Viel Ungemach - DER SPIEGEL
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Artikel 32 / 105

BANKEN Viel Ungemach

Den bundesdeutschen Geldhäusern geht es schlecht wie nie.
• aus DER SPIEGEL 48/1981
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Günter Fleckenstein, für die Finanzen zuständiges Vorstandsmitglied der Krupp Stahl AG, suchte Hilfe bei seiner Hausbank. Für einige Monate, so legte der Krupp-Mann Managern der Dresdner Bank dar, brauche er einen Überbrückungskredit.

Mit dem Gepumpten wollte er Weihnachtsgeld, Lohnzahlungen und fällige Investitionen der verlustreichen Stahlfirma sicherstellen.

Doch Fleckenstein blitzte bei der Dresdner ab. Die Großbank, der Firma Krupp seit Jahren verbunden, wollte - oder konnte - das Geschäft mit dem Stahlunternehmen nicht machen.

Krupp-Manager Fleckenstein, der schließlich noch einen teuren Zusatzkredit von der staatsverbundenen Westdeutschen Landesbank und der Deutschen Bank erhielt, machte eine Erfahrung, die gegenwärtig viele Unternehmensführer machen müssen: Bundesdeutschlands Banken, jahrzehntelang Symbole für Prosperität und Stabilität, geizen wie wohl noch nie zuvor in der Nachkriegszeit mit dem Geld.

Wo es auch brennt in der deutschen Wirtschaft, auf die Hilfe der Geld-Profis können die Firmenbosse immer seltener zählen. Die Geldgiganten, die der Großindustrie bislang fast jeden Kreditwunsch prompt erfüllten, haben sich übernommen.

Mit Ausnahme des Branchenführers Deutsche Bank klagen die Vorstände fast aller Konkurrenten über wachsende Risiken und fallende Gewinne, über stattliche Wertpapierverluste und magere Zinsmargen. Die Großen des deutschen Geldgewerbes - die Dresdner, Westdeutsche Landesbank, Commerzbank und Bayernhypo - melden Einbrüche an fast allen Fronten.

Die Commerzbank steckt so in der Klemme, daß ihre Aktionäre wie schon im Vorjahr keine Dividende erhalten. Commerzbank-Sanierer Walter Seipp muß jetzt sogar Anteile an der Rheinischen Hypothekenbank verkaufen, um einigermaßen bei Kasse bleiben zu können.

Ärger noch hat es die Westdeutsche Landesbank (WestLB) erwischt. Bei der Düsseldorfer Staatsbank rechneten die Revisoren die Verluste des laufenden Geschäftsjahres auf 600 Millionen Mark hoch. Der neue WestLB-Chef Friedel Neuber verpflichtete die Düsseldorfer Landesregierung zu einem Kapitalnachschub von mehr als einer Milliarde Mark, auf fünf Jahre verteilt.

Letzte Woche mobilisierte der neue Bankchef weitere 200 Millionen Mark: Die WestLB verkaufte ihren 25-Prozent-Anteil an dem Baukonzern Holzmann. 20 Prozent gehen an den Branchenführer Hochtief. Obendrein macht Neuber Kasse durch einen trickreichen Teilverkauf seines Preussag-Pakets (siehe Seite 52).

Die Dresdner Bank hat sich in ihren wichtigsten Geschäftssparten so hohe Verluste eingehandelt, daß Chef Hans Friderichs die Bank jetzt völlig umorganisierte. Vorstandsmitglied Hans-Joachim Schreiber, nach seiner Zuständigkeit für den Goldhandel »Gold-Hanjo« genannt, muß gehen - der zweite Rausschmiß eines Vorstands bei der Dresdner innerhalb von zwei Jahren.

»Durch wachsende, sich kumulierende Störfaktoren stoßen immer mehr Institute an ihre selbstgesteckten Risikogrenzen«, bekennt der Chef der Dresdner im gewundenen Banker-Deutsch.

