MANAGER Viele Hüte
Günter Vogelsang hatte sich die Jahre »nach Erlangung der persönlichen Freiheit« etwas anders vorgestellt. Als er 1972, im Alter von 53 Jahren, die Verlängerung seines Chefvertrages bei Krupp ausschlug, hatte Vogelsang nur noch gelegentlich eine Firma beraten wollen.
Ein Buch über seine Manager-Praxis wollte er schreiben, viel Ferien machen, mit der Familie auf der hochseefesten Motoryacht im Mittelmeer kreuzen und die kommandolosen Anlegemanöver, auf die er so stolz ist, noch gekonnter hinlegen.
Doch für den Ruhestand blieb ihm wenig Zeit. Der Aussteiger aus dem Management zählt heute zu den Mächtigsten in der Industrie und in der Bankwelt. Nur wenige unter Deutschlands Managern haben sich so viele einflußreiche wie einträgliche Ämter und Beratungsaufträge gesichert wie Günter Vogelsang, 63.
Beim Stahl geht es kaum noch ohne Vogelsang. Wenn Politiker in Bonn über Subventionen befinden; wenn die Konzerne, wie in diesen Wochen, über Fusionen verhandeln - Günter Vogelsang sitzt zumeist mit am Tisch.
Deutschlands prominentester Berater leitet die Aufsichtsratssitzungen des Düsseldorfer Mischkonzerns Veba, der Thyssen-Werft Blohm + Voss und der Kölner Versicherungsgruppe Gerling. Er sitzt in den Kontrollgremien der Deutschen Bank und von Daimler-Benz, von Thyssen und Arbed Saarstahl, der Reederei Hapag-Lloyd, des Elektronik- und Waffenkonzerns Diehl und der Ruhrkohle.
Finanzminister Gerhard Stoltenberg machte den parteilosen Exmanager zu seinem »Beauftragten« für die Neuorganisation der Bundesunternehmen. Der vom Kabinett vorigen Mittwoch beschlossene Verkauf von knapp 14 Prozent der Veba-Aktien, wodurch der Bundesanteil auf 30 Prozent abgebaut wird, ist in vielen Gesprächen zwischen Stoltenberg und Vogelsang ausgeheckt worden.
Soviel Macht und Einfluß wird allmählich auch manchen von Vogelsangs Manager-Kollegen unheimlich. Sie mutmaßen, daß der Allgegenwärtige bei seinen Tips auch mal Interessen verquickt.
»Ich setze mir halt immer den jeweiligen Hut auf«, pflegt Vogelsang seinen Kritikern zu entgegnen, »das Köpfchen jedenfalls bleibt aber immer dasselbe.«
Gelegentlich verwechselt Vogelsang schon mal die Hüte. In mehreren Sitzungen des Ruhrkohle-Aufsichtsrats argumentierte der Vielzweck-Manager gegen die Diversifikationspläne von Ruhrkohle-Chef Karlheinz Bund, der Projekte zur Kohleveredlung vorantrieb. Dafür mag es sachliche Gründe geben. Auffällig ist nur, daß der Veba-Konzern sich ebenfalls mit der Kohleverflüssigung beschäftigt. Und bei der Veba ist Vogelsang Aufsichtsratsvorsitzender.
Die Möglichkeiten, die ihm ein Posten wie der des Veba-Aufsichtsratsvorsitzenden bietet, nutzt Vogelsang natürlich auch, um die richtigen Leute auf wichtige Plätze zu bringen.
Um den eigenmächtigen Veba-Chef Rudolf von Bennigsen-Foerder zu kontrollieren, setzte er ihm einen Aufpasser in den Vorstand - den früheren Werft-Manager Heinz Ache. Seinem einstigen Krupp-Kollegen verhalf er zu dem wichtigsten Ressort, der Unternehmensplanung. Die war bis dahin beim Chef selber angesiedelt.
Pragmatisch, wie ein Machtmensch nun mal handelt, hat er in einem anderen Konzern genau für das Gegenteil plädiert. Bei Daimler-Benz trat er dafür ein, die Unternehmensplanung dem Finanzvorstand Edzard Reuter, einem Sozialdemokraten, wegzunehmen. Dafür ist jetzt der Vorstandschef Gerhard Prinz zuständig, ein ideologisch unverdächtiger Mann.
Seine Klientel schätzt an dem gelernten Diplom-Kaufmann vor allem die analytischen Fähigkeiten. Wenn Vogelsang Gesellschafter oder Manager befragt, dann bohrt er so lange, bis er die Schwachstellen in der Produktion oder beim Personal aufgedeckt hat.
Zu Diensten ist Günter Vogelsang mehreren Auftraggebern. Doch ein Kunde weiß seine Interessen durch ihn besonders gut vertreten: Bundesdeutschlands größtes Geldhaus, die Deutsche Bank.
Hermann Josef Abs, der noch immer einflußreiche Ehren-Vorsitzende der Deutschen, hat viel für Vogelsangs Aufstieg getan. Die innige Beziehung dauert bis heute an, noch immer berät sich Vogelsang mit Abs.
Im Auftrag der Deutschen Bank sitzt Vogelsang in den Aufsichtsräten von Daimler-Benz und Hapag-Lloyd. Im fünfköpfigen Kreditausschuß der Deutschen Bank, dem wohl wichtigsten Geld-Gremium in der deutschen Privatwirtschaft, entscheidet der Abs-Vertraute mit über die Vergabe von Groß-Krediten an Industrie und Handelsfirmen.
Bei seinem bisher wichtigsten industriepolitischen Auftrag steht Vogelsang im Geruch, vor allem die Geschäfte der Deutschen Bank besorgt zu haben. Gemeinsam mit Alfred Herrhausen von der Deutschen und mit Marcus Bierich von der Allianz-Versicherung entwarf er im Bonner Auftrag ein Konzept zur Rettung der Stahlindustrie.
Was die drei Moderatoren im Januar dieses Jahres vorschlugen, lief auf eine milliardenschwere Subventionierung der Stahlindustrie hinaus. Damit wären vor allem die Probleme der Deutschen Bank gelöst. Sie ist mit hohen Kreditbeträgen mehr als alle anderen Banken in das Stahldesaster verwickelt.
Für die konkursreife Saarstahl GmbH soll der Staat mit weiteren Subventionen einspringen. Die Klöckner-Werke und der Hoesch-Konzern, die beide Vogelsangs Institut als Hausbank haben, sollten mit dem bundeseigenen Stahlkonzern Salzgitter verschmolzen werden. Die Dauerverluste des Trios hätte letzten Endes Bonn zu tragen.
Ähnlich sollte es auch bei der Fusion von Thyssen und Krupp ablaufen. Die beiden Firmen, so hatte Stahl-Moderator Vogelsang vorletzte Woche empfohlen, sollten 1,2 Milliarden Mark Subventionen aus Bonn erhalten.
Dazu wird es wohl nicht kommen. Letzte Woche offerierte Bonn, als letztes Angebot, gerade 500 Millionen. Das aber ist Thyssen zuwenig.