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KONZERNE »Viele Bälle in der Luft«

Der Versuch, im Ausland Fuß zu fassen, brachte der Telekom fast nur Enttäuschungen ein. Nun droht ein neuer Rückschlag: der Verlust des amerikanischen Brückenkopfes.
Von Frank Dohmen und Klaus-Peter Kerbusk
• aus DER SPIEGEL 40/1999
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Sein strategisches Ziel hatte Ron Sommer stets im Blick. »Wir wollen ein wirklich globales Unternehmen werden«, hieß die Parole, die der Chef der Deutschen Telekom seinen Mitarbeitern immer wieder einhämmerte.

Nur »durch Fusionen und Akquisitionen im Ausland«, so glaubt der fließend Englisch und Französisch sprechende Telekom-Stratege, habe der Bonner Telefonkonzern eine sichere Zukunft. Scheitert die Strategie, warnt Sommer, werde die Telekom »in wenigen Jahren nichts anderes sein als ein nicht zukunftsfähiger Regionalladen im wichtigsten Industriezweig des 21. Jahrhunderts«.

Obwohl die Telekom rund 30 Milliarden Mark für Beteiligungen in aller Welt ausgab, ist Sommer seinem Ziel bisher kaum näher gekommen. Nicht einmal vier Prozent seiner Umsätze erzielte Europas größter Telefonkonzern 1998 mit »internationalen Aktivitäten«. Auch in diesem Jahr dürfte das Auslandsgeschäft kaum mehr Einfluss auf den Telekom-Umsatz haben als eine homöopathische Dosis.

Womöglich fällt Sommers ehrgeiziger Plan vom Weltkonzern sogar noch eine Nummer kleiner aus, denn in den USA droht ein heftiger Rückschlag. Sommers Ambitionen müssten sich dann vorerst einmal auf Europa beschränken.

Der Angreifer heißt Bernie Ebbers und ist Chef des amerikanischen Telefonkonzerns MCI-Worldcom. Der ruppige Selfmademan aus Kanada, der innerhalb weniger Jahre aus einer kleinen Klitsche einen weltweit tätigen Telefonkonzern zusammengezimmert hat, will nun auch noch die US-Firma Sprint, an der die Telekom mit zehn Prozent beteiligt ist, übernehmen.

Schon in der kommenden Woche wollen Ebbers und Sprint-Chef William Esrey ihre Verhandlungsergebnisse der Öffentlichkeit präsentieren. Werden sich Esrey und Ebbers einig - und viele Analysten halten das für wahrscheinlich -, verliert die Telekom ihren einzigen Brückenkopf auf dem größten Telefonmarkt der Welt. »Dann«, sagt ein Analyst, »steht Sommer ziemlich nackt da.«

Sommer kann dagegen wenig unternehmen und muss den Verhandlungen in den USA zunächst weitgehend tatenlos zusehen. In den 1996 abgeschlossenen Verträgen mit den Amerikanern ist nämlich festgeschrieben, dass die Telekom ihre Beteiligung 15 Jahre lang nicht erhöhen darf. Auch ist es den Deutschen nicht erlaubt, sich ohne Zustimmung der Amerikaner »an Übernahmetransaktionen im Hinblick auf Sprint zu beteiligen«.

Durch den Übernahmeversuch von Ebbers gerät nicht nur Sommers Stützpunkt in den USA ins Wanken. Auch das zusammen mit Sprint und France Télécom betriebene Gemeinschaftsunternehmen Global One, das unter dem anspruchsvollen Namen in 65 Ländern Telefondienste für multinationale Unternehmen anbietet, steht vor dem Aus. Im weltweiten Telefongeschäft müsste Sommer dann quasi wieder bei null anfangen.

Zwar ist die Telekom inzwischen in vielen Ländern Osteuropas, in England, Österreich und Italien sowie in Südostasien (siehe Grafik Seite 142) vertreten. Doch außer der Beteiligung an der ungarischen Telefonfirma Matáv, bei der sich die Bonner zwischen 1993 und 1995 mit 1,4 Milliarden Mark einkauften, trägt bislang keins der Engagements nennenswerte Früchte. Und im internationalen Mobilfunk-Geschäft ist sogar der Newcomer Mannesmann mit Beteiligungen in Italien, Frankreich und Österreich erfolgreicher als der ehemalige Monopolist.

Eine Serie von Pleiten, Pech und Pannen begleitete viele Auslandsengagements der Telekom von Anfang an. »Wir haben zwar viele Bälle in der Luft«, sagt selbstkritisch ein hochrangiger Telekom-Manager, »aber wir wissen nicht, welcher wieder runterkommt.«

Häufig wurden Preise gezahlt, die nach Ansicht von Experten weit überhöht waren. Selbst Sommers jüngster Sieg, die Übernahme der britischen Mobilfunkfirma One-2-One, ist intern heftig umstritten.

Der Kaufpreis sei völlig unangemessen, mahnte etwa Finanzchef Joachim Kröske, als Sommer Ende August den Deal vom Aufsichtsrat genehmigen ließ. Statt 19,6 Milliarden Mark sei die Nummer vier auf dem englischen Mobilfunk-Markt höchstens zehn Milliarden wert, monierte Kritiker Kröske, der spätestens Ende März an den Haniel-Manager Karl-Gerhard Eick abgibt.