Nur zu gern würden die Geld-Kaufleute einige ihrer besonders lästigen Risiken woanders abgeben. Ob es sich um die Sanierung der hochverschuldeten Stahlkonzerne handelt, um die Rettung des taumelnden Elektrokonzerns AEG oder um milliardenschwere Kreditgeschäfte mit Polen - mehr oder weniger verhalten rufen die Banker, die doch so viel auf die segenbringende Marktwirtschaft geben, nach dem Staat.

»Ohne Bürgschaften aus Bonn«, sagt Bankenpräsident Harald Kühnen, »können die Banken ihr Polen-Risiko nicht mehr erhöhen.« Für Walter Hesselbach, Aufsichtsrat der gewerkschaftlichen Bank für Gemeinwirtschaft (BfG), sind im Falle AEG »die Grenzen des Zumutbaren« erreicht. Die Banken hätten genug geopfert. Jetzt müsse die Regierung S.47 in Bonn an der Rettung der AEG-Arbeitsplätze mitwirken.

Dresdner-Bank-Vorstand Manfred Meier-Preschany kann nicht einsehen, warum die Banken noch mehr Geld in die notleidende Stahlindustrie stecken sollen. »Wir sind doch nicht«, beschied er den Bonner Wirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff, »der Reparaturbetrieb der Stahlindustrie.«

Das können Banken wie Meier-Preschanys Dresdner oder die gewerkschaftseigene Bank für Gemeinwirtschaft auch gar nicht mehr sein. Zu schlecht ist es um sie selbst bestellt.

Die BfG, zum Beispiel, geriet im Kreditgeschäft derart in Schieflage, daß die Berliner Bankenaufsicht dem Institut einen zweiten Abschlußprüfer verordnete. Die neuen BfG-Prüfer sollen herausfinden, wie viele Reserven die BfG-Banker in den letzten zwei Jahren mobilisieren mußten, um an ihre Großaktionäre noch rund 270 Millionen Mark an Gewinnen abführen zu können. Allein die Grundstücksverkäufe an Firmen des Gewerkschafts-Bereichs, wie die Versicherungsgesellschaft Volksfürsorge, sollen sich auf fast 100 Millionen Mark summieren.

Um die Einbrüche dieses Jahres auszugleichen, haben die Gewerkschaftsbanker neue Bilanz-Manöver geplant. Die beiden BfG-Chefs Diether Hoffmann und Thomas Wegscheider wollen in einem raffinierten Geschäft zum Jahresultimo einen 25-Prozent-Anteil der BfG-Tochtergesellschaft Allgemeine Hypothekenbank an zwei gewerkschaftlich kontrollierte Finanzimperien veräußern.

Der führende deutsche Bausparkonzern, das Beamtenheimstättenwerk (BHW), und der Versicherungstrust Volksfürsorge sollen ihren Kollegen von der BfG über 100 Millionen Mark für die Hypo-Bankanteile überweisen. Obendrein soll der BfG-Großaktionär, die. gewerkschaftseigene Beteiligungsgesellschaft für Gemeinwirtschaft, mit klotzigen Kapitalspritzen von jährlich 200 Millionen Mark einspringen.

Nicht nur widrige Zeitläufte sorgten für den Ertragseinbruch bei den großen Geldhäusern. Es rächt sich nun, daß sich die aggressiven Großbankiers auf einen Wettlauf mit Sparkassen und Volksbanken eingelassen haben.

In der Hoffnung auf billige Spargelder und lukrative Konsumentenkredite überzogen insbesondere die großen drei (Deutsche, Dresdner und Commerzbank) die bevölkerungsreichen Ballungszentren mit einem dichten Filialnetz. »Fast an jeder Sparkassen-Ecke tauchte eine Großbank auf«, erinnert sich Sparkassenpräsident Helmut Geiger.

Mit über 44 000 Zweigstellen ist der deutsche Bankenmarkt heute völlig überbesetzt. Gut ausgelastet sind nur wenige der aufwendig hergerichteten Filialen.

Die Zweigstellenleiter sollten das biedere Sparvolk anlocken. Denn die Einlagen auf Sparbüchern und gewöhnlichen Konten werden vergleichsweise niedrig verzinst und bieten den Banken günstige Finanzierungsquellen.

