TOURISMUS Viel Platz am Pool
Was ist nur auf Mallorca los? Jahrelang füllten stets die gleichen Schlagzeilen die Gazetten: »Wg. Überfüllung geschlossen« und »Vor dem Kollaps«. Sommer für Sommer lieferte die Balearen-Insel den angereisten Reportern die ewig ähnlichen Bilder von Sonne, Sex und Saufen. Urlaub und Mallorca - das war für viele Deutsche eins.
Diesmal ist alles anders. Fast jede Woche verdüstern Nachrichten aus Palma und Umgebung das Bild der Urlaubsinsel. Gerade erst meldeten spanische Zeitungen, dass die baskische Untergrundorganisation Eta ihre »Revolutionssteuer« nun auch von mallorquinischen Tourismus-Unternehmern erpresst. Aber auch harmlose Urlauber zahlen drauf: »Stau, Stress und extreme Strafen«, titelte »Autobild« Ende Juni über den Verkehr auf Mallorca - mehr als 600 000 Autos bescheren der Insel einen neuen Rekord, sie hat die höchste Verkehrsdichte weltweit.
Und so geht es immer fort. Ökosteuer für Touristen, Wassermangel und Stromausfall prägen die Mallorca-Schlagzeilen der Saison.
Schlimmer noch: Jetzt bleiben auch die Urlauber aus. Unisono klagen Deutschlands Touristik-Veranstalter über drastisch niedrige Gästezahlen auf Mallorca - und nicht nur dort, auch die Kanaren und das spanische Festland haben deutlich weniger Buchungen als geplant. Portugal, Griechenland und Tunesien: derselbe Befund. Selbst aktuelle Boomziele wie Ägypten oder die Türkei können, Jubelmeldungen der TUI ("dreistelliges prozentuales Plus") zum Trotz, den Negativtrend der Saison nicht umkehren: Terror und Erdbeben hatten in diesen Ländern zuvor den Tourismus fast komplett zum Erliegen gebracht.
Sommer 2000, das bedeutet Schnäppchen satt für alle Kurzentschlossenen. Und eine gewaltige Zitterpartie für die Reiseveranstalter. Fast alle großen Urlaubskonzerne hatten den Positiv-Trend der Vergangenheit mit Zuwächsen von bis zu zehn Prozent pro Jahr blauäugig fortgeschrieben. Einige packten sogar noch einige Prozentpunkte drauf, in der Hoffnung, der Konkurrenz Marktanteile abzujagen.
Jetzt bleiben die Touristikunternehmen auf ihren Hotelbetten sitzen, Charterflüge werden zusammengelegt oder gleich ganz gestrichen. Schon für die Monate Januar bis Mai stehen die Pauschalreisen mit 2,4 Prozent im Minus - der erste Buchungsrückgang seit Jahren. Auch im Juni lief das Geschäft eher schleppend. »Man wird krank drüber«, beklagt Jutta Zedelmaier, Präsidentin im Bundesverband mittelständischer Reiseunternehmen, die »miserablen Zahlen«.
Für Wolfgang John, Chef des Charterfliegers Aero Lloyd, herrscht schon jetzt »nackte Angst« in der Branche, obwohl die Ferien noch nicht einmal überall begonnen haben. »Die ersten sechs Monate des Jahres«, stöhnt Dietmar Gunz, Gründer von Frosch Touristik (FTI), »waren voll daneben.«
Selten zuvor hat sich die Branche so spektakulär verschätzt. Und das Schlimme ist: An ihrer misslichen Lage sind die Reiseriesen selbst schuld.
Jahrelang hatten Großveranstalter wie Neckermann, LTU oder FTI den Urlaubern eingehämmert, dass bei Pauschalreisen vor allem eines zählt, der Preis, und der musste von Jahr zu Jahr günstiger sein.