Es wäre nicht Sommers erster Fehlgriff im Streben nach internationaler Präsenz. Allein in den vergangenen fünf Jahren belasteten die Auslandsengagements, für die der Bonner Telefonriese in diesem Zeitraum etwa zehn Milliarden Mark bereitstellte, die Konzernbilanz mit Verlusten von insgesamt mehr als 2,5 Milliarden Mark. Hinzu kommen Abschreibungen in Milliardenhöhe, die tiefe Spuren in Kröskes Zahlenwerk hinterlassen haben.

Ein besonders hohes Lehrgeld musste die Telekom in Südostasien bezahlen. Denn die meisten Beteiligungen in der einstigen Boomregion erwiesen sich inzwischen als faule Eier.

Das Fiasko begann, als die Telekom im April 1995, kurz vor Sommers Amtsantritt, für 1,03 Milliarden Mark 25 Prozent an der indonesischen Mobilfunkfirma Satelindo übernahm. Der im Bonner Kanzleramt unterschriebene Vertrag war die größte Investition eines deutschen Unternehmens in Indonesien und wurde von der Telekom als »Meilenstein auf unserem Weg zur Internationalisierung« gefeiert.

Doch außer Spesen und Verlusten in Millionenhöhe brachte das Milliardeninvestment den Bonnern nichts ein. Heute steht der Meilenstein mit einem Buchwert von null Mark in Kröskes Bilanz.

Ein Jahr nach dem Einstieg in Indonesien verbrannten sich die unerfahrenen Telekom-Aufkäufer erneut die Finger, als sie für 914 Millionen Mark knapp 21 Prozent an der malaysischen Telefonfirma TRI übernahmen und weitere 371 Millionen Mark für eine Beteiligung an der philippinischen Firma Islacom ausgaben.

Kaum war die Tinte unter den Verträgen trocken, ging der Aktienkurs der TRI steil nach unten. Quartal für Quartal musste Kröske seither den Buchwert der TRI-Beteiligung weiter reduzieren. Aus dem Investment von insgesamt 1,2 Milliarden Mark in Malaysia und auf den Philippinen wurde so innerhalb von zwei Jahren ein Erinnerungsposten von jetzt nur noch 280 Millionen Mark.

Das mit gewaltigen Vorschusslorbeeren bedachte Bündnis Global One brachte ebenfalls nur Verluste ein. Nach endlosen Kompetenzstreitigkeiten und technischen Problemen fällt die Firma im heftig umkämpften Telefon- und Datengeschäft mit multinationalen Konzernen immer weiter hinter die Erwartungen der Muttergesellschaften zurück. Und während sich in dem Bündnis von AT & T und British Telecom ein neuer starker Konkurrent formiert, meldet der Dreierbund von Sprint, France Télécom und Deutscher Telekom für das erste Halbjahr 1999 sogar einen Umsatzrückgang um 18 Prozent.

Seit Sommers gescheitertem Versuch, Telecom Italia zu übernehmen, sind die Aussichten auf einen baldigen Erfolg von Global One gegen null gesunken. Denn Michel Bon, der Chef von France Télécom, sah in Sommers Vorstoß nach Rom einen Bruch der vertraglich verabredeten Partnerschaft. Aus Verärgerung reichte er bei der Internationalen Handelskammer eine Klage ein und kündigte den Bonnern die Freundschaft. Stattdessen will Bon nun als Konkurrent von Sommer antreten. Seit Wochen verhandeln die Franzosen mit dem Viag-Konzern über eine Übernahme des Mobilfunkablegers E-Plus.

Noch geben sich die Telekom-Lenker gelassen. Selbst den drohenden Verlust des amerikanischen Brückenkopfes sehen viele Manager nicht als Gefahr. Die diversen Klauseln in den Verträgen mit Sprint hätten die Telekom ohnehin nur behindert: »Wir konnten nichts tun ohne die Zustimmung der Partner.«

Da die Telekom beim Poker um den an der Börse mit 70 Milliarden Dollar bewerteten Sprint-Konzern wenig Chancen hat, versuchen die Konzernstrategen nun, aus der Not eine Tugend zu machen. Der Vorstoß von MCI, so die neue Lesart, gebe der Telekom die Chance, endlich wieder mehr Handlungsfreiheit zu gewinnen. Mit den Milliarden, die Sommer für das Zehnprozentpaket an Sprint kassiert, könnte die Telekom ihre Expansion forcieren.

Wenn Sommer in letzter Minute nicht doch noch ein überraschender Schachzug auf dem US-Markt gelingt, dann ist der globale Vorstoß allerdings erst einmal gescheitert. Davon ist bei Analystentreffen seit einiger Zeit ohnehin nur noch wenig die Rede. »Erste Priorität«, gibt dort Sommers neuer Auslandschef Jeffrey Hedberg die jetzt geltende Marschrichtung vor, »hat für uns der Ausbau des paneuropäischen Mobilfunknetzes.«

Denn eines haben die Telekom-Strategen aus den Misserfolgen der Vergangenheit gelernt: »Auslandsbeteiligungen, bei denen wir nicht das Sagen haben, bringen nichts.« FRANK DOHMEN, KLAUS-PETER KERBUSK

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