Doch die Spekulation auf die billigen Spareinlagen ging nur teilweise auf. Der Anteil der Spar- und Sichteinlagen von Privatkunden fiel während der letzten fünf Jahre im Vergleich zu allen anderen Geldquellen der Großbanken erheblich zurück. Seit dem letzten Jahr schmolzen diese billigen Gelder bei den Großbanken um fast acht Milliarden Mark ab.

Gleichzeitig sitzen die Banker auf Krediten, die sie in besseren Zeiten zu außerordentlich günstigen Zinssätzen langfristig ausgeliehen haben. Ohne sich allzusehr um die eigenen Finanzierungskosten zu scheren, hatten die Banker die Kundschaft zu Discount-Preisen in Pump-Geschäfte gelockt. Das damit verbundene Risiko von drastischen Zinsänderungen hatten viele der auf hohes Wachstum fixierten Bankbosse völlig ignoriert.

Als die Zinssätze von 1979 an in hektischen Sprüngen nach oben schossen, saßen die Geldverwalter auf ihren alten Kreditbeständen. Sie müssen nun über Jahre hinaus höhere Preise für den Geldeinkauf zahlen, als sie von ihren Schuldnern für die knapp kalkulierten Kredite kassieren können.

Allein in den Büchern der Bank für Gemeinwirtschaft und der Bayerischen Landesbank addieren sich die Billigdarlehen zu festem Niedrigzins auf jeweils drei Milliarden Mark. Bei der Westdeutschen Landesbank in Düsseldorf summierte sich das Volumen der Kredit- und Wertpapier-Schieflagen Mitte 1981 auf 10,3 Milliarden Mark. Bei der Commerzbank türmen sich die Forderungen mit festen Zinssätzen auf den einsamen Branchenrekord von 20,5 Milliarden. Den Commerzbank-Chef Robert Dhom kostete das Mißmanagement genauso den Job wie den WestLB-Vorsteher Johannes Völling.

Übel ist, wieder mal, die Hessische Landesbank (Helaba) dran. In einer vertraulichen »Tischvorlage« schockte ihr Vorstandsvorsitzender Heinz Sippel beim letzten Verwaltungsrats-Treffen Mitte September seine Kontrolleure mit unangenehmen Zahlen.

Auf sinkende Zinsen spekulierend, hatten die Helaba-Manager festverzinsliche Wertpapiere gekauft. Bezahlt wurden diese Papiere mit Einlagen, deren Verzinsung sich nach den Marktbewegungen verändert.

Bis zur Jahresmitte, so das peinliche Sippel-Papier, kletterte dieser »nicht fest refinanzierte Wertpapierbestand« auf nunmehr 2,5 Milliarden Mark. Im Juni kostete Sippel die Refinanzierung dieser Rentenpapiere 11,63 Prozent. Dem stand nur eine Durchschnittsrendite der Helaba-Papiere von 7,75 Prozent gegenüber: ein überaus aufwendiges Verlustgeschäft.

Die Verwaltungsräte der erst vor wenigen Jahren mit 2,6 Milliarden Mark geretteten Helaba fürchten nun weitere Ausfälle. Auf der Herbstsitzung der Helaba-Verwaltungsräte beklagte sich Hessens Sparkassenpräsident und Helaba-Chefkontrolleur Adolf Schmitt-Weigand: »Ich habe den Eindruck, daß der Vorstand die Dinge nicht überblickt und eine falsche Informationspolitik betreibt.«

Der von Sippel präsentierten »Rohbilanz« konnten die Helaba-Kontrolleure S.49 entnehmen, daß sich das Betriebsergebnis der Bank voraussichtlich um 54,4 Prozent verschlechtern wird. Schon bis zur Jahresmitte hatte sich beispielsweise der Posten »Bewertungsverluste aus Wertpapieren« auf 94,4 Millionen Mark glatt vervierfacht.