Statt Gäste mit maßgeschneiderten Angeboten zu locken, verschleuderten sie ihre Standardpakete zu Dumpingtarifen und werteten sie so ohne Not ab. Um die selbst gezüchtete Hoffnung der Verbraucher auf immer neue Schnäppchen nicht zu enttäuschen, mussten sie auch Flugsitze und Hotelbetten möglichst günstig und in großen Mengen einkaufen. Deshalb schluckten die Urlaubskonzerne in den letzten Jahren im großen Stil kleinere Konkurrenten und schlossen sich mit Fluggesellschaften und Reisebüroketten zu straff organisierten Komplettanbietern zusammen.
Doch in ihrem Eifer, immer mehr Menschen in ihre eng bestuhlten Maschinen zu locken, haben die Touristikmanager ein wichtiges Problem übersehen. Ihre Rechnung geht nur auf, wenn die Urlauber das massenhafte Angebot auch nutzen. Die allerdings denken dieses Jahr gar nicht daran, den Pauschalveranstaltern aus der Patsche zu helfen.
»Die Leute bleiben lieber zu Hause und machen Radtouren in die Umgebung«, erklärt Hinrich Bischoff, Chef der Berliner Ferienfluggesellschaft Germania. Und wer doch verreist, kann sich freuen: Auf den Flügen der Mallorca-Rennstrecke, in den vergangenen Jahren in der Hauptsaison oft übervoll, ist wenigstens dieses Jahr so viel Platz, dass es kaum noch zu Reibereien mit dem Sitznachbarn kommt.
Die Fehlkalkulation der Konzernchefs hat schon jetzt gigantische Löcher in die Bilanzen ihrer Unternehmen gerissen. »Selbst wenn der Rest der Saison gut läuft«, klagt FTI-Chef Gunz, »ist der Rückstand kaum noch aufzuholen.« Allein bei dem Münchner Billiganbieter fielen in den ersten sechs Monaten des Geschäftsjahres, das branchenweit im September endet, weit über hundert Millionen Mark Verlust an.
Für Großveranstalter bedeutet schon ein Prozent weniger Auslastung im Ergebnis zweistellige Millioneneinbußen. Stefan Pichler, Chef von Condor & Neckermann (C&N), erklärt die Balearen und Kanaren bereits zu den eindeutigen Verlierern der Saison, die Preussag-Tochter TUI meldet besonders rückläufige Zahlen für ganz Spanien, vor allem aber für Mallorca. Das hat fatale Folgen, denn die spanischen Urlaubsinseln sind für beide Veranstalter Hauptmarkt mit einem Umsatzanteil von etwa 40 Prozent.
Selbst die positiven Konjunkturdaten können die verpatzte Saison kaum mehr retten: »Das ist ja das Perverse«, sagt Werner Bilgram, bei FTI für das Geschäft mit Pauschalreisen verantwortlich - die gesamtwirtschaftliche Lage sei besser denn je, die Arbeitslosigkeit sinkt, und trotzdem buchen die Leute nicht. Den Reiseveranstaltern geht es damit wie der Bundesregierung: Die guten Wirtschaftsdaten beeindrucken kaum jemanden, stattdessen prägen Rentenangst und Spritpreise die Debatte.
In ihrer Not feilen die Veranstalter derzeit hektisch an neuen Konzepten, die wenigstens im nächsten Jahr wieder mehr Kunden locken sollen. Busausflüge am Ferienort etwa gelten künftig als mega-out. Urlauber wollen, so glauben es die Marktforscher der TUI, »Land und Leute light« lieber auf eigene Faust mit dem Mietwagen erkunden.
Massentourismus wie gehabt also, nur sollen es die neuerdings Ich-verliebten
deutschen Sommerfrischler künftig nicht so merken: »Alles, was sich mit der Pflege des Körpers und Egos beschäftigt, wird stärker werden«, erwarten die TUI-Strategen.
Für die laufende Urlaubssaison kommt die geplante Qualitätsoffensive allerdings zu spät. Unter den schlechten Nachrichten aus Spanien leidet auch die börsennotierte TUI-Mutter Preussag. Die Aktie des ehemaligen Mischkonzerns befindet sich schon ein ganzes Jahr lang im Sinkflug. Zusätzlich verunsichert wurden die Anleger durch die im Mai angekündigte Übernahme des britischen Marktführers Thomsen für rund sechs Milliarden Mark; seither fiel der Kurs nochmals um über elf Prozent.
