Beschäftigung Viel Arbeit, wenig Geld
Gene McDowell hat mal wieder nicht viel zu tun. Nur ein paar von den fünf Meter langen Aluminiumstangen muß er noch in eine Holzkiste packen und versandfertig machen. Dann wird er wieder Daumen drehen.
Weil im Lager der kleinen Metallhandelsfirma von York im US-Staat Pennsylvania wenig Arbeit anfällt, wird der Job nur schlecht bezahlt. Magere 7 Dollar verdient McDowell pro Stunde, im Monat nicht viel mehr als 1100 Dollar.
Wehmütig denkt der Arbeiter an seinen Job bei Caterpillar in seiner Heimatstadt Cleveland zurück: »Das war eine anständige Firma mit guter Bezahlung.« Doch der Baumaschinenkonzern schloß 1988 das Werk und verlegte die Fertigung komplett ins billige Korea.
Die Firma bot McDowell zwar einen neuen Arbeitsplatz an, für 17 Dollar die Stunde, allerdings in York, 400 Meilen südöstlich von Cleveland. Die McDowells zogen um. Dann aber holte die Krise Caterpillar auch in Pennsylvania ein, und der Familienvater stand 1991 wieder auf der Straße.
Einen gutbezahlten Job fand er nicht mehr. »Jetzt können wir es uns nicht einmal leisten, nach Cleveland zurückzugehen«, klagt McDowell. Allein für die Miete braucht er 350 Dollar im Monat; die unbezahlten Rechnungen für Gas, Strom und Wasser stapeln sich. »Ich bin mit allen Zahlungen in Verzug«, jammert er. »Schlimm, wo wir gelandet sind.«
McDowells gedrückte Stimmung steht in krassem Gegensatz zum überschäumenden Optimismus in der boomenden amerikanischen Wirtschaft. Nach Jahren der Krise wächst das Sozialprodukt überraschend stark, die Zahl der Arbeitsplätze nimmt zu.
Doch McDowell weiß, dieser Aufschwung findet ohne ihn statt. Seit sich das Einkommen mehr als halbiert hat, gehört die vierköpfige Familie zum Heer der offiziell Armen, die weniger als 1200 Dollar im Monat verdienen.
In der führenden Industrienation der Welt ist die Zahl der Armen seit 1989 um mehr als 5 Millionen Menschen gewachsen. Heute leben etwa 37 Millionen Amerikaner unterhalb der offiziellen Armutsgrenze, das ist der höchste Stand seit 1962.
Um im immer härter werdenden internationalen Wettbewerb bestehen zu können, hat sich die amerikanische Volkswirtschaft in den vergangenen Jahren radikal verändert. Wie Gene McDowell müssen Millionen von Amerikanern als Folge dieses Strukturwandels drastische Einkommensverluste hinnehmen. Massenentlassungen, Werkschließungen, Produktionskürzungen, billige Importe und die Verlagerung von Fabriken in Niedriglohnländer haben die Gewerkschaften geschwächt und Druck auf die US-Löhne ausgeübt.
Ist eine ähnliche Entwicklung in Deutschland und den anderen westlichen Industrieländern unausweichlich? Kann die Arbeitslosigkeit, die auch bei einem Wirtschaftsaufschwung kaum nennenswert sinken wird, nur mit niedrigeren Löhnen und einer Öffnung des Tarifsystems bekämpft werden? Auf einem sogenannten Job-Gipfel beraten Minister der sieben führenden Wirtschaftsmächte diese Woche darüber in Detroit.
Die Teilnehmer können die Folgen des amerikanischen Kurses vor Ort beobachten. Nicht nur die Armut hat sich weiter ausgebreitet, die große Mehrheit der Amerikaner verdient heute real nur gerade soviel wie vor 20 Jahren.