Kleinlaut konterte Landesbankchef Sippel, die Bank werde dennoch mit Gewinn abschließen. Erst als die Helaba-Kontrolleure nachhakten, machte Sippel eine Einschränkung: Das Gewinnversprechen gelte nur, »wenn nicht noch kurz vor dem Jahresende, wie so oft in den früheren Jahren, etwas schiefgeht«.

Damit das nicht passiert, versuchte Sippel seine Verwaltungsräte zu besänftigen, habe er vorsorglich einen Kreditstopp für die ausländischen Großschuldner Polen, Jugoslawien und Brasilien verhängt - »wegen der hohen latenten Risiken«.

Die gelten für alle größeren bundesdeutschen Banken gleichermaßen: So wie sich die Geschäfte in deutschen Landen verschlechterten, so kommen zusehends auch aus dem Ausland schlechte Nachrichten.

Auf die harte Mark bauend, hatten die privaten und öffentlichen Geldkonzerne Anfang der siebziger Jahre hoffnungsvoll auf das Geschäft jenseits der Grenzen umgeschaltet. Dabei gingen die Newcomer offenbar hohe Risiken ein - zu hohe.

Die Bundesbank forderte gut 30 Geldinstitute schon vor einem Jahr auf, ihre Kredite für zwölf hochverschuldete Staaten wie Brasilien oder Jugoslawien, Südkorea oder die Türkei bei der Notenbank zu melden. Branchen-Kontrolleurin Inge-Lore Bähre vom Bankenaufsichtsamt wies die Banker mehrfach schriftlich an, ihre Risiken im Ausland breiter zu streuen.

Im Auslandsgeschäft beunruhigt Branchenkenner die wachsende Zahl chronisch zahlungsunfähiger Schuldnerländer. Allen voran die Polen: Monatelang mühten sich Vertreter von 460 westlichen Gläubigerbanken in Dutzenden von Krisensitzungen zu retten, was zu retten ist. Ende letzter Woche begannen neue Krisengespräche für die Stundung von mehr als vier Milliarden Dollar Polen-Krediten, die in den nächsten beiden Jahren fällig sind. Von den deutschen Banken sind alle großen dabei (siehe Graphik).

Staaten können zwar nicht pleite gehen. Aber für die ohnedies schwer getroffenen Geldverleiher ist es schon schlimm, wenn Länder-Kunden wie im Fall Polen ihre Zinsen nicht mehr bezahlen können.

Und das Beispiel Polen scheint Schule zu machen. Ende Oktober konnten plötzlich zwei weitere Comecon-Länder ihre Devisenverpflichtungen in Zürich, Luxemburg und Frankfurt nicht mehr erfüllen. Anfang November schließlich zeigten die fünf afrikanischen Länder Liberia, Madagaskar, Senegal, Uganda und Zaire an, daß sie bis auf weiteres ihre im Westen aufgenommenen Kredite nicht zurückzahlen können.

Soviel Ungemach auf einmal, soviel Ungünstiges gleichzeitig aus dem In- wie aus dem Ausland hatte kaum einer der auf stete Expansion programmierten Bankchefs einkalkuliert. Dreißig Wohlstandsjahre lang gewöhnten sie sich an einen Geschäftsgang, bei dem allenfalls grobe Managementfehler oder fahrlässige Spekulation ein Geldhaus in Not bringen konnten.

Nun müssen sie dazulernen - daß draußen kommunistische Regime keineswegs so stabil sind, wie es scheint; oder daß daheim hohes Wirtschaftswachstum, und damit eine munter florierende Industrie, keineswegs naturgesetzlich garantiert ist.

Schnell wird die Bankenkrise sicherlich nicht vorüber sein. Die verlustreichen Bestände an niedrig verzinsten Alt-Krediten schmelzen erst in den nächsten drei bis vier Jahren allmählich ab. Einbußen im Wertpapiergeschäft sowie Ausfälle im Firmen-, Branchen- und Länderportefeuille werden eher noch zunehmen.

»Die Ertragsmisere«, sagt ein Frankfurter Großbanker, »ist auf Jahre programmiert.«

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