zumindest schwerfallen, dieses Produkt-Know-how selbst zu entwickeln, was sie früher oder später zu Kooperationen mit den "Denkfabriken" großer Konzerne drängen werde. Die Konsolidierung werde vor allem die Wertschöpfungsprozesse in der Branche verändern, aber nicht zwangsläufig zu deutlich weniger Unternehmen führen, sagt Wissenschaftler Schradin.
In Köln und anderswo dürfte das viele Allianz- oder Gerling-Mitarbeiter kaum trösten. Sie werden sich bald vor den Werkstoren jener "Denkfabriken" wiederfinden. Wenn es dann in einigen Monaten wieder heißt, "der Gewinn lag deutlich über den Erwartungen der Märkte", haben sie ihre Mahnlichter längst eingepackt, im günstigsten Fall noch eine Abfindung kassiert und ihre wenigen Allianz-Aktien verkauft oder gar die Versicherungspolicen gekündigt. Zahlreiche erboste Bürger in den betroffenen Regionen haben es längst getan, wenn man ihren Briefen in den lokalen Medien glauben darf.