Ein hoher Preis, doch dafür hat sich das einst stahllastige Unternehmen aus Hannover inzwischen zu einem stramm durchorganisierten Urlaubs-Giganten gewandelt, der wie die Konkurrenz von C&N den Kunden vom Flugticket bis zum Hotelzimmer alles aus einer Hand im eigenen Reisebüro verkauft. Urlauberströme können Europas Marktführer somit leichter umlenken, wenn ein Zielgebiet schlecht läuft.
Das allein allerdings reicht wohl in diesem Jahr nicht aus. Die Strategen der Lufthansa- und Karstadt-Tochter C&N überlegen deshalb schon, ob sie ihre riesige Flotte aus 42 Maschinen reduzieren oder zumindest einige davon durch kleinere Jets ersetzen.
Der Marktführer TUI hat bereits Fremdaufträge storniert, die er an kleinere Ferienfluggesellschaften vergeben hatte und nicht mehr benötigt. »Das Konzept, einfach Kapazitäten in den Markt zu stellen und zu hoffen, dass sie auch verkauft werden«, prophezeit C&N-Vorstand Willi Schoppen, »geht einfach nicht mehr auf.«
Noch schwerer haben es Veranstalter wie FTI oder der viertgrößte deutsche Urlaubskonzern LTU. Diese Unternehmen besitzen zwar eigene Fluggesellschaften, aber keine firmeneigenen Reisebüroketten, die sie zwingen können, die eigenen Reisen stärker zu verkaufen. Deshalb drängen sie mit Sonderangeboten auf den Markt, von denen selbst die von Schnäppchen verwöhnten Deutschen bislang nur träumen konnten. Der Münchner Billiganbieter FTI bietet eine Woche Kreta inklusive Übernachtung und Halbpension in der Hochsaison inzwischen schon für knapp 700 Mark an. Die Düsseldorfer LTU fliegt Spanien-Fans derzeit für 229 Mark auf die Mallorca-Nachbarinsel Menorca.
Ob die angeschlagene Swissair-Tochter LTU mit ihrem Charter-Carrier und ihren Veranstaltern durch solche Ausverkaufsaktionen noch zu retten ist, bleibt allerdings fraglich. »Wir werden in diesem Jahr vermutlich erneut eine spürbare Marktbereinigung erleben«, warnt C&N-Mann Schoppen.
Die dürfte spätestens in der kommenden Wintersaison beginnen. Die meisten Chartergesellschaften brauchen Preiserhöhungen von mindestens vier Prozent, um den hohen Dollarkurs, die Kosten für die drastisch gestiegenen Kerosinpreise und immer neue Flughafenabgaben auszugleichen.
Doch das werden die Verbraucher, die zur Zeit von einmaligen Sonderpreisen für Pauschalreisen profitieren, kaum akzeptieren. »Ich kann die Leute doch nicht erst mit Billigangeboten ködern«, meint ein Tourismusexperte der Münchner Unternehmensberatung Roland Berger, »und sie dann auf einmal kräftig zur Kasse bitten.«
Pfiffige Wirte auf Mallorca beherzigen die Lektion des Roland-Berger-Manns schon: Mit Geschenken und Freigetränken locken sie zurzeit das verbliebene Partyvolk an den Tresen. In den Discotheken »Paradise« und »Zorbas« in El Arenal wird jeder Neuankömmling mit Gratis-Kaffee und T-Shirt begrüßt, andere Tanzlokale bieten Durchzechen bis sechs Uhr morgens für 13 Mark.
Selbst der traditionelle Kampf zwischen Deutschen und Engländern um die besten Plätze in der Sonne ist abgeblasen. Handtücher mit der Aufschrift »Ich war vor den Deutschen am Pool« braucht das britische Boulevardblatt »Sun« diesmal nicht zu verteilen: Im Sommer 2000 finden selbst Langschläfer an Schwimmbad und Strand wohl locker ein Plätzchen. DINAH DECKSTEIN, FRANK HORNIG
* Kalkterrassen von Pamukkale (l.), Tempelfassade in AbuSimbel.