Auch Jeanette Maldonado, 20, gehört zu denen, die arm sind, obwohl sie einen Ganztagsjob haben. Vor drei Jahren kam sie aus Puerto Rico in die USA, seit Oktober arbeitet sie am Ortsausgang von York für 4,50 Dollar die Stunde in einer Filiale von Kentucky Fried Chicken, einer Hühnchen-Imbißkette des Pepsico-Konzerns.
»Ich mache den Job gern«, behauptet die unverheiratete Mutter einer zweijährigen Tochter. Positives aber fällt ihr über ihren neunstündigen Arbeitstag nicht ein. Manchmal gebe es nicht einmal eine Pause, klagt sie, und in der Küche sei es brütend heiß. Mit den Zuwendungen und den Lebensmittelmarken von der Wohlfahrt hat sie über 1000 Dollar. »Damit komme ich aus«, sagt sie.
Die erfolgreiche Job-Maschine Amerika hat seit 1972 über 34 Millionen Arbeitsplätze geschaffen, die bevölkerungsstärkere europäische Wirtschaft brachte es in der gleichen Zeit auf nur etwa 10 Millionen. Doch die große Mehrheit der neuen US-Jobs entstand dort, wo am schlechtesten bezahlt wird: im Einzelhandel und in der Gastronomie. Zusammen stellen diese Branchen über 45 Prozent der amerikanischen Arbeitsplätze.
Daß diese Entwicklung für Europa Vorbild sein kann, findet Jared Bernstein vom Economic Policy Institute in Washington nicht. »Arbeitsplätze werden doch geschaffen, um den Wohlstand zu steigern«, sagt der Kritiker der amerikanischen Wirtschaftspolitik.
Für Tony Lewandowski war der amerikanische Weg, die Probleme des Arbeitsmarktes mit Hilfe billiger Servicejobs zu lösen, auf jeden Fall fatal. Nach 12 Berufsjahren ist er dort gelandet, wo nach der Legende die amerikanischen Karrieren beginnen: ganz unten. Mit 32 Jahren hat er den beruflichen Absturz von McDonnell zu McDonald's hinter sich.
Der Elektronik-Entwicklungsingenieur aus dem Staat New York hatte zunächst bei dem Waffenkonzern Grumman auf Long Island an einem Kampfflugzeug gearbeitet. Er ging 1988 nach Kalifornien und bekam eine gut dotierte Stelle beim Flugzeughersteller McDonnell Douglas.
Dann brach der Markt für Passagierflieger zusammen. Der Konzern begann, Tausende von Arbeitsplätzen zu streichen. Lewandowski bekam den Brief mit der sofortigen Kündigung im Juni 1990. »Ich war völlig überrascht«, sagt er, »denn einen Monat zuvor hatten sie mir noch eine Gehaltserhöhung gegeben.«
Plötzlich mußte der Ingenieur mit Frau und zweijährigem Sohn von staatlichen Essensmarken und 230 Dollar Arbeitslosengeld in der Woche leben. Bei McDonnell Douglas hatte er monatlich über 4000 Dollar verdient. Einen neuen Job fand er nicht. Sein Wissen war viel zu speziell.
Nach einem halben Jahr erfolgloser Suche begann Lewandowski, Fenster zu putzen. Er ließ sich als Nachtwächter einer Fabrik einstellen, arbeitete als Gärtner und bei Bauern. Als ihm gar nichts mehr einfiel, bewarb er sich im November bei einem McDonald's-Restaurant in seiner Nachbarschaft. Gnädig wurde er zum Minimumlohn eingestellt. »Zur Probe«, hieß es.
Mittlerweile hat sich Lewandowski schon leicht verbessert. Er verdient jetzt sechs Dollar die Stunde. Für das Geld muß er fünfmal in der Woche nachts das Hamburger-Restaurant komplett warten und reinigen.
Noch immer wird der Elektroniker wütend, wenn er an das McDonald's-Bewerbungsformular denkt, das er ausfüllen mußte. Darauf stand die absurdeste Frage, die ihm je gestellt wurde: »Warum wollen Sie einen neuen Berufsweg einschlagen?« Y