Veto gegen ProSieben-Übernahme Springer muss umschalten
Hamburg Mathias Döpfner ahnte wohl schon, dass der Tag unerquicklich enden würde, als er am Vormittag die Gäste beim Neujahrsempfang seines Verlages begrüßte. Der Springer-Chef hielt dort eine Rede, die im Tonfall zwischen Galgenhumor und bitteren Schuldzuweisungen oszillierte. Wenn der eigentlich im August besiegelte Kauf der TV-Kette ProSiebenSat.1 doch noch am Veto der Aufsichtsstellen scheitern würde, werde Springer das "sportlich nehmen", gelobte Döpfner scheinbar jovial - zog dann aber mächtig vom Leder.
Dem Kartellamt warf er zwischen den Zeilen Befangenheit und schlampige Arbeit vor. Kompromissvorschläge des Verlages hätten die Kartellwächter schon "wenige Stunden" nach Einreichung der Unterlagen abgelehnt, wunderte er sich. Die Medienkommission KEK wiederum rückte er in die Nähe sozialistischer Planwirtschaften. Von Springer habe die KEK die Einrichtung eines neuen Aufsichtsgremiums verlangt, ätzte Döpfner, gegen das "die DDR wie ein ordoliberales Wirtschaftsparadies wirke."
Zur selben Zeit tagten die Mitglieder der KEK in Potsdam, um über Springers TV-Pläne zu beraten. Kaum anzunehmen, dass Döpfners öffentliche Schelte die Medienkommissare sonderlich amüsierte.
Warum Springer noch hofft
Um 16.03 Uhr kam es dann auch wie erwartet: "KEK lehnt Fusion von Springer und ProSiebenSat.1 ab", meldete die Nachrichtenagentur DDP als Erste. Die Übernahme würde zu einer "vorherrschenden Meinungsmacht" Springers führen, weil zur auflagenstarken "Bild"-Zeitung noch eine wichtige TV-Gruppe hinzugefügt werde. Döpfners Vorhaben sei deshalb "nicht genehmigungsfähig". Bleibt es dabei, müsste der bisherige Besitzer von ProSiebenSat.1, das Konsortium um den US-Investor Haim Saban, einen neuen Käufer suchen. Tatsächlich gebe es mehrere Interessenten, ließ Saban seine Gefolgsleute streuen und vielleicht würden sie sogar noch mehr zahlen als die geschätzten 2,4 Milliarden Euro, die Springer ausgeben wollte.
Müssen Döpfner und die Verlagserbin Friede Springer ihre TV-Ambitionen nun ein für allemal beerdigen? Springer-Sprecherin Edda Fels mühte sich am späten Nachmittag, Optimismus zu verbreiten. Von Kapitulation will bei Springer vorerst niemand reden, jedenfalls nicht öffentlich: "Wir geben nicht auf."
Döpfners "Best Case"-Szenario: Tatsächlich könnte der Verlag sich aus der verfahrenen Lage doch noch herausmanövrieren. Denn auch nach dem Veto der KEK ist möglich, dass die 15 Landesmedienanstalten den Beschluss wieder aufheben. Deren Direktoren kommen bereits am Freitag zu den nächsten Beratungen zusammen - und könnten bei einem späteren Termin über die Angelegenheit abstimmen.
Dazu müsste einer der drei für ProSiebenSat.1 zuständigen Landesdirektoren einen Antrag stellen. Dieser könnte zum Beispiel aus Bayern kommen der Freistaat ist schon aus standortpolitischen Gründen daran interessiert, dass die Münchner TV-Gruppe nicht an einen rein renditefixierten Finanzinvestor fällt, der sie womöglich in Einzelteile zerlegt.
Die nötige Drei-Viertel-Mehrheit der Landesdirektoren wird Springer aber wohl nur bekommen, wenn der Verlag neue Konzessionen anbietet. Dazu scheint er bereit Verlagssprecherin Fels deutete an, Springer könnte einen der beiden großen TV-Sender, entweder ProSieben oder Sat.1, an einen Dritten abstoßen. Tatsächlich soll Springer am Wochenende mit der luxemburgischen TV-Holding TVSL (ehemals SBS) über den Verkauf von ProSieben verhandelt haben. TVSL wird vom Schweizer Markus Tellenbach geführt und gehört den Finanzinvestoren Kohlberg Kravis Roberts und Permira letzterer sammelte schon als zeitweiliger Premiere-Besitzer Erfahrung im deutschen TV-Geschäft.
