Versilbertes Blech - DER SPIEGEL
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VERSANDHANDEL Versilbertes Blech

Schmu mit Supergewinnen: Dutzende kleiner Versandhäuser animieren ihre Kunden mit angeblichen Geschenken zu einer Bestellung.
• aus DER SPIEGEL 13/1997
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Aus dem Urlaub zurück, fand Edith Gerlof eine erfreuliche Nachricht in ihrem Briefkasten: Sie hatte, so glaubte sie, einen Mercedes 220 C gewonnen, wahlweise 50 000 Mark.

Die Sache schien klar. Dank der Losnummer 8269140 sollte die Angestellte aus Reinbek bei Hamburg den Hauptgewinn beim »Clou-Gewinnspiel« bekommen; schließlich bestätigte ihr der angebliche Ziehungsleiter Hermann Huber sogar schriftlich: »Nur Sie, Frau Gerlof, sind ein wirklicher Hauptpreisgewinner!«

Frau Gerlof entschied sich für die 50 000 Mark und meldete ihren Gewinnanspruch bei der Münchner Clou-Versandhandels GmbH an. Doch sie war, wie so viele andere, auf einen Trick hereingefallen: Sie stand zwar an 1. Stelle unter den Hauptpreisgewinnern, bekam aber nicht den 1. Preis, auch nicht den 2. (30 000 Mark), sondern nach monatelangem Nachbohren den 3. Preis: »Wertvoller Gold- oder Silberschmuck«. Der Versender schickte ein silbrig glänzendes Kettchen.

»Ich begreife nicht, daß so etwas praktiziert werden darf«, empört sich Edith Gerlof. Dutzende von kleinen Versandhausfirmen arbeiten mit den gleichen Tricks wie Clou. Sie werden regelmäßig wegen irreführender Werbung abgemahnt - und machen mit leicht abgewandelten Tricks weiter.

»Die Versandhäuser werden immer dreister«, merkte der Münchner Lektor Karl Friedrich Schäfer, der alle paar Tage eine »Gewinnbenachrichtigung« in seinem Briefkasten findet. Mit scheinbaren Supergewinnen wecken die Versender Interesse für ihren Plunder, meistens Billigstware aus Fernost.

Da gibt es die »Anti-Schnarch-Halsstütze« (29,95 Mark), den »Ananas-Schneider« (12,95 Mark), die »Hitzeverteilerplatte« für den Herd (14,95 Mark), die »Wunderschere« (19,95 Mark), Schonbezüge für die Waschmaschine und tausend andere Dinge, die der Mensch nicht allzu dringend braucht.

Fast jeder, der angeblich 30 000 oder 50 000 Mark gewonnen hat, bestellt etwas - vor allem, wenn auf dem Antwortcouvert für das Los die Frage »Bestellschein inliegend?« mit Ja oder Nein anzukreuzen ist.

Elvira Ritter aus dem schwäbischen Nusplingen hat schon viele Bestellformulare abgeschickt, vieles gewonnen und nichts erhalten. Mal gewann sie, wie sie glaubte, einen Wäschetrockner, mal ein Fernsehgerät. »Frau Ritter gewinnt garantiert die Summe von DM 50 000,-», hatte ihr der Versandhändler Euromail aus Malta geschrieben - immerhin erhielt sie dann eine Gewinngutschrift über 1,50 Mark, »gegen Ihre Bestellung verrechenbar«.

Die Firmen mit der Schmu-Werbung heißen Euromail oder Top 3, Tina, Ompex, Princess, Warimex, Isell, Saphir, Der schlanke Schnitt oder Kunst & Leben. Der Stuttgarter Verlag Das Beste, der neben seinem Readers Digest auch Produkte wie CDs verkauft, foppte mit Gewinnspielchen seine potentiellen Kunden ebenso wie der Niersteiner Weinversand Gerhardt Jakob.

Schon auf dem Umschlag versprechen viele Versandhäuser: »Sie haben gewonnen« (Clou) oder »Sie erhalten eines der wertvollsten Präsente, das je vergeben wurde!« (Ompex). Darauf fallen immer wieder vor allem ältere Menschen herein, die das Kleingedruckte nicht so recht verstehen.

Mit einem auffälligen gelben Aufkleber ("Rapid Kurier Zustelldienst Wertdienst") verschickte Kunst & Leben als Massendrucksache einen »Gewinner-Scheck« über 60 000 Mark, dazu Bestellformulare für »Schnarch-Stopper« oder Duftstäbchen. Seine Kundschaft habe »Freude an Verlosungen«, sagt Geschäftsführer Marc Gindorf. Die Lose mit dem Hauptgewinn von 30 000 Mark, so versichert er, würden unter Aufsicht eines Rechtsanwalts gezogen - den Namen des Anwalts verrät Gindorf nicht.

Natürlich ärgern sich viele Besteller, wenn sich ihr Hauptgewinn allenfalls als ein Stückchen hauchdünn versilbertes Blech entpuppt. So mancher wechselt zum nächsten Versender - und landet oft, ohne es zu ahnen, bei der gleichen Firma.

In dem Örtchen Schutterwald bei Offenburg sitzen gleich mehrere solcher Gesellschaften: Der Ompex Versand und seine Tochter Princess Versand, dazu die Warimex und Kunst & Leben. Eigentümer der Ompex ist eine Firma namens Interwarex im schweizerischen Glarus. Warimex und Kunst & Leben gehören dem Kaufmann Gindorf.

Kein Wunder, daß sich die schmalen Kataloge - kleines Format, billiges Papier - zum Verwechseln ähneln. Oft sind nicht nur die angebotenen Produkte identisch, sondern auch Fotos, Preise und Bestellnummern.

Unter der Bestellnummer 81 0888 bot beispielsweise der Münchner Clou Versand ein Set von drei Taschen an, für 49,90 Mark. Unter der Bestellnummer 81 0888 präsentierte der Straßburger Versender Fruits & Fleurs Focus die gleichen Taschen in identischer Aufmachung - fünf Pfennig teurer, für 49,95 Mark.

Wer einmal seine »Gewinnanforderung« mit einer Bestellung abgeschickt hat, braucht sich um weitere Werbepost nicht sorgen. Der Münchner Lektor Schäfer ist so einer, dessen Adresse reihum gegangen ist. Schäfer hat den Kram ein Jahr lang in Schuhkartons gesammelt.

108 »Gewinnbenachrichtigungen« bekam er während dieser Zeit zugeschickt: »Und ich kriege immer noch fast jeden Tag eine Mitteilung, daß ich 20 000 Mark gewonnen habe.«

Der Schmu der Versandhäuser rief längst auch den Berliner Verbraucherschutzverein auf den Plan. Gegen mehr als 60 Versandhausfirmen sind die Verbraucherschützer mit Abmahnungen und Unterlassungserklärungen vorgegangen, gegen einige besonders dreiste Firmen haben sie vor Gericht Geldbußen bis zu 200 000 Mark erstritten. Genützt hat es bisher wenig.

Der Verbraucherschutzverein muß immer wieder neue Abmahnungen verschicken. Vorstand Fritz Bultmann: »Eine geringfügige Veränderung in der Aufmachung, und das Spielchen geht weiter.«

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