Vertagtes Wunder - DER SPIEGEL
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FRANKREICH Vertagtes Wunder

Die französische Wirtschaft ist angeschlagen. Diesen Mittwoch will Premier Barre ein neues Heilungsprogramm verkünden.
• aus DER SPIEGEL 39/1976
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Frankreichs Staatschef, selbst ehemals Finanzminister, lobte den Professor: »Er ist der beste lebende Wirtschaftswissenschaftler der Nation.«

Der Hochgelobte ist Professor Raymond Barre, seit drei Wochen Frankreichs Premier-, Wirtschafts- und Finanzminister, dessen Hauptwerk, die »Economie Politique«, auf der Bestsellerliste national-ökonomischer Literatur steht.

Am Mittwoch dieser Woche nun wird Raymond Barre seine Theorien in die Realität umzusetzen suchen, wie es einst der deutsche Professor Karl Schiller tat. Der Premier wird die Nation darüber belehren,

* wie er die Inflationsrate, die nach Berechnungen der OECD in den nächsten Monaten auf zwölf Prozent ansteigen wird, zu stoppen oder zu verringern trachtet,

wo die annähernd eine Million Arbeitslosen (4,3 Prozent der Arbeitnehmer) Beschäftigung finden werden,

* ob das Haushaltsdefizit von etwa 10 Milliarden Mark ausgeglichen und der Franc, der seit März auf den internationalen Devisenmärkten rund zehn Prozent des Wertes einbüßte, stabilisiert werden können.

Doch der Premierminister, seit seiner Amtseinführung von den Pariser Postillen zum »Wunder-Mann« ("Nouvel Observateur") aufgebaut, warnte die Nation schon jetzt davor, »brillante und spektakuläre Aktionen« zu erwarten, die nur »vorübergehend den Inflations-Rhythmus mindern« und später »desto mehr anheizen würden

Die Franzosen aber wollen rasch etwas sehen: 79 Prozent von ihnen, so ermittelten Meinungsforscher, betrachten die Wirtschaftslage als »erschreckend«, und zunehmend bekommen die Franzosen die Deutschen als glanzvolle Beispiele vorgehalten.

»Die Gehälter steigen bei uns dreimal so schnell wie bei den Deutschen«, rechnete Premier Barre einem Gewerkschaftsführer vor. In acht Jahren seien die Preise in Frankreich doppelt so schnell gestiegen wie in Deutschland, notierte der »Express«. Und »es ist an der Zeit, sich zu erinnern, daß sich in Deutschland die Löhne nur um sechs, die Preise um 4,5 Prozent erhöht haben«, empfahl »L'Economiste«.

Ein Konsensus unter Frankreichs Sozialpartnern, der zu ähnlichen Ergebnissen führen könnte, aber ist, wie »Le Monde« argwöhnte' ein »Hirngespinst«. Noch bevor Premier Barre seinen Anti-Inflationsplan ausarbeiten konnte. hatten ihn die linken Gewerkschaften CFDT und CGT' die 70 Prozent der fünf Millionen gewerkschaftlich organisierten Arbeitnehmer vertreten, bereits abgelehnt.

Gewerkschafts-Führer Edmond Maire, der wie alle Gewerkschafts-Vertreter und Arbeitnehmer-Verbände vom Regierungschef zu Konsultationen in seinen Amtssitz Hotel Matignon gebeten worden war, erklärte dem Premierminister bündig: »Wir spielen nicht im selben Orchester.«

Nicht einmal auf Lohn- und Preisbeschränkungen wie im maroden Britannien wollte sich Maire einstimmen lassen: »Das bedeutet die Ungleichheit in diesem Land völlig zu festigen.«

Grundsätzliche Maßnahmen gegen die ungerechte Verteilung, assistierte dem Gewerkschaftsführer der linke Wirtschaftsexperte und Mitterrand-Berater Jacques Delors, sei wichtiger Bestandteil der Inflationsbekämpfung -- und damit liegt es traditionell im argen.

Gegenwärtig leben 600 000 Franzosen an der gesetzlich vorgeschriebenen Lohn-Mindestgrenze (8,58 Franc pro Arbeitsstunde, 24 Tage Urlaub). 20 Prozent der Haushalte am oberen Ende der Einkommensskala verfügten 1974 über 47,1 Prozent der gesamten Haushaltseinkommen der Nation, die Einkommensschwächsten (20 Prozent) verfügen über 4,2 Prozent.

»Man kann kaum sehen«, urteilt Mitterrands Delors über Barres Erfolgsaussichten, »daß die augenblickliche Regierungsmehrheit auf strukturelle Reformen eingeht, die das Leiden in seiner ganzen Tiefe heilen würde.«

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