Kein Mangel an Fernsehfans
Weitere Interessenten stehen geradezu Schlange: Der französische TV-Sender TF1 mühte sich schon bei Saban um den Zuschlag für ProSiebenSat.1 und schlug danach auch Döpfner vor, man könne sich verbünden und die TV-Kette untereinander aufteilen, um die Kontrolleure zu befrieden. Die US-Fernsehkette NBC, die in Deutschland "Das Vierte" betreibt, soll ebenfalls Interesse an einem solchen Deal haben, auch wenn sie öffentlich dementiert.
Bisher hatte Döpfner eine Aufteilung der Sender immer abgelehnt - nun scheint er notgedrungen bereit, sie doch zu akzeptieren.
Damit würde der Verlag auch eine Schlüsselforderung des Kartellamtes erfüllen. Das hatte die Springer-Pläne bisher ebenfalls vehement abgelehnt. In einem negativen Zwischenbescheid drängte es den Verlag am vergangenen Freitag, sich entweder von ProSieben, Sat.1 oder sogar der "Bild"-Zeitung zu trennen. Ansonsten würde auch das Kartellamt ein Veto aussprechen, wenn es am 20. Januar in der Angelegenheit entscheidet.
Döpfners "Worst Case"-Szenario: Weil die ProSieben-Übernahme innenpolitisch so umstritten ist wie bisher keine Medienfusion vor ihr, könnte es aber auch anders kommen: Trotz neuer Zugeständnisse könnte Springer die nötige Mehrheit unter den Direktoren der Landesmedienanstalten verfehlen. Selbst ein positiver Entscheid des Kartellamtes würde dem Verlag dann nicht mehr helfen.
Dass Springer gegen negative Beschlüsse der KEK oder des Kartellamtes vor Gericht geht oder beim Wirtschaftsminister Michael Glos (CSU) eine Kartell-Sondererlaubnis beantragt, ist kaum noch zu erwarten. Der Klageweg könnte anderthalb Jahre beanspruchen und am Ende einer solchen teuren Hängepartie könnte immer noch ein Verbot stehen. Auch der Weg zu einer Ministererlaubnis wäre langwierig und ungewiss. Döpfner hat außerdem selbst im Fall der gescheiterten Übernahme der "Berliner Zeitung" durch Holtzbrinck postuliert, Verlage sollten nicht mit politischen Mitteln versuchen, wirtschaftliche Ziele zu erreichen.
Welches der Szenarien eintritt, liegt in Döpfners Hand alles kommt darauf an, zu welchen Zugeständnissen er bereit ist. Immer noch ist möglich, dass Springer in internen Diskussionen entscheidet, die Forderungen gingen zu weit. In den vergangenen Tagen hatte es mehrfach geheißen, dass die Verlagsmanager kurz davor stünden, den Bettel hinzuwerfen die Wahrscheinlichkeit einer Kapitulation liege bei "60 zu 40", wurde kolportiert.
Eines ist sicher: Springer hat nicht viel Zeit. Dem Kartellamt muss der Verlag bis mittags am 12. Januar darlegen, warum es von seiner ablehnenden Haltung abrücken solle. Auch der Beschluss der Landesmedienanstalten, über das KEK-Veto abzustimmen, müsste binnen eines Monats gefällt werden.
Auf, auf ins Ausland?
Wenn die Übernahme von ProSiebenSat.1 platzt, wäre das ein mächtiger Dämpfer für Döpfner und würde vor allem Friede Springer ins Herz treffen sie hatte immer gehofft, dass der hoch gewachsene Verlagschef die TV-Ambitionen ihres verstorbenen Mannes doch noch in die Tat umsetzen könnte. Dennoch wird Springer wohl weiter vom Fernsehen träumen auch weil das Print-Geschäft mit Zeitschriften ("Hörzu", "Funk Uhr") und Zeitungen ("Welt", "Hamburger Abendblatt") in den kommenden Jahren nur noch schwieriger werden kann.
In Deutschland aber käme das "Bild"-Zeitungshaus dann wohl nicht mehr zum Zug: Dass noch einmal eines der heimischen TV-Schwergewichte zum Verkauf steht, ist in den nächsten Jahren kaum zu erwarten. Springer hätte seine historische Chance verpasst.
Döpfner scheint sich mit diesem Gedanken schon angefreundet zu haben. Wenn die Übernahme nicht gelinge, versprach er beim Neujahrsempfang am Vormittag, würde Springer eben sein "Glück im Ausland versuchen".
Matthias Streitz