Versteigerung Kabel, zum Letzten
Die Wehmut ist André Hoffmann anzumerken: "Es ist schon ein merkwürdiges Gefühl: Früher traf man sich zu rauschenden Festen, dann kamen die Pink-Slip-Partys - und jetzt treffen wir uns bei den Auktionen, wo das Inventar der Pleitiers versteigert wird." Besonders die rauschenden Feste von Peter Kabel seien legendär gewesen. Dort war auch Hoffmann zu Gast, als er noch ein Internet-Unternehmen besaß. Inzwischen ist er wieder auf die sichere Seite gewechselt und arbeitet als Investmentbanker.
Zwei Schreibtische werden aufgerufen, Designerstücke in Metall und Holz, mit Tischleuchten von Artemide, Containern und Stühlen. Schnell ist das Maximalgebot von 550 Euro erreicht. Auktionator Peter Schwarzrock erteilt den Zuschlag.
Die Schreibtische hatte der einstige Vorzeigeunternehmer der New Economy, Peter Kabel, anfertigen lassen, als es mit Kabel New Media nur bergauf ging. Hoffmann kennt die Legende, er war selbst einmal Internet-Pionier. Als das Ende der Fahnenstange absehbar wurde, verkaufte er sein Unternehmen Toyzone an den Metro-Konzern. Kabel dagegen schaffte den Absprung nicht mehr rechtzeitig. Im September 2001 musste er für sein Unternehmen Insolvenz . Geschäftsverbindungen und Ideen kaufte die Düsseldorfer Werbegruppe BBDO im Dezember. Der Rest kommt jetzt unter den Hammer.
Vier Container, Fabrikat Bisley, zwei Rolldrehstühle mit Armlehnen: 230 Euro. Neun laufende Meter Metallregal, zwei Meter hoch, keine Herstellerangabe: 350 Euro - nach und nach verteilt sich die Büroeinrichtung des Standorts Schanzenstraße auf die einzelnen Bieter.
Viele sind gekommen, zum letzten Abgesang des schillernden Internet-Stars. Rund tausend Besucher füllen den Großen Saal 304 der Handwerkskammer am Holstenwall in Hamburg. 700 davon bieten mit. Ein wenig scheint der Glitzer auf die Computer und Schreibtische abzufärben, denn die Gebote sind hoch. Roland Krieter, der noch Computer für seinen Schulungsraum sucht, bläst die Backen auf. 450 Euro für einen Pentium III PC mit acht GB Festplatte sind aufgerufen - 200 hätte er kosten dürfen, damit es sich lohnt.
Auktionator Schwarzrock sieht das natürlich aus einer ganz anderen Perspektive. Insgesamt hat er am Ende der Versteigerung 250.000 Euro in der Kasse. "Das ist ein sehr gutes Ergebnis. Normalerweise erlösen wir erheblich weniger."
Auch Hoffmann hatte sich ein Schnäppchen ausgerechnet, "aus rein privaten Motiven". Aber bei den Preisen winkt er ab. Ein Wasserspender vielleicht, Fabrikat Oasis? Aber noch bevor die Frage geklärt ist, ob er ein großes Modell ist, wie es auch in Kaufhäusern steht, ist der Hammer schon gefallen. Erlös: 70 Euro.
"Mit dieser Versteigerung setzt sich die original Kabel-Story nahtlos fort. Der hat sich immer schon viel besser verkauft, als er je wert war", lästert Hoffmanns Kollege. Im Grunde sei Kabel schon pleite gewesen, bevor er an die Börse gegangen sei. Aber das seien natürlich Gerüchte, beweisen können werde man ihm das kaum, ergänzt er.
Anfang Juni 1999 hatte Kabel seine kleine Multi-Media-Agentur an die Börse gebracht und mit dem dort erworbenen Geld ungehemmt Beteiligungen im In- und Ausland erworben. Binnen eines Jahres waren so elf Unternehmen zusammengekauft. Mit fast tausend Mitarbeitern zählte Kabel New Media zuletzt neben Pixelpark und GFT Technologies zu den größten deutschen Multimedia-Agenturen. Dass der Jahresfehlbetrag in Höhe von rund 65 Millionen Euro zuletzt fast genauso hoch ausgefallen war wie der Umsatz, schien nur wenige zu beeindrucken. Im Gegenteil: Noch vor gar nicht so langer Zeit wurde das Papier wärmstens zum Kauf empfohlen.
Inzwischen geht die Staatsanwaltschaft auch den Gerüchten nach, die sich hartnäckig halten. Die Ermittler wollen herausfinden, ob etwas dran ist an dem Verdacht, Kabel habe sein Unternehmen bewusst in die Insolvenz laufen lassen, um es nachher billig zurückkaufen zu können. Zuvor, im März 2000, auf dem Höhepunkt der New-Economy-Welle, soll der 39-Jährige 700.000 Aktien aus seinem Bestand verkauft und satte 50 Millionen Euro Gewinn eingestrichen haben.
Sei's drum - die Anleger werden zu den Verlierern zählen, so oder so. Auch von dem Auktionserlös haben sie nichts, der geht an die Gläubiger, die ihre Forderungen rechtzeitig haben sichern lassen. Das letzt Stück der Auktion brachte übrigens noch einmal zehn Euro - kein schlechter Preis für eine elektrische Schreibmaschine von Olympia. Wofür ein Dotcom-Unternehmen eine elektrische Schreibmaschine braucht, konnte Aktionator Schwarzrock allerdings nicht sagen.