Verunsicherte Börse Suche nach dem Tiefpunkt
Hamburg - Spektakulärer hätte die Woche für die deutsche Automobilindustrie kaum beginnen können. Volkswagen kündigte an, die Mehrheit am Lkw-Bauer Scania zu übernehmen. Zugleich gab der Porsche-Aufsichtsrat grünes Licht für die Übernahme von Volkswagen. Porsche-Chef Wendelin Wiedeking proklamierte nichts Geringeres als "die Schaffung einer der innovativsten und leistungsstärksten Automobilallianzen der Welt."
Doch die Anleger zuckten mit den Achseln, ein Kursfeuerwerk blieb aus. "Übernahmefantasien sind im aktuellen Preis dieser Aktien längst einkalkuliert", sagt Manfred Jaisfeld, Kapitalmarktanalyst der Essener National-Bank. Die Skepsis überwiegt.
Es sind andere Themen, die für Aufruhr an den Aktienmärkten sorgen. Zum Beispiel der extrem hohe Ölpreis - und die Bereitschaft des Opec-Kartells, überhaupt nichts daran zu ändern. Die Mitgliedstaaten lehnten es am Mittwoch wieder einmal ab, die Förderquoten zu erhöhen. Barrel-Preise von 105 Dollar und mehr lähmen nicht nur Autokonzerne, sondern alle konjunktursensiblen Branchen. Die Gewinnaussichten trüben sich ein - und belasten die Kurse.
Diese Tendenz wird verstärkt durch den Höhenflug des Euro, der die hiesige Exportwirtschaft empfindlich trifft. "Der Höhepunkt der Exportdynamik liegt mittlerweile hinter uns", schreiben Analysten der Unicredit , "das nachlassende weltweite Wachstumstempo und der starke Euro gehen nicht spurlos an der deutschen Industrie vorbei." Wer im Dollar-Raum mehr Produkte verkauft als herstellt, dem drohen empfindliche Einbußen.
Das gilt insbesondere für Autokonzerne wie BMW oder Daimler . Aber auch die meisten anderen Dax-Konzerne leiden unter der Euro-Hausse - ob BASF , Deutsche Telekom oder Adidas , die bis zu einem Drittel ihres Umsatzes in den Vereinigten Staaten machen.
Damit sind sie auch stark anfällig für die weitere Konjunkturentwicklung in den USA, und die sieht derzeit recht trübe aus. Das eilig geschnürte Konjunkturpaket von Präsident George W. Bush wird wohl frühestens im Sommer Wirkung zeigen, erwarten Analysten.
Hinzu kommt, dass die Finanzturbulenzen in den Vereinigten Staaten bei weitem nicht ausgestanden sind. "Dort haben wir längst keine reine Hypothekenkrise mehr, sondern eine handfeste Kreditkrise, die sich auch auf die klassischen Konsumentenkredite auswirkt", sagt Gerhard Schwarz, Chefstratege im Bereich weltweite Aktien bei der Unicredit. "Das ist weiterhin das größte Risiko."
Finanzwerte haben großes Gewicht im Dax
Ein weiterer Brandherd ist die Krise der Anleihenversicherer, der sogenannten Monoliner. Die erhoffte Finanzspritze für den US-Bondversicherer Ambac ist diese Woche ausgeblieben - und hat die Anleger weiter verunsichert. Zusätzlich belastet ein enttäuschendes Ergebnis des niederländischen Versicherers Aegon europaweit Versicherungsaktien, auch in Deutschland.
Das Gewicht der Finanz-, Versicherungs- und Autowerte im deutschen Börsenbarometer reicht schon aus, um den Indexkurs erheblich in Bewegung zu versetzen. Gemeinsam machen sie knapp 40 Prozent der gesamten Marktkapitalisierung aus. Damit ist der Dax stark empfänglich für die Probleme dieser Branchen.
Dass der Leitindex mittelfristig auf 6000 Punkte abrutscht, hält Schwarz durchaus für denkbar: "Momentan bewegt sich der Dax im Niemandsland, innerhalb der kommenden Wochen ist noch einiges möglich." National-Bank-Analyst Jaisfeld will selbst einen Absturz auf bis zu 5200 Punkte innerhalb der nächsten zwei bis drei Monate nicht ausschließen - allerdings nur im schlimmsten Fall. Für wahrscheinlicher hält er einen Rückgang auf 6200 bis 5900 Punkte. "Der kurzfristige Trend geht nach unten", sagt Jaisfeld. "Der Boden muss erst noch gefunden werden."
Bis Ende 2008 dürfte der Dax sich nach Meinung des Analysten wieder etwas erholen. Um an die glorreichen Zeiten des vergangenen Jahres anzuknüpfen, darf die Konjunktur jedoch nicht stärker abkühlen als bislang erwartet. "Sollte es zu einer Rezession in den USA kommen, dürfte der Dax am Ende des Jahres nur knapp über 7000 Zählern notieren", befürchtet Aktienstratege Schwarz. Hält die US-Ökonomie sich dagegen einigermaßen wacker, dürfte der Leitindex laut Unicredit bei 7900 landen.
Ob es im zweiten Halbjahr noch zu einer Rally kommt oder nicht: In nächster Zeit werden Anleger wohl nur dann Geld in größere Aktienpakete investieren, wenn sie wirklich Spaß am Risiko haben. Das gilt vor allem für Banken und Versicherer: "Bei Finanztiteln sollte man weiterhin große Vorsicht walten lassen", sagt Analyst Jaisfeld. Viele Marktteilnehmer bevorzugen derzeit Rohstoffinvestments - und treiben den Ölpreis damit weiter in die Höhe. Zum Leidwesen der Autobranche.