Verzinsung 2007 Lebensversicherer bleiben knauserig
Hamburg - Der Branchenführer wird im kommenden Jahr die durchschnittliche Gesamtverzinsung für Lebensversicherungen bei 4,5 Prozent belassen. Unter Experten gilt als ausgemacht: Mit der Entscheidung der Allianz ist die Richtung für die Branche vorgegeben.
Einzelne schwächere Unternehmen sind der Allianz zwar bereits zuvorgekommen und haben eine höhere Verzinsung der angekündigt - so etwa Axa, Victoria oder die Gothaer Leben. Aber auch damit dürften sie für das kommende Jahr unter dem Branchenschnitt bleiben.
Kunden etwa des Direktversicherers Europa sind dagegen noch gut bedient. 5,4 Prozent wird das Unternehmen seinen Versicherten auch im kommenden Jahr gutschreiben, 5,1 Prozent sind es bei der Debeka. Einige andere Spitzenreiter dürften dagegen ihre Ausschüttung eher senken. So schraubt etwa die Asstel die Gesamtverzinsung von 5,1 auf 4,8 Prozent herunter, wie ein Sprecher erklärt. Im Marktschnitt erwarten Experten eine Gesamtverzinsung von 4,36 Prozent und damit nur wenig mehr als im Vorjahr (4,22 Prozent).
Nun gelten Lebensversicherte nicht gerade als Renditejäger. Doch vielen von ihnen dürfte nach mehreren Jahren deutlicher Einschnitte bei der Verzinsung allmählich der Geduldsfaden reißen. Hat der Dax doch seit Jahresbeginn rund 22 Prozent zugelegt. Und auch auf dem für die Versicherer wichtigen Anleihemarkt sind die Renditen gestiegen. So werfen etwa zehnjährige Bundesanleihen derzeit rund 3,80 Prozent ab und damit gut 40 Basispunkte mehr als noch zu Jahresbeginn.
"Die Satten bleiben auf ihrem Geld sitzen"
Gleichwohl bleiben die meisten Anbieter knauserig. "Ein paar Fußkranke schleppen sich ins Mittelfeld. Und die Satten bleiben auf ihrem Geld sitzen oder schütten es an ihre Aktionäre aus", kritisiert Manfred Poweleit vom Branchendienst Map-Report den sich abzeichnenden Trend - sein Geduldsfaden ist mittlerweile gerissen.
"Das ist ein Frechheit", poltert Poweleit gegen die Allianz Leben. Der Marktführer lasse die Gesamtverzinsung unverändert, obwohl das Unternehmen in den vergangenen fünf Jahren eine durchschnittliche Nettorendite von 5,96 Prozent auf seine Kapitalanlagen erwirtschaftet habe, also auch zu schlimmsten Börsenzeiten in Deutschland.
Nicht genug: Der Allianz-Konzernbericht weist laut Poweleit für die ersten drei Quartale 2006 nahezu eine Verdoppelung des operativen Ergebnisses aus der deutschen Lebensversicherung von 232 auf 454 Euro Millionen aus. Ein Ergebniseinbruch im vierten Quartal ist angesichts des positiven Marktumfeldes nur schwer vorstellbar. "Von einem derart finanzkräftigen und ertragsstarken Unternehmen erwarte ich, dass es sich auch in der Lebensversicherung bemüht, den Abstand zur Leistungsspitze des Marktes spürbar zu verringern", fordert der Versicherungsexperte.
"Fatales Signal für die Branche und das Produkt"
Folglich negativ fällt das Fazit des Versicherungsexperten aus: Die Entscheidung der Allianz Leben, die Verzinsung nicht zu erhöhen, sei "nicht nur ein fatales Signal für die Branche und das Produkt Lebensversicherung", sagt Poweleit. Sie führe zugleich die Begründung von Massenentlassungen im Zuge der Konzernumstrukturierung ad absurdum.
Die Allianz Leben hält entgegen, die Nettorendite auf Kapitalanlagen der vergangenen Jahre könne nicht der Maßstab für in die Zukunft gerichtete Entscheidungen sein. "Entscheidend ist, was wir für das nächste Jahr erwarten. Und bei der Entwicklung der Anleiherenditen sind wir eher verhalten optimistisch", sagt Sprecher Eckard Marten.
Allerdings dürfte der Branchenführer mit einer vergleichsweise hohen Aktiequote von rund 20 Prozent im Gegensatz zu den Mitbewerbern in diesem Jahr besonders von den steigenden Aktienmärkten profitiert haben. "Während der Börsenbaisse sind wir dafür scharf kritisiert worden", sagt Marten und erklärt zugleich, dass die Allianz Leben bewusst nicht alle Erträge ihren Kunden sofort gutschreibe.
Theoretisch hätte der Branchenführer seine laufende Gesamtverzinsung für das kommende Jahr auf 4,7 oder 4,8 Prozent hochfahren können. "Das will ich gar nicht bestreiten", räumt der Allianz-Sprecher ein, wirbt aber um Verständnis. Es gehe darum für schlechte Zeiten an den Kapitalmärkten vorzusorgen, um dann auch in dieser Phase den Kunden eine stabile Verzinszung bieten zu können. "Wir wollen kein Aktienfonds sein, der jedes Jahr rauf und runter dreht", sagt Marten. Deshalb werde die Allianz Leben ihre Reserven weiter erhöhen.
Risiken drohen durch das neue VVG
Für eine Ausschüttungspolitik mit Augenmaß sprechen laut Marten auch die Risiken, die auf die Branche mit dem neuen Versicherungsvertragsgesetz (VVG) zukommen könnten. Der Regierungsentwurf wird noch heiß diskutiert. Die VVG-Novelle verpflichtet die Versicherer, 50 Prozent aller stillen Reserven dem Kunden gutzuschreiben - auch dann, wenn er seinen Vertrag vorzeitig kündigt. Stille Reserven entstehen immer dann, wenn zum Bespiel eine Aktie an den Märkten höher notiert ist als sie in den Büchern des Versicherers steht.
Die Allianz Leben müsse hier grundsätzlich von dem "schlimmsten Fall" ausgehen, dass sich Kunden also noch stärker als bisher aus Lebensversicherungen herausziehen, weil sie der Meinung seien, sie könnten woanders eine höhere Rendite erzielen, sagt Marten. "Wir können nicht ausschließen, dass dies zunimmt und gegen uns spekuliert wird."
Mittlerweile kündigt nahezu jeder zweite Lebensversicherte seinen Vertrag vorzeitig. Sollte die VVG-Novelle tatsächlich so Gesetz werden, können die Abbrecher mit höheren Restwerten rechnen. Damit aber die Durchhaltewilligen nicht schlechter abschneiden, sind nach Informationen aus Branchenkreisen auch andere Gesellschaften dabei, ihren Schlussgewinnanteil zu erhöhen. Immerhin scheinen sich die Kontrahenten hier halbwegs einig zu sein. "Mit absurden Regelungen im VVG-Entwurf schafft der Verbraucherschutz neue Anlässe für die Assekuranz, Rückstellungen zu bilden", sagt Poweleit.